Presse-Newsletter zu "Das Rheingold" Premiere vor der Premiere: Der Ring ist schon da!
Regisseur
Herbert Wernicke hat dem Nationaltheater ein Piercing verpaßt, indem er an der Hauptfassade einen großen Neonring installieren ließ.
Diese Licht-Installation wird bis zur Vollendung der gesamten neuen
Ring-Produktion am Nationaltheater leuchten, um alle Künste zu einem großen Gesamtkunstwerk, ganz im Sinne Richard Wagners, zu verbinden.
John Tomlinson, der Wotan dieser Produktion, beantwortet einige Fragen zu seiner Sicht auf seine Rolle und die Musik.
Wenn Sie heute - nach so vielen Malen - den Wotan singen, bedeutet es Ihnen mehr als irgendeine andere Rolle?J.T. Auch wenn ich Boris Godunow, Hans Sachs oder König Philip, alle großen Rollen probiere und ich werde gefragt: "Was ist Ihre liebste Rolle?", antworte ich immer: "Wotan". Mir fällt keine andere Rolle ein, in keinem Stimmfach, die so komplex und reich von einem Komponisten ausgestattet wurde. Die Geschichte des ganzen
Rings ist die Geschichte der Geburt des Gottes, seines Aufstiegs zur Macht, seiner aus Hybris und Selbstzufriedenheit verursachten Fehler, seiner genialen Idee, die Welt durch seine von ihm unabhängigen Nachkommen zu retten, und seines Heldenmutes, mit dem er seinem unabwendbaren Tod entgegen sieht. All seine Bemühungen sind die Versicherung dafür, daß wir einen Schimmer der Hoffnung aus der Asche aufsteigen sehen, wenn wir das Abschließende, lange nachklingende Thema ganz am Ende des Rings hören.
Wotan ist immer präsent: ob er auf der Bühne ist oder nicht, ob er singt oder still ist; jede Hauptfigur des Stückes spricht ständig über ihn, mit Ausnahme von Siegfried, der sich auffallender Weise des Einflusses seines Großvaters nicht bewußt ist. Der Gott steigt zu den absoluten Höhen der Freude auf und versinkt in tiefste Depression; er erreicht Erstaunliches und macht dabei leichtsinnige Fehler. Sein Unterbewußtsein ist tief und rätselhaft, sein Intellekt brillant und erfinderisch. Die Tugend, die ich an ihm am meisten bewundere: er gibt niemals auf. Er findet immer Grund für erneute Hoffnung.
Der Ring ist wirklich eine Parabel über menschliche Errungenschaften. Der menschliche Geist kann große Dinge leisten. Aber jede Handlung setzt ein Netz von Gegenreaktionen in Gang. Die menschliche Findigkeit versucht, diesen unvorhergesehenen Ereignisssen entgegenzuwirken, doch am Ende führen diese Bemühungen zu nichts, egal, wie geschickt und lang der Kampf auch ist.
Das Beste das man erreichen kann, ist der Umstand, daß am Ende kein Schaden entstanden ist und daß in der Zukunft ein neuer (gleichfalls vergeblicher) Versuch, etwas zu erreichen, gemacht werden kann. Ja, natürlich steckt Nihilismus in diesem vergeblichen Energieaufwand; aber letztendlich auch die Fähigkeit Gegebenes anzunehmen, Weisheit, Gelassenheit. Sogar Freude.
Vielleicht ist das der Grund, warum Wotan, wenn er und seine Welt zu Nichts vergehen ein leichtes sanftes Lächeln auf den Lippen hat, wie wir am Ende des
Rings erfahren.
Ist Richard Wagner Ihr Lieblingskomponist?
J.T. In der BBC gibt es eine bekannte Radiosendung, die "Platten für eine einsame Insel" heißt. Jede Woche wird ein Gast eingeladen, seine acht Lieblingsplatten (oder heutzutage CDs) vorzustellen, die er auswählen würde, wenn er allein und ausgesetzt, keine andere Musik hören könnte. Die Idee, ein einsam Gestrandeter zu sein, ist eine gute Stimulation für die Vorstellungskraft; eine Möglichkeit, das eigene Unterbewußtsein zu erforschen; also herauszufinden, was tief in Dir drin wirklich Deine Lieblingsmusik ist. Das ist die Frage.
Vor einigen Jahren war ich auf der "einsamen Insel" und meine Auswahl für die Sendung enthielt Musik von Mozart, Verdi, Wagner (drei Stücke), Bach und Händel (das achte Stück war im Gegensatz dazu, ein Song The Police von 1982, eine ernstgemeinte Wahl aus dem Repertoire unserer modernen "Pop" - Kultur.) Der Moderator fragte mich ganz am Ende der Sendung, was meine Wahl wäre, wenn ich nur eine der acht Aufnahmen mitnehmen könnte. Ich dachte mir: "Natürlich Wagner!"; doch meine Lippen sagten: "Bach".
Ich habe oft ein sehr enge Nähe zwischen der Musik dieser beiden genialen Männer gesehen. Die Eröffnungstakte von
Rheingold oder
Walküre erinnern z.B. an Bach-Preludes, und das Verweben und Entwickeln von Leitmotiven ist im Grunde eine kontrapunktische Idee. Beide Komponisten sind ganz sicher Mitglieder der selben musikalischen Familie, auch wenn ihre Generationen durch 140 Jahr oder mehr getrennt sind.
22.02.02
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