Ballett und Wildnis
Tänzer des Bayrischen Staatsballetts begaben sich in den Urwald

Kann es einen grösseren Gegensatz geben als den zwischen der ganz sich selbst überlassenen Wildnis, wie sie etwa in den Wäldern des Nationalparks Bayerischer Wald zu finden ist, und der artifiziellsten aller Theaterformen, dem klassischen Tanz? Till Meyer, eine Kapazität unter den international bekannten Natur-Journalisten, und ebenso interessierter Tanz-Beobachter, treibt diese Frage seit langer Zeit um. Es bleibt sein Geheimnis, wie er es schaffte, dreizehn Mitglieder des Bayrischen Staatsballetts, darunter mit Lisa-Maree Cullum eine der Top-Ballerinen und weltweit umworbenen Star des Ensembles, für ein Wildniscamp am Falkenstein zu begeistern. Großzügig eingeladen von der Nationalpark-Leitung, verbrachten neben Cullum Laure Bridel-Picq, Katja Geiger, Pavla Mikolavcic, Matthew Cranitch, Marc Geifes, Vincent Loermans, Bruce McCormick, Marc Mondelaers, Ryan Ocampo Alexandre Vacheron, Ballettdirektor Ivan Liška und sein Stellvertreter Wolfgang Oberender zwei faszinierende Tage in den Bergen des Bayerischen Waldes. Schweißtreibende Abhänge wurden erklommen, Würste am Lagerfeuer gegrillt, das Erwachen der Natur im Morgengrauen beobachtet und Erfahrungen ausgetauscht. Was heißt überhaupt Wildnis? Wie weit ist es möglich, inmitten unserer Zivilisation einem Wald, einer Landschaft vollkommene Freiheit zu lassen, „Urwald“ zuzulassen? Für Wildniscamp-Leiter Lukas Laux faszinierende Fragen mit brennenden politischen Problemstellungen, besonders da, wo die Wildnis für die Zivilisation eine Bedrohung darzustellen scheint. Andere, vom Ballett ausgehende Fragestellungen, die das Verhältnis von Natur und Ästhetik berührten, waren nicht weniger interessant: hat die so ganz und gar künstliche Technik des klassischen Balletts überhaupt noch etwas mit Natur zu tun? Braucht andererseits der Tanz-Künstler nicht Zugang zu den elementarsten , wildesten Naturkräften, wenn er mit seiner Kunst überzeugen will? Was bleibt von diesem Wochenende? Für die Tänzer eine sehr intensive körperlich-seelische Erfahrung, die sicherlich in ihre Arbeit einfließen wird. Vielleicht mehr? Ein Wunschtraum für Journalist Till Meyer (von Ballettdirektor Liška mit Neugiert unterstützt) ginge in Erfüllung, wenn sich der eine oder die andere junge Choreographin des Ensembles inspiriert fühlen würde, sich mit dem Thema Wildnis choreographisch auseinanderzusetzen. Lassen wir uns überraschen. back