Bayerisches Staatsballett
Ballettdirektor Ivan Liška
Ballett und Wildnis
Junge Choreographen des Bayerischen Staatsballetts choreographieren für Tänzer des Bayerischen Staatsballetts
Samstag, 17. Juli 2004, 21.00 Uhr
Sonntag, 18. Juli 2004, 16.00 und 20.00 Uhr
Waldbühne beim Hans Eisenmann Haus, Neuschönau
Lucy & George
Choreographie, Kostüme, Licht: Cheryl Wimperis und Bruce McCormick
Musik: De-Phazz (The Mambo Craze) mit Cheryl Wimperis, Bruce McCormick
Erst wenn der letzte Baum.... *
Choreographie, Kostüme, Licht: Marc Geifes
Musik: Daniel Ployer und Elliot Goldenthal (Floating bed aus dem Film Frida) mit Zuzana Zahradniková, Vincent Loermans * Erst wenn der letzte Baum gefällt, /der letzte Fluss vergiftet /und der letzte Fisch gefangen ist, / werdet ihr feststellen, /dass man Geld nicht essen kann. (Prophezeiung der Cree-Indianer)
Nimm’s wie du willst
Choreographie, Kostüme, Licht: Marlon Dino
Musik: Kronos Quartett (Musik aus dem Film Requiem for a dream) mit Fiona Evans, Cheryl Wimperis, Matthew Cranitch
Elemente
Choreographie: Bruce McCormick
Musik: Herwig Wagner – Auftragskomposition –
Solo-Cello: Marlies Sobotka
Kostüme: Tomek Sadurski
mit Fiona Evans, Maira Fontes, Chantal Gagnebin, Pavla Mikolavcic,
Katharina Sobotka, Cheryl Wimperis
Bruce McCormick, Vincent Loermans, Olivier Vercoutère
Maira und Alen
Choreographie, Kostüme, Licht: Valentina Divina
Musik: Henryk Mikolaj Górecki (zwei Sätze aus Three Olden Pieces)
mit Maira Fontes, Alen Bottaini (17. Juli)/Lukas Slavicky (18. Juli)
A respiração entre nós (Der Atem zwischen uns)
Choreographie, Kostüme, Licht: Cheryl Wimperis und Bruce McCormick
Musik: Ives Mendes (Castacias)
mit Cheryl Wimperis, Bruce McCormick
The only thing we have to do is think positive
Choreographie, Kostüme, Licht: Pavla Mikolavcic
Musik: Zap Mama
mit Maira Fontes, Chantal Gagnebin, Stephanie Hancox, Pavla Mikolavcic
Technische Leitung Bayerisches Staatsballett: Joachim Ehrler. Technische Leitung Hans Eisenmann Haus: Stefan Vießmann, Licht: Wieland Müller-Haslinger. Ton: Rüdiger Hermann. Produktions-Koordination: Wolfgang Oberender. Inspizientin: Christina Schneider.
Idee und Konzeption von Ballett und Wildnis: Till Meyer Das Projekt Ballett und Wildnis ist eine Kooperation der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald und des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz mit dem Bayerischen Staatsballett und der Nationalparkgemeinde Neuschönau.
Suche nach neuen Wegen
Zum Programm Ballett und Wildnis Till Meyer ist einer der profiliertesten und engagiertesten Journalisten der internationalen Szene, der sich mit dem Thema Natur und Mensch auseinandersetzt. Seine regelmäßigen Artikel erscheinen unter anderem in Natur und Kosmos sowie in vielen anderen internationalen Publikationen. Von ihm ging auch die Initiative für das Projekt Ballett und Wildnis aus. Die Überzeugungskraft, mit der er so zahlreiche Tänzer des Bayerischen Staatsballetts dafür gewinnen konnte, sich für viele Wochenenden auf das Abenteuer "Wildnis" einzulassen und dieses Erleben dann auch in ihre Versuche mit dem Medium Choreographie einzubringen, ist beispiellos. Dazu gehört auch, wie er den Fotographen Berny Meyer in das Unternehmen einzubinden wusste. Die entstandene Fotoserie erwies sich als so faszinierend, dass eine Ausstellung daraus entwickelt werden konnte, die bereits im Münchner Nationaltheater und im Nationaltheater Prag gezeigt wurde, und die jetzt im Hans Eisenmann Haus zu sehen ist. Das Ballett-Programm ist in gewissem Sinn auch eine Hommage an seinen Enthusiasmus. Im folgenden beschreibt Till Meyer seine Eindrücke von den entstanden Stücken nach der Vorpremiere Anfang Juli im Münchner Akademietheater. "Junge Choreographen" ist eine Aufführungsreihe des Bayerischen Staatsballetts. Darin bekommen die Tänzerrinnen und Tänzer der Truppe Gelegenheit, selbst nach neuen Wegen im Ballett zu suchen, indem sie eigene Stücke choreographieren. Für die diesjährige Reihe der "Jungen Choreographen" ließen sich etliche der Künstler von Ausflügen in die Wildnis des Bayerischen Waldes inspirieren, die im Juli, August und Oktober 2003 stattfanden, sowie im Januar 2004. Nimm´s wie du willst, so heißt das erste Stück von Marlon Dino. Der Titel ist Programm, denn modernes Ballett öffnet dem Publikum Interpretations-Freiräume, die das klassische Ballett seltener bieten kann. Was wir auf der Bühne sehen oder zu sehen glauben, das "Gespür", das von den Tänzerinnen und Tänzern ausgeht, ist nicht alleine von den Akteuren auf der Bühne abhängig, von der Musik und der Beleuchtung, sondern auch und vor allem von uns, dem Publikum!
Nimm´s wie du willst hatte bei der Vorpremiere im Münchner Akademietheater ein Hilfsmittel, was aus technischen Gründen nicht in die Wildnis mitgenommen werden konnte: eine Filmleinwand, auf der einige Szenen aus dem Proben-Alltag der Balletttänzer in den Räumen am Münchner Platzl gezeigt werden. Es ist dieser Alltag der vermeintlich künstlichen Ballettwelt, die uns Marlon Dino als Ausgangsplattform vorführt und von der er uns gleichsam fortreißt in den wilden Strudel des Seelenlebens der Tänzer und Tänzerinnen. Wir merken, das moderne Ballett ist alles andere als ein steriler, von der Realität abgekapselter Raum, sondern ganz besonders offen und sensibel für Einflüsse von Außen. Dass sich Themen wie Wildnis und Wildheit einschleichen können und ihren Platz fordern, überrascht nun nicht mehr. Auch das nächste Stück, Erst wenn der letzte Baum..., von Marc Geifes, erinnert kaum noch an klassisches Ballett. Was wir hier zu sehen bekommen, ist ausgefeiltes Tanztheater, welches das ausbeuterische Verhältnis des Menschen zur Natur aufs Korn nimmt und zu einem aufregenden, am Ende überaus überraschenden Spektakel verdichtet. Die begleitende Klangkollage führt nicht nur in das Thema ein und treibt es auf die Spitze, sondern verweist auch auf die scharfen Disharmonien, mit denen wir uns offenbar abgefunden haben.
Die metallischen Schläge, die am Anfang des Stückes den Ruf der Meisen übertönen und die weichen südamerikanische Rhythmen am Schluss, welche im Dreivierteltakt die auferstehende, triumphierende Natur charakterisieren sollen, sind mehr als nur Untermalung. Vielmehr verweisen diese Klänge auf eines der wichtigsten Grundmotive des modernen Tanzes. Hans Brandenburg beschrieb diese Kunstform in seinem Buch "Der Moderne Tanz" bereits 1921 als Reaktion auf die "Eigentümlichkeiten des Maschinenzeitalters" und als "Gegengewicht gegen die Künstlichkeiten unseres Lebens".
In Valentina Divinas Stück Maira und Alen kommt die Wildheit vor allem in der Beziehung zwischen Frau und Mann zu ihrem Recht. Divina zeigt uns (interpretiert durch Maira Fontes) zunächst einige Beispiele aus dem Vokabular des klassischen Balletts. Doch die Leichtigkeit und Unschuld, die uns Spitzenschuhe und schneeweißes Tutu suggerieren sollen, wirken auf einmal wie ein anachronistischer Käfig, in dem die Frau gefangen gehalten wird. Der klare, authentische und wildbewegte Tanz des Mannes verstärkt diese Wirkung. Um dem (wilden) Mann ebenbürtig zu werden, muss sich die Frau erst aus ihrem Käfig befreien. Doch mit dem Ablegen der traditionellen Rollenattribute geht der Ärger erst richtig los. Der Pas de Deux zeigt, dass die neuen Freiheiten viele neue Widersprüche und Fragen enthalten. Ein abwechselndes aufeinander-zu und-voneinander-wegbewegen illustriert, dass die Natürlichkeit, nach der wir streben, nicht unbedingt auch mit Harmonie gleichzusetzen ist. Wildheit und Freiheit ist alles, nur kein stabiler Zustand!
Bruce McCormick war bei den Ausflügen in die Wildnis besonders von der zerstörerischen Kraft des Borkenkäfers beeindruckt und der Fähigkeit der Natur, sich zu regenerieren und einen Neuanfang zu schaffen. In seinem Stück Elemente versucht sich McCormick freilich nicht an einer eins-zu-eins Umsetzung dieses Themas. Vielmehr beschäftigt er sich mit Fragen grundsätzlicher Natur und zieht damit vermittels der getanzten Elemente Wind, Feuer, Wasser und Erde alle Register der Jungen Choreographen. Fragen tun sich auf. Etwa: Dürfen wir diesen vier Elementen, auch wenn sie durch Menschen verkörpert werden, menschliche Eigenschaften andichten? Ist die Natur brutal, gleichgültig, gnadenlos, hat sie Weitsicht oder sogar Humor? Das Spiel der Delphine in den Wellen sorgt jedenfalls für Heiterkeit. Und die ist bitter nötig um uns von der Beklemmung zu befreien, die uns überkommt, wenn sich die ganze Weisheit der Natur im Grabspruch "Erde zu Erde und Asche zu Asche" zu beschränken scheint. Wissen die Delphine am Ende, dass darin die Zukunft der Welt liegt? Dem Wind jedenfalls kann es gleichgültig sein.
The only thing we have to do is to think positive von Pavla Mikolavcic ist vielleicht das persönlichste Stück in der diesjährigen Reihe der Jungen Choreographen. Der erste gemeinsame Ausflug der Tänzer in die Wildnis, die Übernachtungen im Wildniscamp im Bayerischen Wald, die Abende am Lagerfeuer bedeuteten für Pavla Mikolavcic und ihre Kollegen und Kolleginnen vor allem eine großartige Erfahrung der Gemeinsamkeit und Freundschaft. Doch für Mikolavcic war der Ausflug in den Bayereischen Wald auch der letzte gemeinsame Ausflug! Denn mit dieser Saison geht ihre Zeit beim Bayerischen Staatsballett zu Ende. Sie beginnt einen neuen Karriereabschnitt als Tänzerin in ihrem Geburtsland Kroatien. In ihrem Stück nimmt sie Abschied von Freundschaften und einem in sieben Jahren erlangten Heimatgefühl.
Dass sie dabei afrikanischen Rhythmen zurückgreift um Freundschaft und Heimat zu zelebrieren, zeugt von der globalen Brisanz des Heimatverlustes, der sicher auch in dem Thema Wildnis mitschwingt. Wildnis ist nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch Heimat für Menschen. Doch der unglaublich dynamische rhythmisch-pulsierenden Gleichklang, den Micolavcic durch ihre wunderbare Choreographie herstellen kann, die Kraft der Natur, die verkörpert wird durch die verführerischen Tänze junger Mädchen in roten Kostümen, all dies wird der Vergänglichkeit preisgegeben. Durch den Verlust von Heimat und Freundschaften drohen Orientierungs- und Ratlosigkeit. Nur Optimismus ("Now I really have to think positive") können jetzt noch helfen - und das Vertrauen in die Kraft der Natur und die Natur des Menschen.
Till Meyer
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Ballettdirektor Ivan Liška
Ballett und Wildnis
Junge Choreographen des Bayerischen Staatsballetts choreographieren für Tänzer des Bayerischen Staatsballetts
Samstag, 17. Juli 2004, 21.00 Uhr
Sonntag, 18. Juli 2004, 16.00 und 20.00 Uhr
Waldbühne beim Hans Eisenmann Haus, Neuschönau
Lucy & George
Choreographie, Kostüme, Licht: Cheryl Wimperis und Bruce McCormick
Musik: De-Phazz (The Mambo Craze) mit Cheryl Wimperis, Bruce McCormick
Erst wenn der letzte Baum.... *
Choreographie, Kostüme, Licht: Marc Geifes
Musik: Daniel Ployer und Elliot Goldenthal (Floating bed aus dem Film Frida) mit Zuzana Zahradniková, Vincent Loermans * Erst wenn der letzte Baum gefällt, /der letzte Fluss vergiftet /und der letzte Fisch gefangen ist, / werdet ihr feststellen, /dass man Geld nicht essen kann. (Prophezeiung der Cree-Indianer)
Nimm’s wie du willst
Choreographie, Kostüme, Licht: Marlon Dino
Musik: Kronos Quartett (Musik aus dem Film Requiem for a dream) mit Fiona Evans, Cheryl Wimperis, Matthew Cranitch
Elemente
Choreographie: Bruce McCormick
Musik: Herwig Wagner – Auftragskomposition –
Solo-Cello: Marlies Sobotka
Kostüme: Tomek Sadurski
mit Fiona Evans, Maira Fontes, Chantal Gagnebin, Pavla Mikolavcic,
Katharina Sobotka, Cheryl Wimperis
Bruce McCormick, Vincent Loermans, Olivier Vercoutère
Maira und Alen
Choreographie, Kostüme, Licht: Valentina Divina
Musik: Henryk Mikolaj Górecki (zwei Sätze aus Three Olden Pieces)
mit Maira Fontes, Alen Bottaini (17. Juli)/Lukas Slavicky (18. Juli)
A respiração entre nós (Der Atem zwischen uns)
Choreographie, Kostüme, Licht: Cheryl Wimperis und Bruce McCormick
Musik: Ives Mendes (Castacias)
mit Cheryl Wimperis, Bruce McCormick
The only thing we have to do is think positive
Choreographie, Kostüme, Licht: Pavla Mikolavcic
Musik: Zap Mama
mit Maira Fontes, Chantal Gagnebin, Stephanie Hancox, Pavla Mikolavcic
Technische Leitung Bayerisches Staatsballett: Joachim Ehrler. Technische Leitung Hans Eisenmann Haus: Stefan Vießmann, Licht: Wieland Müller-Haslinger. Ton: Rüdiger Hermann. Produktions-Koordination: Wolfgang Oberender. Inspizientin: Christina Schneider.
Idee und Konzeption von Ballett und Wildnis: Till Meyer Das Projekt Ballett und Wildnis ist eine Kooperation der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald und des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz mit dem Bayerischen Staatsballett und der Nationalparkgemeinde Neuschönau.
Suche nach neuen Wegen
Zum Programm Ballett und Wildnis Till Meyer ist einer der profiliertesten und engagiertesten Journalisten der internationalen Szene, der sich mit dem Thema Natur und Mensch auseinandersetzt. Seine regelmäßigen Artikel erscheinen unter anderem in Natur und Kosmos sowie in vielen anderen internationalen Publikationen. Von ihm ging auch die Initiative für das Projekt Ballett und Wildnis aus. Die Überzeugungskraft, mit der er so zahlreiche Tänzer des Bayerischen Staatsballetts dafür gewinnen konnte, sich für viele Wochenenden auf das Abenteuer "Wildnis" einzulassen und dieses Erleben dann auch in ihre Versuche mit dem Medium Choreographie einzubringen, ist beispiellos. Dazu gehört auch, wie er den Fotographen Berny Meyer in das Unternehmen einzubinden wusste. Die entstandene Fotoserie erwies sich als so faszinierend, dass eine Ausstellung daraus entwickelt werden konnte, die bereits im Münchner Nationaltheater und im Nationaltheater Prag gezeigt wurde, und die jetzt im Hans Eisenmann Haus zu sehen ist. Das Ballett-Programm ist in gewissem Sinn auch eine Hommage an seinen Enthusiasmus. Im folgenden beschreibt Till Meyer seine Eindrücke von den entstanden Stücken nach der Vorpremiere Anfang Juli im Münchner Akademietheater. "Junge Choreographen" ist eine Aufführungsreihe des Bayerischen Staatsballetts. Darin bekommen die Tänzerrinnen und Tänzer der Truppe Gelegenheit, selbst nach neuen Wegen im Ballett zu suchen, indem sie eigene Stücke choreographieren. Für die diesjährige Reihe der "Jungen Choreographen" ließen sich etliche der Künstler von Ausflügen in die Wildnis des Bayerischen Waldes inspirieren, die im Juli, August und Oktober 2003 stattfanden, sowie im Januar 2004. Nimm´s wie du willst, so heißt das erste Stück von Marlon Dino. Der Titel ist Programm, denn modernes Ballett öffnet dem Publikum Interpretations-Freiräume, die das klassische Ballett seltener bieten kann. Was wir auf der Bühne sehen oder zu sehen glauben, das "Gespür", das von den Tänzerinnen und Tänzern ausgeht, ist nicht alleine von den Akteuren auf der Bühne abhängig, von der Musik und der Beleuchtung, sondern auch und vor allem von uns, dem Publikum!
Nimm´s wie du willst hatte bei der Vorpremiere im Münchner Akademietheater ein Hilfsmittel, was aus technischen Gründen nicht in die Wildnis mitgenommen werden konnte: eine Filmleinwand, auf der einige Szenen aus dem Proben-Alltag der Balletttänzer in den Räumen am Münchner Platzl gezeigt werden. Es ist dieser Alltag der vermeintlich künstlichen Ballettwelt, die uns Marlon Dino als Ausgangsplattform vorführt und von der er uns gleichsam fortreißt in den wilden Strudel des Seelenlebens der Tänzer und Tänzerinnen. Wir merken, das moderne Ballett ist alles andere als ein steriler, von der Realität abgekapselter Raum, sondern ganz besonders offen und sensibel für Einflüsse von Außen. Dass sich Themen wie Wildnis und Wildheit einschleichen können und ihren Platz fordern, überrascht nun nicht mehr. Auch das nächste Stück, Erst wenn der letzte Baum..., von Marc Geifes, erinnert kaum noch an klassisches Ballett. Was wir hier zu sehen bekommen, ist ausgefeiltes Tanztheater, welches das ausbeuterische Verhältnis des Menschen zur Natur aufs Korn nimmt und zu einem aufregenden, am Ende überaus überraschenden Spektakel verdichtet. Die begleitende Klangkollage führt nicht nur in das Thema ein und treibt es auf die Spitze, sondern verweist auch auf die scharfen Disharmonien, mit denen wir uns offenbar abgefunden haben.
Die metallischen Schläge, die am Anfang des Stückes den Ruf der Meisen übertönen und die weichen südamerikanische Rhythmen am Schluss, welche im Dreivierteltakt die auferstehende, triumphierende Natur charakterisieren sollen, sind mehr als nur Untermalung. Vielmehr verweisen diese Klänge auf eines der wichtigsten Grundmotive des modernen Tanzes. Hans Brandenburg beschrieb diese Kunstform in seinem Buch "Der Moderne Tanz" bereits 1921 als Reaktion auf die "Eigentümlichkeiten des Maschinenzeitalters" und als "Gegengewicht gegen die Künstlichkeiten unseres Lebens".
In Valentina Divinas Stück Maira und Alen kommt die Wildheit vor allem in der Beziehung zwischen Frau und Mann zu ihrem Recht. Divina zeigt uns (interpretiert durch Maira Fontes) zunächst einige Beispiele aus dem Vokabular des klassischen Balletts. Doch die Leichtigkeit und Unschuld, die uns Spitzenschuhe und schneeweißes Tutu suggerieren sollen, wirken auf einmal wie ein anachronistischer Käfig, in dem die Frau gefangen gehalten wird. Der klare, authentische und wildbewegte Tanz des Mannes verstärkt diese Wirkung. Um dem (wilden) Mann ebenbürtig zu werden, muss sich die Frau erst aus ihrem Käfig befreien. Doch mit dem Ablegen der traditionellen Rollenattribute geht der Ärger erst richtig los. Der Pas de Deux zeigt, dass die neuen Freiheiten viele neue Widersprüche und Fragen enthalten. Ein abwechselndes aufeinander-zu und-voneinander-wegbewegen illustriert, dass die Natürlichkeit, nach der wir streben, nicht unbedingt auch mit Harmonie gleichzusetzen ist. Wildheit und Freiheit ist alles, nur kein stabiler Zustand!
Bruce McCormick war bei den Ausflügen in die Wildnis besonders von der zerstörerischen Kraft des Borkenkäfers beeindruckt und der Fähigkeit der Natur, sich zu regenerieren und einen Neuanfang zu schaffen. In seinem Stück Elemente versucht sich McCormick freilich nicht an einer eins-zu-eins Umsetzung dieses Themas. Vielmehr beschäftigt er sich mit Fragen grundsätzlicher Natur und zieht damit vermittels der getanzten Elemente Wind, Feuer, Wasser und Erde alle Register der Jungen Choreographen. Fragen tun sich auf. Etwa: Dürfen wir diesen vier Elementen, auch wenn sie durch Menschen verkörpert werden, menschliche Eigenschaften andichten? Ist die Natur brutal, gleichgültig, gnadenlos, hat sie Weitsicht oder sogar Humor? Das Spiel der Delphine in den Wellen sorgt jedenfalls für Heiterkeit. Und die ist bitter nötig um uns von der Beklemmung zu befreien, die uns überkommt, wenn sich die ganze Weisheit der Natur im Grabspruch "Erde zu Erde und Asche zu Asche" zu beschränken scheint. Wissen die Delphine am Ende, dass darin die Zukunft der Welt liegt? Dem Wind jedenfalls kann es gleichgültig sein.
The only thing we have to do is to think positive von Pavla Mikolavcic ist vielleicht das persönlichste Stück in der diesjährigen Reihe der Jungen Choreographen. Der erste gemeinsame Ausflug der Tänzer in die Wildnis, die Übernachtungen im Wildniscamp im Bayerischen Wald, die Abende am Lagerfeuer bedeuteten für Pavla Mikolavcic und ihre Kollegen und Kolleginnen vor allem eine großartige Erfahrung der Gemeinsamkeit und Freundschaft. Doch für Mikolavcic war der Ausflug in den Bayereischen Wald auch der letzte gemeinsame Ausflug! Denn mit dieser Saison geht ihre Zeit beim Bayerischen Staatsballett zu Ende. Sie beginnt einen neuen Karriereabschnitt als Tänzerin in ihrem Geburtsland Kroatien. In ihrem Stück nimmt sie Abschied von Freundschaften und einem in sieben Jahren erlangten Heimatgefühl.
Dass sie dabei afrikanischen Rhythmen zurückgreift um Freundschaft und Heimat zu zelebrieren, zeugt von der globalen Brisanz des Heimatverlustes, der sicher auch in dem Thema Wildnis mitschwingt. Wildnis ist nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch Heimat für Menschen. Doch der unglaublich dynamische rhythmisch-pulsierenden Gleichklang, den Micolavcic durch ihre wunderbare Choreographie herstellen kann, die Kraft der Natur, die verkörpert wird durch die verführerischen Tänze junger Mädchen in roten Kostümen, all dies wird der Vergänglichkeit preisgegeben. Durch den Verlust von Heimat und Freundschaften drohen Orientierungs- und Ratlosigkeit. Nur Optimismus ("Now I really have to think positive") können jetzt noch helfen - und das Vertrauen in die Kraft der Natur und die Natur des Menschen.
Till Meyer
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