Geschichte des Bayerischen Staatsballetts

Das Bayerische Staatsballett

Das Bayerische Staatsballett - Geschichte und Gegenwart

Zwar hat der Tanz in München eine lange Tradition, aber erst mit der Emanzipation des Balletts von der Oper, die Konstanze Vernon 1988, unterstützt vom Bayerischen Freistaat, erkämpft hatte, konnte sich die Münchner Ballett-Kompagnie zu einem der profiliertesten Ensembles der internationalen Tanz-Szene entwickeln. Das Bayerische Staatsballett, wie das ehemalige "Ballett der Bayerischen Staatsoper" nun heißt, steht in seiner dritten Spielzeit unter der Direktion von Ivan Liška, der Konstanze Vernon nach fast 10 Pionierjahren ablöste.

Blickt man auf die überraschend lange Ballettgeschichte in München zurück, so stößt man hier wie in anderen europäischen Metropolen auf die Tradition der höfischen Feste in der italienischen und französischen Manier des 16. und 17. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert wird es differenzierter: Große Namen setzen jetzt Glanzlichter. So traten Paul und Marie Taglioni im Jahre 1825 in München auf, als das Nationaltheater nach einem der damals häufigen Theaterbrände wiedereröffnet wurde.

Jeder Münchentourist erinnert sich an das Bild einer südländischen Schönheit in strengem schwarzem Samt: Lola Montez, eine abenteuerlustige Lady irisch-schottischer Herkunft, die nach einer stürmischen Liebesaffäre in Sevilla als spanische Tänzerin durch Europa reiste und in München mit ihrer Kunst den alternden König Ludwig I. so in ihren Bann zog, dass die Affaire im Krisenjahr 1848 nicht unwesentlich zu dessen Abdankung beitrug. Ein Jahr voher musste auf besonderen Wunsch der Dame, die nunmehr eine Gräfing Landsfeld geworden war, das Ballett Giselle, das 1845 am Nationaltheater einstudiert worden war, wieder aufgeführt werden und dies mitten im August, zu einer Zeit, wo fast ein Drittel des Personals beurlaubt war, wie der königliche Hofsolotänzer und Ballettmeister Michael La Roche in seinen Aufzeichnungen am 27. 8. 1847 vermerkt, "ich hatte keine geringe Arbeit, darnach ging es gut, Demoiselle Holler wurde von ihren Vertretern fetiert und gerufen, ich leitete das ganze Ballett".

Giselle
blieb über Jahrzehnte im Repertoire und wurde "aus Anlaß des Gastspiels des Frl. Grahn (die Tänzerin Lucile Grahn, nach der heute noch eine Straße in München benannt ist) ... neu in Szene gesetzt und gefiel in allen Theilen außerordentlich ..." Am 24. Oktober desselben Jahres vermerkt La Roche: "Frl. Grahn betrat heute bei gut besetztem Haus zum letzten Mal die Bühne, wurde 8mal (vor den Vorhang) gerufen und es flogen Kränze". Im Jahr 1869 machte Lucile Grahn München zu ihrer Wahlheimat, war bis 1875 als Ballettmeisterin tätig und studierte unter anderem die Ballette Sylvia und Coppelia ein und wirkte bei der tänzerischen Gestaltung der Erstaufführungen von Richard Wagners Rheingold, Tannhäuser und Meistersinger mit.

 
Die Arbeit der Ballettschule und Compagnie nahm ihren unspektakulären Fortgang als Bestandteil des königlichen, dann staatlichen Opernhauses, und die Hauptaufgabe bestand in den Tanzeinlagen und Bewegungschören für Opern. Die Compagnie überdauerte jedoch sowohl die Kampfansage des expressionistischen Ausdruckstanzes mit seinem Ruf "Das Ballett ist tot" als auch die schwarzen Jahre der beiden Weltkriege und des Faschismus.

Im Herbst des Jahres 1945 machte sich Marcel Luitpart an die Arbeit, sammelte die Mitglieder des Ensembles in einem Saal inmitten der Bombentrümmer des Nationaltheaters, der noch vier aufrechte Wände hatte, die fest genug schienen, ein provisorisches Dach zu tragen. Über Schutthaufen und rutschige Holzstiegen ging es noch in den Fünfziger Jahren ins einst königliche Opernhaus - unvergeßlich für alle, die es noch erlebt haben. Luitpart brachte eine recht erfolgreiche Serie von Balletten, vorwiegend aus dem Repertoire von Diaghilevs Ballets Russes in eigenen Adaptionen heraus und er verursachte - heute kaum zu verstehen - im Juni 1948 mit der Uraufführung von Werner Egks Abraxas einen handfesten Theaterskandal mit der vom Herrn Kultusminister persönlich verfügten Absetzung des Werkes nach fünf Vorstellungen  - "wegen allzu großer Freizügigkeiten".

Unter der Direktion von Victor Gsovsky kam das Münchner Ballett zu besonderer Blüte, in einer Verknüpfung russischer Tanztradition und innovativer choreographischer Tendenzen der jungen französischen Tanzszene außerhalb der starren Rituale der Opéra. Victor Gsovsky war unter anderem beim Ballet des Champs-Elysées tätig gewesen. Von dort brachte er als Ballerina Irène Skorik mit, die für eine ganze Generation von Tanzeleven Ideal und Vorbild wurde, für das Publikum Inbegriff romantisch-klassischer Tanzkunst. In den folgenden Jahren (1952 - 1954) leiteten Pia und Pino Mlakar das Ensemble mit einem bunten Gemisch von Balletten, in dem sie auch einige von Victor Gsovskys Arbeiten wieder aufnahmen.

 
Mit Alan Carter und seiner Frau Joan Harris als Trainingsmeisterin hielt die englische Schule in München Einzug, die unter dem gestrengen Auge von Ninette de Valois in der Londoner Schule des Sadlers Wells und späteren Royal Ballet kodifizierte Technik, basierend auf den Lehren ehemaliger zaristischer Ballerinen aus St. Petersburg, die mit Diaghilevs Ballets Russes oder als Emigranten der Revolution nach England gekommen waren. Diese ausgewogene Tanztechnik erwies sich vor allem auch als Maßstab in der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen für eine längere Periode als segensreich, und hierin lag wohl der bedeutendste Einfluß von Alan Carter auf die Münchner Ballettentwicklung.

Auf die so geschulten Gruppentänzer und Solisten, denen Carter in seinen sehr verschiedenartigen Balletten und Tanzdramen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten gegeben hatte, konnte Heinz Rosen aufbauen, als er 1959  für fast ein Jahrzehnt die Leitung des Staatsopernballetts übernahm. Rosen kam aus der Schule des deutschen Ausdruckstanzes von Rudolf von Laban. In seinen Tanzwerken überwog immer der sichere Blick für den inszenatorischen Effekt, die dramatische Wirkung der Körperlinien im Raum über ein relativ variationsarmes Tanzvokabular. Er hatte aber das Glück, im Ensemble Tänzerpersönlichkeiten zu haben von intensiver Gestaltungskraft, wie Natascha Trofimova, Heino Hallhuber, Franz Baur oder Walther Matthes, die seine Intentionen tänzerisch umzusetzen vermochten. In den folgenden Jahren holte er immer wieder hervorragende Tänzer nach München, teils als Gäste, teils fest verpflichtet. Dabei erwies sich das Engagement einer jungen Berliner Solistin aus der Schule von Tatjana Gsovsky als besonders folgenreich: Konstanze Vernon.

Mit der Einführung einer Ballettfestwoche 1960 öffnete Heinz Rosen die Türe der internationalen Ballettwelt. Es gelang ihm, Gastspiele von ganzen Ensembles und Stars zustande zu bringen, die für Münchner Tänzer und Publikum Maßstäbe aufzeigten. Zumal bei den Gala-Abenden traten hervorragende Solisten aus den Tanzmetropolen des Westens - London, New York, Paris, Kopenhagen - gemeinsam mit Stars vom Bolschoi Ballett auf. Und manchmal übernahmen sie die Starrollen in Repertorieballetten des Münchner Balletts. Ein wichtiger, wenn auch kleiner Schritt auf die internationale Bühne waren einige Auslandsgastspiele in Europa.

Als Spielstätte diente, bis zur Wiedereröffnung des Nationaltheaters im Jahre 1963, das Prinzregententheater, ein dem Bayreuther Festspielhaus nachempfundenes Arenatheater mit exemplarischem Jugendstilcharme, das 1996 nach dreißigjährigem Dornröschenschlaf renoviert wurde und heute als zweite Spielstätte des Bayerischen Staatsballetts dient.

 
In den zwei Jahrzehnten zwischen der Ära Rosen und der Gründung des Bayerischen Staatsballetts lagen eine Reihe von kürzeren Amtsperioden.

Wichtig und zukunftsweisend waren vor allem die Jahre, in denen John Cranko, neben seiner Arbeit in Stuttgart, die Ballettgeschicke in München lenkte (1968 - 1970) und München drei der schönsten Handlungsballette schenkte: Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung. Seine künstlerische Einflußnahme wirkte noch fort in der Direktorenzeit seines Tänzerkollegen aus der Jugendzeit am Royal Ballet, Ronald Hynd. Die von vielen gehegte Hoffnung, daß Cranko sein Wirkungsfeld ganz nach München verlegen würde, hatte sich nicht erfüllt, allerdings bestimmte er mit der Einstudierung einer Reihe seiner wichtigsten Werke weitgehend den Stil der Kompanie. Bis heute sind Crankos drei große Handlungsballette Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung ein entscheidend prägender und unverzichtbarer Teil des Repertoires des Bayerischen Staatsballetts.Aber auch Direktoren wie Dieter Gackstetter, der Jerome Robbins für seine erste Arbeit mit einer deutschen Ballettkompagnie gewann, und die dramatische  Ballerina Lynn Seymour, die William Forsythe zu einer Uraufführung für München bewegen konnte und deren Akquisition des Bournonville-Juwels La Sylphide noch heute eine Säule des Repertoires bildet, setzten deutliche künstlerische Akzente. Unter Direktor Edmund Gleede begann die Entwicklung von Youri Vamos, der heute zu den wichtigsten Choreographen Europas zählt und Stefan Erler brachte David Bintley zum ersten Mal nach Deutschland. Mitte der 70er Jahre war in München auch ein Tänzerehepaar engagiert, das über zwei Jahrzehnte später als Direktor und Ballettmeister in die Kompagnie zurückkehren sollte: Ivan Liška und Colleen Scott.

 
Im ganzen  waren jene Jahre vor allem geprägt durch wachsende Spannungen, die aus der Abhängigkeit der Ballettdirektoren von den meist in Sachen Ballett gänzlich unbeschlagenen und uninteressierten Opernintendanten erwuchsen, Spannungen, die es schließlich unmöglich erscheinen ließen, irgendeinen qualifizierten Direktor zu gewinnen.

Es ist Konstanze Vernons persönliches Verdienst, dank ihrer unbeirrbaren künstlerisch-pädagogischen Vision, auch Dank ihres politischen Spürsinns, die verantwortlichen Kulturpolitiker davon überzeugt zu haben, daß eine sinnvolle Ballettarbeit nur ohne Einmischung fachfremder Theaterleute, nur mit einer künstlerisch und etatmäßig unabhängigen Ballett-Direktion und ausreichenden Probenräumlichkeiten zu erreichen sein würde. Vernon, in den 60er und 70er Jahren Münchens führende Ballerina und eine Ikone der bayerischen Ballettszene, hatte die wichtigste Grundlage für die Entwicklung bereits Jahre vorher mit der Umwandlung der Opernballettschule zur staatlichen Ballettakademie gelegt, im Zusammenhang mit der Gründung der Heinz-Bosl-Stiftung.

Diese Stiftung auf den Namen ihres frühverstorbenen international renommierten Tanzpartners entwickelte sich rasch zu einer Münchner Institution mit weltweiter Ausstrahlung. Die Münchner Akademie war übrigens die erste in Deutschland, die konsequent ihre Ausbildung auf das russische Waganowa-System umstellte. Und lange vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs waren russische Pädagogen in München gern gesehene prägende Gäste. Internationale Wettbewerbserfolge taten ein übriges, daß München bald als eine der ersten internationalen Adressen für die Tänzerausbildung zum Begriff wurde. Der Erfolg überzeugte auch die Münchner Politiker, die 1988 Konstanze Vernon mit der Leitung und Umwandlung des im Windschatten der Staatsoper dahintanzenden Opernballetts zu einer selbständigen Ballettkompagnie beauftragten, die sich mit der Oper natürlich das glanzvolle Nationaltheater und die Produktionsstätten teilt.

In diesen Jahren gelang es durch konsequente und langfristige Repertoirepolitik, allerorts begehrte Choreographen wie Hans van Manen, John Neumeier, Jiri Kylian, Mats Ek, Lucinda Childs oder Angelin Preljocaj zur Arbeit in München zu gewinnen oder zurückzugewinnen, wo in den Jahren zuvor viel diplomatisches Porzellan zerschlagen worden war. Sie schätzen das Können der Tänzer und deren Bereitschaft, sich neuen, ungewohnten Aufgaben zu stellen.

 
Im September 1998 trat Ivan Liška sein Amt als Direktor des Bayerischen Staatsballetts an. Er war über zwanzig Jahre lang einer der prägenden Solisten des Hamburger Balletts unter John Neumeier, der unzählige große Rollen für ihn kreiert hat. Seine Erfahrung als einer der profiliertesten Tänzer der Welt gibt er jetzt im Ballettsaal und auf der Bühne an die Mitglieder seiner Kompagnie weiter.

Das Repertoire des Bayerischen Staatsballetts -  vielleicht das vielfältigste und substanzreichste Repertoire, das auf der Welt zu finden ist, - umfaßt mehr als fünfzig Werke. Gewichtig und umfassend die großen abendfüllenden Ballette: von der Romantik - Giselle und La Sylphide, - über die Klassik - Schwanensee, Dornröschen, Don Quijote, La  Bayadere  - zu den Klassikern unseres Jahrhunderts - John Crankos Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung; La Fille mal gardée von Frederick Ashton und John Neumeiers Ein Sommernachstraum, Der Nussknacker und Die Kameliendame. Dazu Meisterwerke von Balanchine, Kylian, van Manen, Peter Martins und Stücke renommierter Vertreter des Modern Dance wie Twyla Tharp, Lucinda Childs, Angelin Preljocaj. Mats Eks atemberaubende neue Version von Giselle, seine provokante Studie über Leben und Tod A sort of...  bereichern das Repertoire. Die deutsche Erstaufführung von La Bayadère als Versuch der Rekonstruktion der vollständigen Fassung durch Patrice Bart war ein letzter Höhepunkt der Ära Vernon und ist eine der erfolgreichsten Klassikerproduktionen des Hauses.

Ivan Liškas Pläne für eine Erweiterung des Repertoires sind nicht weniger ehrgeizig, als es die seiner Vorgängerin waren: seine erste Premiere im Dezember 1998 umfaßte Werke von Balanchine, José Limon, endlich auch von  William Forsythe und eine Kreation des Kanadiers Jean Grand-Maitre. Die zweite Premiere im März 1999 präsentierte ein neues Handlungsballett: Emma B., nach Motiven der Madame Bovary von Gustave Flaubert, ebenfalls in der Choreographie von Jean Grand-Maitre zu einer Auftragskomposition von Denis Gougeon. Die Resonanz bei der deutschen Presse war wenig verständnisvoll und reserviert, während die internationale Fachkritik das Werk teilweise begeistert und respektvoll diskutierte.

 
In seiner zweiten Spielzeit (1999/2000), die das Bayerische Staatsballett sozusagen ins dritte Jahrtausend führte, setzte Liška weiter auf Wagnis und Risiko: Strawinskys Sacre in einer neuen Choreographie des umworbenen Japaners Saburo Teshigawara, eine neue Petruschka- Fassung von Amir Hosseinpour, ein experimenteller Abend im Prinzregententheater, ein weiteres Forsythe Ballett the second detail:  mehr als genug Herausforderungen für die Münchner Compagnie und das Münchner Publikum. Daß Liška darüber hinaus John Neumeier bewegen konnte, München ein weiteres abendfüllendes Handlungsballett - A Cinderella Story -  zu überlassen, sprach für sich.

Entscheidend steigerte sich das internationale Renommé des Bayerischen Staatsballetts auch mit den regelmäßig durchgeführten Gastspielen, die nach ersten Erfolgen Anfang der Neunziger Jahre nicht mehr auf sich warten ließen. Dem einhelligen Erfolg, ja Triumph im Tanzmekka New York folgten Tourneen nach Korea, nach Peking und Shanghai, die Philippinen - von Spanien, der Schweiz und anderen europäischen Ländern nicht zu reden. Und die ersten Reisen unter Ballettdirektor Ivan Liška führten das Bayerische Staatsballett nicht nur an die Budapester Staatsoper, sondern auch - und zwar mit größtem Erfolg - ins legendäre Mariinsky-Theater von St. Petersburg. Das russische Publikum, das sich nach wie vor als wahrer Gralshüter des klassischen Balletts betrachtet, machte aus seiner Begeisterung für die Aufführungen der Münchner kein Hehl und feierte die Kompagnie enthusiastisch. In der Zwischenzeit eroberten sich die Tänzer auch Kiew, tanzten wieder in Sevilla und Madrid, Venedig, Ferrara, Bozen, Reggio Emilia – bereisten den indischen Subkontinent und gewannen die Herzen des tanzbegeisterten indischen Publikums in Delhi, Bombay, Kalkutta mit russischer Klassik und niederländischer Moderne. In der Spielzeit 2003/2004 überschlugen sich die Gastspiel-Angebote. Das Bayerische Staatsballett reiste nicht nur nach Kanada (Montréal, Ottawa), sondern auch nach Prag, ins türkische Antalya und – eine besonders ehrenvolle Berufung – nach Athen, um dort Deutschland als Kulturbotschafter im künstlerischen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele zu vertreten. Im Oktober 2006 tanzte die Kompagnie dann in Peking und Shanghai, um ein Jahr später die Präsenz im fernen Osten zu komplettieren mit einem Gastspiel in der Taiwaneschischen Hauptstadt Taipeh. Noch davor, im September 2006, eröffnet das Bayerische Staatsballett die Ballettsaison am Teatro la Fenice in Venedig und ist damit zum ersten Mal im renovierten Theaterjuwel der Serenissima zu sehen.

Ivan Liskas letzte Spielzeiten hielten, was man sich versprochen hatte. Die Reihe der Klassikeradaptionen wurde weitergeführt mit Raymonda zur Musik von Alexander Glasunov. Der New Yorker Robbins Trust gab In the Night nach München. Im Frühjahr 2001 folgte ein Abend mit Robbins, Balanchines Brahms-Schönberg-Quartett und einer Kreation des Avantgarde-Choreographen Jacopo Godani mit dem Titel After Dark. In der Spielzeit 2002/2003 begann eine Premierenserie, die die künstlerische Persönlichkeit jeweils eines Choreographen im Fokus eines Abends zu bündeln versucht. Porträt Jirí Kylián war das erste, gefolgt von Porträt John Neumeier, Porträt Mats Ek und – 2004/2005 – Porträt Hans van Manen. 2003 stellte sich Ivan Liška mit Dornröschen zum ersten Mal der Aufgabe, einen Klassiker des 19. Jahrhunderts selbst zu inszenieren. Die Spielzeit 2004/2005 brachte als erste Premiere William Forsythes abendfüllendes Werk Limb’s Theorem, das zu einem sensationellen Erfolg wurde und bis heute vor ausverkauften Häusern getanzt wird. Die Eröffnungspremiere der Ballettwoche 2005 präsentierte neben Balanchines Agon und Kylians Bella Figura eine Kreation des israelischen Choreographen Itzik Galili, So nah so fern, der damit zum ersten Mal in München arbeitete. Die Spielzeit 2005/2006 bot überhaupt nur Uraufführungen: das abendfüllende Ballett Die silberne Rose (nach Hofmannsthals Rosenkavalier) von Graeme Murphy und die drei durch Michael Simons Bildvision verklammerten Werke Century Rolls von Davide Bombana, In the Country of Last Things von Michael Simon sowie Elemental von Jacopo Godani. Zwei Terpsichore-Gala-Abende brachten darüber hinaus mehrere kurze Ballett-Juwelen für Münchens Top-Solisten ins Repertoire, darunter Balachines Sylvia-Pas de deux, Ashtons Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan, Stephan Thoss’ My Way und die Rekonstruktion des Anna Pavlova-Solos Die Nacht.

Die Saison 2006/2007 stand im Zeichen von Marius Petipa. Ivan Liska erarbeitete eine neue Version von „Le Corsaire“, Neufassung und historische Rekonstruktion in einem, bei der zum ersten Mal sowohl die originale Partitur von Adam und Delibes ernsthaft als bestimmende Quelle benutzt werden, als auch zum ersten Mal auf die originalen Stepanov-Notationen der Ur-Choreographie zurückgegriffen wird. Die weltweite Anerkennung des Unternehmens, das das gesamte Petipa-Repertoire der Saison einschloss, beginnend mit der Matinee „Wer hat Angst vor Marius Petipa“ bis hin zu einem internationalen Symposium, war beeindruckend. Bedeutend auch die zweite Premiere der Saison mit Kenneth MacMillans epochalem Meisterwerk „Das Lied von der Erde“ zur Musik von Gustav Mahler und der einer Premiere gleichkommenden Neueinstudierung der Münchner Kreation „Chamber Symphony“ von Lucinda Childs. Erwähnt werden muss auch, dass die bereits in der vorhergehenden Saison intensivierte Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen systematisch ausgeweitet wurde und in der Konzeption von Bettina-Wagner Bergelt zu einem eigenständigen, großen Programmpunkt geworden ist. Die jährliche Erarbeitung eines neuen Werkes mit Schülern („Anna tanzt“, I, II, 2008 nun III) jeweils im Juli bildet den Gipfelpunkt dieser Initiative.

Die Premieren der Saison 2007/2008 werden von Kreationen dominiert. Jörg Mannes choreographiert ein abendfüllendes „Sturm“-Ballett zu einer gewichtigen Musik-Zusammenstellung, die Bruckner, Sibelius und Tschaikowsky zusammenführt. Martin Schläpfer, international gefeierter Ballettdirektor in Mainz, kreiert zum ersten Mal für eine fremde Compagnie, ein Werk zu Musik von Sofia Gubaidulina. Eine weitere Uraufführung steuert der italienische Avantgarde-Künstler Simone Sandroni bei. Beide haben mit rosalie eine große Persönlichkeit als Ausstatterin zur Seite. Hans van Manen ist in dieser Saison vertreten mit der Staatsballett-Erstaufführung seines „Adagio Hammerklavier“ und der Wiederaufnahme von „Große Fuge“. Die jahrzehntelange enge Verbindung der Münchner Compagnie mit dem großen holländischen Choreographen bezeugt auch van Manens Einladung an das Staatsballett, am Festival zu seinem 75. Geburtstag in Amsterdam teilzunehmen.
Die Ballettwelt feiert im Jahre 2007 den 80. Geburtstag von John Cranko; das Bayerische Staatsballett gedenkt darüber hinaus in dieser Saison des Beginns seiner kurzen, aber bis heute prägenden Zeit als Ballettdirektor in München vor genau vierzig Jahren. Die Terpsichore-Gala VII wird dem frühverstorbenen Künstler gewidmet sein. Mit „Onegin“, das seit seiner Münchner Premiere 1972 über zweihundertmal getanzt wurde, gratuliert das Bayerische Staatsballett darüber hinaus dem zum Klassiker gewordenen Genie.

Kurz und gut, – das Bayerische Staatsballett bleibt ein aufregendes kosmopolitisches Ensemble, geführt mit künstlerischem und wirtschaftlichem Weitblick in einer intelligenten Infrastruktur. Und daher kann es -  im Gegensatz zu vielen anderen Ensembles - bei beneidenswerten 70 Vorstellungen in einer Stadt, mit fast 90% Auslastung bei 2000 Plätzen, nicht über Mangel an Interesse klagen.

Inge Zürner

Ballettdirektoren in München nach dem 2. Weltkrieg
15.10.1945 – 31.08.1948  Marcel Luitpart
01.09.1948 – 31.08.1950  Rudolf Kölling
01.09.1950 – 31.08.1952  Victor Gsovsky
01.09.1952 – 31.08.1954  Pia und Pino Mlakar
01.09.1954 – 31.08.1959  Alan Carter
01.09.1959 – 31.09.1967  Heinz Rosen
Herbst 1967 - 31.08. 1970  John Cranko
01.09.1970 – 31.08.1973  Ronald Hynd
01.09.1973 – 31.08.1975  Dieter Gackstetter (kommissarisch)
01.09.1975 – 31.08.1978  Dieter Gackstetter
16.11.1978 – 31.08.1980  Lynn Seymour
01.09.1980 – 31.08.1984  Edmund Gleede
01.09.1984 – 31.08.1986  Ronald Hynd
01.09.1986 – 31.08.1989  Stefan Erler (kommissarisch)

Gründung des Bayerischen Staatsballetts
Spielzeit 1989/1990: „Bayerisches Staatsballett in Gründung“
ab der Spielzeit 1990/91: „Bayerisches Staatsballett“

01.09.1989 – 31.08.1998  Konstanze Vernon
seit 01.09.1998   Ivan Liška (Vertrag läuft vorläufig bis 31.08.2011)
 
© Bayerische Staatsoper
 
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