



In seiner zweiten Spielzeit (1999/2000), die das Bayerische Staatsballett sozusagen ins dritte Jahrtausend führte, setzte Liška weiter auf Wagnis und Risiko: Strawinskys Sacre in einer neuen Choreographie des umworbenen Japaners Saburo Teshigawara, eine neue Petruschka- Fassung von Amir Hosseinpour, ein experimenteller Abend im Prinzregententheater, ein weiteres Forsythe Ballett the second detail: mehr als genug Herausforderungen für die Münchner Compagnie und das Münchner Publikum. Daß Liška darüber hinaus John Neumeier bewegen konnte, München ein weiteres abendfüllendes Handlungsballett - A Cinderella Story - zu überlassen, sprach für sich.
Entscheidend steigerte sich das internationale Renommé des Bayerischen Staatsballetts auch mit den regelmäßig durchgeführten Gastspielen, die nach ersten Erfolgen Anfang der Neunziger Jahre nicht mehr auf sich warten ließen. Dem einhelligen Erfolg, ja Triumph im Tanzmekka New York folgten Tourneen nach Korea, nach Peking und Shanghai, die Philippinen - von Spanien, der Schweiz und anderen europäischen Ländern nicht zu reden. Und die ersten Reisen unter Ballettdirektor Ivan Liška führten das Bayerische Staatsballett nicht nur an die Budapester Staatsoper, sondern auch - und zwar mit größtem Erfolg - ins legendäre Mariinsky-Theater von St. Petersburg. Das russische Publikum, das sich nach wie vor als wahrer Gralshüter des klassischen Balletts betrachtet, machte aus seiner Begeisterung für die Aufführungen der Münchner kein Hehl und feierte die Kompagnie enthusiastisch. In der Zwischenzeit eroberten sich die Tänzer auch Kiew, tanzten wieder in Sevilla und Madrid, Venedig, Ferrara, Bozen, Reggio Emilia – bereisten den indischen Subkontinent und gewannen die Herzen des tanzbegeisterten indischen Publikums in Delhi, Bombay, Kalkutta mit russischer Klassik und niederländischer Moderne. In der Spielzeit 2003/2004 überschlugen sich die Gastspiel-Angebote. Das Bayerische Staatsballett reiste nicht nur nach Kanada (Montréal, Ottawa), sondern auch nach Prag, ins türkische Antalya und – eine besonders ehrenvolle Berufung – nach Athen, um dort Deutschland als Kulturbotschafter im künstlerischen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele zu vertreten. Im Oktober 2006 tanzte die Kompagnie dann in Peking und Shanghai, um ein Jahr später die Präsenz im fernen Osten zu komplettieren mit einem Gastspiel in der Taiwaneschischen Hauptstadt Taipeh. Noch davor, im September 2006, eröffnet das Bayerische Staatsballett die Ballettsaison am Teatro la Fenice in Venedig und ist damit zum ersten Mal im renovierten Theaterjuwel der Serenissima zu sehen.
Ivan Liskas letzte Spielzeiten hielten, was man sich versprochen hatte. Die Reihe der Klassikeradaptionen wurde weitergeführt mit Raymonda zur Musik von Alexander Glasunov. Der New Yorker Robbins Trust gab In the Night nach München. Im Frühjahr 2001 folgte ein Abend mit Robbins, Balanchines Brahms-Schönberg-Quartett und einer Kreation des Avantgarde-Choreographen Jacopo Godani mit dem Titel After Dark. In der Spielzeit 2002/2003 begann eine Premierenserie, die die künstlerische Persönlichkeit jeweils eines Choreographen im Fokus eines Abends zu bündeln versucht. Porträt Jirí Kylián war das erste, gefolgt von Porträt John Neumeier, Porträt Mats Ek und – 2004/2005 – Porträt Hans van Manen. 2003 stellte sich Ivan Liška mit Dornröschen zum ersten Mal der Aufgabe, einen Klassiker des 19. Jahrhunderts selbst zu inszenieren. Die Spielzeit 2004/2005 brachte als erste Premiere William Forsythes abendfüllendes Werk Limb’s Theorem, das zu einem sensationellen Erfolg wurde und bis heute vor ausverkauften Häusern getanzt wird. Die Eröffnungspremiere der Ballettwoche 2005 präsentierte neben Balanchines Agon und Kylians Bella Figura eine Kreation des israelischen Choreographen Itzik Galili, So nah so fern, der damit zum ersten Mal in München arbeitete. Die Spielzeit 2005/2006 bot überhaupt nur Uraufführungen: das abendfüllende Ballett Die silberne Rose (nach Hofmannsthals Rosenkavalier) von Graeme Murphy und die drei durch Michael Simons Bildvision verklammerten Werke Century Rolls von Davide Bombana, In the Country of Last Things von Michael Simon sowie Elemental von Jacopo Godani. Zwei Terpsichore-Gala-Abende brachten darüber hinaus mehrere kurze Ballett-Juwelen für Münchens Top-Solisten ins Repertoire, darunter Balachines Sylvia-Pas de deux, Ashtons Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan, Stephan Thoss’ My Way und die Rekonstruktion des Anna Pavlova-Solos Die Nacht.
Die Saison 2006/2007 stand im Zeichen von Marius Petipa. Ivan Liska erarbeitete eine neue Version von „Le Corsaire“, Neufassung und historische Rekonstruktion in einem, bei der zum ersten Mal sowohl die originale Partitur von Adam und Delibes ernsthaft als bestimmende Quelle benutzt werden, als auch zum ersten Mal auf die originalen Stepanov-Notationen der Ur-Choreographie zurückgegriffen wird. Die weltweite Anerkennung des Unternehmens, das das gesamte Petipa-Repertoire der Saison einschloss, beginnend mit der Matinee „Wer hat Angst vor Marius Petipa“ bis hin zu einem internationalen Symposium, war beeindruckend. Bedeutend auch die zweite Premiere der Saison mit Kenneth MacMillans epochalem Meisterwerk „Das Lied von der Erde“ zur Musik von Gustav Mahler und der einer Premiere gleichkommenden Neueinstudierung der Münchner Kreation „Chamber Symphony“ von Lucinda Childs. Erwähnt werden muss auch, dass die bereits in der vorhergehenden Saison intensivierte Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen systematisch ausgeweitet wurde und in der Konzeption von Bettina-Wagner Bergelt zu einem eigenständigen, großen Programmpunkt geworden ist. Die jährliche Erarbeitung eines neuen Werkes mit Schülern („Anna tanzt“, I, II, 2008 nun III) jeweils im Juli bildet den Gipfelpunkt dieser Initiative.
Die Premieren der Saison 2007/2008 werden von Kreationen dominiert. Jörg Mannes choreographiert ein abendfüllendes „Sturm“-Ballett zu einer gewichtigen Musik-Zusammenstellung, die Bruckner, Sibelius und Tschaikowsky zusammenführt. Martin Schläpfer, international gefeierter Ballettdirektor in Mainz, kreiert zum ersten Mal für eine fremde Compagnie, ein Werk zu Musik von Sofia Gubaidulina. Eine weitere Uraufführung steuert der italienische Avantgarde-Künstler Simone Sandroni bei. Beide haben mit rosalie eine große Persönlichkeit als Ausstatterin zur Seite. Hans van Manen ist in dieser Saison vertreten mit der Staatsballett-Erstaufführung seines „Adagio Hammerklavier“ und der Wiederaufnahme von „Große Fuge“. Die jahrzehntelange enge Verbindung der Münchner Compagnie mit dem großen holländischen Choreographen bezeugt auch van Manens Einladung an das Staatsballett, am Festival zu seinem 75. Geburtstag in Amsterdam teilzunehmen.
Die Ballettwelt feiert im Jahre 2007 den 80. Geburtstag von John Cranko; das Bayerische Staatsballett gedenkt darüber hinaus in dieser Saison des Beginns seiner kurzen, aber bis heute prägenden Zeit als Ballettdirektor in München vor genau vierzig Jahren. Die Terpsichore-Gala VII wird dem frühverstorbenen Künstler gewidmet sein. Mit „Onegin“, das seit seiner Münchner Premiere 1972 über zweihundertmal getanzt wurde, gratuliert das Bayerische Staatsballett darüber hinaus dem zum Klassiker gewordenen Genie.
Kurz und gut, – das Bayerische Staatsballett bleibt ein aufregendes kosmopolitisches Ensemble, geführt mit künstlerischem und wirtschaftlichem Weitblick in einer intelligenten Infrastruktur. Und daher kann es - im Gegensatz zu vielen anderen Ensembles - bei beneidenswerten 70 Vorstellungen in einer Stadt, mit fast 90% Auslastung bei 2000 Plätzen, nicht über Mangel an Interesse klagen.
Inge Zürner
Ballettdirektoren in München nach dem 2. Weltkrieg
15.10.1945 – 31.08.1948 Marcel Luitpart
01.09.1948 – 31.08.1950 Rudolf Kölling
01.09.1950 – 31.08.1952 Victor Gsovsky
01.09.1952 – 31.08.1954 Pia und Pino Mlakar
01.09.1954 – 31.08.1959 Alan Carter
01.09.1959 – 31.09.1967 Heinz Rosen
Herbst 1967 - 31.08. 1970 John Cranko
01.09.1970 – 31.08.1973 Ronald Hynd
01.09.1973 – 31.08.1975 Dieter Gackstetter (kommissarisch)
01.09.1975 – 31.08.1978 Dieter Gackstetter
16.11.1978 – 31.08.1980 Lynn Seymour
01.09.1980 – 31.08.1984 Edmund Gleede
01.09.1984 – 31.08.1986 Ronald Hynd
01.09.1986 – 31.08.1989 Stefan Erler (kommissarisch)
Gründung des Bayerischen Staatsballetts
Spielzeit 1989/1990: „Bayerisches Staatsballett in Gründung“
ab der Spielzeit 1990/91: „Bayerisches Staatsballett“
01.09.1989 – 31.08.1998 Konstanze Vernon
seit 01.09.1998 Ivan Liška (Vertrag läuft vorläufig bis 2013)