Babylon - Inhaltsangabe

Babylon: Willard White (Priesterkönig), Statisterie Babylon: Ensemble, Chor und Statisterie der Bayerischen Staatsoper Babylon: Anna Prohaska (Inanna), Tim Kuypers, Tareq Nazmi (Pförtner)

Babylon

Jörg Widmann
Libretto von Peter Sloterdijk

 

Zwischen den Mauern von Babylon erleben Tammu, Inanna und die Seele
drei Versionen von Liebe und Freundschaft. Der Umgang der Babylonier mit
den Opferritualen und die jüdische Umdeutung des Sintflutmythos entfremdet
alle drei von ihren Wurzeln. Am Ende wird eine neue Ordnung nötig, die
sie in verschiedenen Richtungen verlassen.

Vorspiel: Vor den Relikten der Mauern einer verwüsteten Stadt im alten Orient

Auf den Trümmern einer Stadtmauer regt sich das letzte überlebende Wesen:
ein Skorpionmensch verflucht die Utopie städtischer Zivilisation. Der Nachhall
einer Prozession erinnert an die fatale Wirkung der Posaunen von Jericho.

1. Bild: In den Mauern von Babylon

Die Seele ist allein. Verlassen von ihrem engsten Getreuen, Tammu, beklagt
sie ihr Schicksal im Land der Unmöglichkeit. Tammu, der wie seine jüdischen Landsleute im babylonischen Exil lebt, ist ein Grenzgänger. Als Vertrauter
des Priesterkönigs von Babylon bewegt er sich zwischen den Welten.
Seit er die schöne babylonische Priesterin Inanna gesehen hat, ist er jedoch
nicht mehr derselbe.

Zerrissen zwischen der Seele und Inanna, erliegt Tammu der sexuellen
Macht der Babylonierin, die als Priesterin der gleichnamigen Göttin die freie
Liebe verkörpert. Sie zerstreut seine Bedenken mit einem Gleichnis, bringt
ihm ihr Lied bei, das zu einem gegenseitigen Versprechen wird, und gibt
Tammu zuletzt eine Droge, die ihn „die Wahrheit“ träumen lässt: was Liebe
in Babylon ist und worauf diese Stadt sich gründet.

2. Bild: Flut und Sternenschrecken

Tammu träumt. Während Inanna sich mit ihm vereint, spielt sich vor seinem
inneren Auge die babylonische Sintflut in all ihrem Grauen ab. Die sieben
Planeten berichten von dem verheerenden Geschehen und dem damit einhergehenden Bruch mit allem bisher Bekannten. Der Euphrat erhebt sich und klagt den Himmel an: Menschen gelegentlich dezimieren zu müssen sei das Eine, aber eine alles vernichtende Flut, die er als Fluss auf seinen Schultern austrage, gehe zu weit.

Als sich endlich das Wetter lichtet, ruft der Priesterkönig die neue Weltordnung aus. Sie ruht auf einer strengen Opferpraxis. Das prekäre Verhältnis zwischen Menschen und Göttern ist wieder hergestellt.

3. Bild: Das Neujahrsfest

Nahe dem Turm von Babylon sucht Tammu Inanna. Er hört Stimmen von
Inanna und der Seele, aber kann sie nicht zuordnen. Um ihn herum beginnt
ein orgiastisches Fest mit karnevalsartigem Treiben, Prozessionen, Darbietungen und Orakeln. Götterstatuen werden durch die Stadt getragen, Menschen mit Tierköpfen erscheinen, ebenso die sieben Phalloi und die sieben Vulven, buntes Volk, und sieben Menschenaffen. Inanna und der Skorpionmensch tragen das Schöpfungscouplet vor. Die jüdische Gemeinde versucht unterdessen, sich auf die Offenbarungen des Ezechiel zu
konzentrieren.

4. Bild: An den Wassern von Babylon

Vor der versammelten jüdischen Gemeinde diktiert Ezechiel dem Schreiber
Heiliges Wort, das er unmittelbar von Gott empfängt. Sie sind bis zu der Stelle gekommen, als nach überstandener Sintflut Noah sich bereitmacht, den Göttern mit einem Opfer für sein Überleben zu danken. Tammu, der die babylonische Version der Sintflut im Traum erlebt hat, erhebt Einspruch und streitet mit Ezechiel über die Originalität seiner prophetischen Eingebungen.

Ezechiel will weiter im Text. Zu lang schon steckte er an einer schwierigen Stelle fest. Er beschließt eine zensierte Fassung: Noah opfert nicht seinen Sohn, sondern Tiere. Gott lässt daraufhin für immer ab von seinem Fluch gegen die Erde.

Ein Bote der Babylonier verkündet, dass Tammu der Auserwählte für das anstehende babylonische Opferritual sei. Der Priesterkönig, der ihn wie seinen eigenen Sohn liebt, soll Tammu opfern.

Zwischenspiel: Das Babylon-Idyll – Nachtmusik für hängende Gärten

In ihrer Einsamkeit betrachtet die Seele die Sterne, die launischen Mächte des Himmels, als Zeichen des feierlichen und heimatlichen Lichts.

5. Bild: Das Opferfest

Der Höhepunkt des Neujahrsfestes naht. Auf dem Festplatz vor dem Turm wird der Mythos von der Schöpfung der Welt nachgespielt, mit dem Priesterkönig in der Rolle des Gottes Marduk. Der Legende zufolge formte Marduk aus dem mit Pfeil und Bogen erlegten Urdrachen Tiamat zwei Teile, den Himmel und die Erde.

Auf der oberen Plattform des Turms macht man sich für das Opferritual bereit. Eine jüdische Klagegruppe und eine Fluchgruppe rufen protestierend den Himmel an, doch können sie die Opferung Tammus nicht aufhalten.  Dem Ritual folgend opfert der König Tammu im Verborgenen.

Nicht nur die Seele bezweifelt den Sinn des Opfers, auch Tammus babylonische Liebhaberin Inanna erträgt den Tod des Geliebten nicht. Die Trauer vereint die beiden Frauen, ähnlich wie zuvor die Liebe zu Tammu. Ihre Bereitschaft, eine weitere Grenze zu überschreiten, kündigt sich an.

6. Bild: Inanna in der Unterwelt

Inanna will Tammu ins Leben zurückholen und begibt sich lärmend zum großen Höllentor, begleitet von einem Gefolge von Palasthuren und Damen aus der babylonischen City. Sie erwirkt in verzweifelter Entschiedenheit, vom Tod in die Unterwelt hineingelassen zu werden. Die Pförtner nehmen ihr an jedem der sieben Tore eine Insignie ihrer
Macht oder ein Kleidungsstück ab. Nackt und wehrlos tritt sie dem Tod gegenüber
und äußert ihr hoffnungsloses Anliegen. Die Ausnahme ihrer Liebe steht der Regel des Todes gegenüber. Der erschöpfte Tod beschließt die Ausnahme, um seine Macht zu demonstrieren: Er schickt Tammu mit Inanna zurück an die Oberwelt. Inanna darf den Geliebten beim Gang an die Pforte nicht aus den Augen verlieren.

7. Bild: Der neue Regenbogen

Tammu kehrt zurück ins Leben, der Priesterkönig hat seine ordnungsstiftende
Autorität eingebüßt: Ein neuer Vertrag zwischen Himmel und Erde muss geschlossen werden. Das Planetenseptett erscheint als fragmentiertes Regenbogen-Septett. Es verkündet die Woche als völkerverbindende Ordnung der menschlichen Zeit, die sich verneigt vor der Ordnung des Himmels, den sieben Planeten, und die jedem Gott, der in Babylon wohnt, seinen Tag gibt.

Zuletzt löst sich die Seele in Licht auf. Inanna und Tammu fliegen in einem
Raumschiff davon. Der Turm stürzt mit Getöse zusammen.

Nachspiel: Das Sternbild des Skorpions

In den neuen alten Ruinen einer orientalischen Stadt stößt der Skorpionmensch auf seine eigene Verwunderung. Der Gegenstand seiner Reflexion ist er selbst, er sticht sich selbst, verdoppelt sich, die verdoppelten Hälften teilen sich wieder und wieder.