Masurca Fogo
Gastspiel Tanztheater Wuppertal Pina Bausch - Inhaltsangabe

Pina Bausch: Masurca Fogo. Silvia Farias  © Ulli Weiss

Masurca Fogo
Gastspiel Tanztheater Wuppertal Pina Bausch


 

Fast scheint es, als sei es eher eine Last mit Lust und Liebe. Gleich zu Anfang stürzt ein Tänzer auf die Bühne, dreht in rasender Geschwindigkeit, verkauert, wirft sich auf. Eine aufheizende Saxophonmusik treibt ihn durch sein dynamisches Solo, dann ist er verschwunden. Eine Frau betritt die Bühne und beginnt, in ein Mikrophon zu stöhnen. Zu sanfter Bluesmusik legen sich Männer in eine Reihe auf den Boden und lassen die Frau auf ihren Händen durch die Luft gleiten. Sie steigt auf die Schultern eines Mannes und läßt sich hinterrücks in die Arme der anderen fallen. Dann wird sie, auf einem Stuhl sitzend, wie auf einem Kinderkarussell gedreht — und ihr Stöhnen will kein Ende nehmen. Wie so oft im Tanztheater der Pina Bausch weiß man auch hier nicht so recht, ob es denn Glücksseufzer sind oder eher ein Leiden an einem Übermaß, das sie so beständig stöhnen läßt. Nur daß sie bedingungslos vertraut und die Kinderlust am freien Flug genießt, das ist sicher.

Ein anderer Tänzer kommt, zeigt - wie eine Antwort auf so viel Hingabe - ein intimes Solo, in dem er wechselnd die Arme um den Kopf kreisen läßt, um dann schnell mit den Händen in den Raum auszugreifen. Eine Projektion blendet auf, die Musiker auf den Kapverdischen Inseln zeigt - und weiter geht die Reihe der Tanzsoli in stetig wechselnden Stimmungen und mit verschiedenartigen Musiken unterlegt. Die Quelle, aus der diese Tänze kommen, scheint unerschöpflich. Sosehr der typische Tanzstil der Pina Bausch auch definiert ist, so reich ist doch die nicht enden wollende Reihe der Variationen. Wieder und wieder lassen sich neue Nuancen der Stimmungen einfangen und als ein großer Reichtum vor dem Publikum ausbreiten. Dann unterbrechen fünf Männer dieses Eintauchen in den Strom der Gefühle, werfen sich schreiend auf den Boden, schlagen Salto - gerade so, als sei in dieser tropisch geladenen Atmosphäre, in der die Emotionen aufkochen, ein harter Schnitt nötig, der die Beteiligten wieder zu Bewußtsein bringt.

Wieder einmal macht sich das Tanztheater auf zu einer Reise an die Quellpunkte des Lebens. Diesmal zeigt die Bühne in der Tiefe einen großen weißen, perspektivisch geschnittenen Rahmen, durch den erstarrte Lava hereingequollen ist. Vieles mag nun darin erkennen: einen erkalteten Gefühlsstrom, eine gerade noch aufgehaltene Gefahr. Auf jeden Fall engt der mächtige Lavahügel das Aktionsfeld der Tänzer ein, schafft einen optischen Gegendruck zu ihren freien Tanzläufen, an dem sie sich abarbeiten. Viele Funktionen kann er in Masurca Fogo einnehmen: als Berg, gegen den man anrennt; als Gestade, an dem sich eine Gruppe von Seejungfrauen flossenwedelnd sonnt; als Strand für allerlei zweisame Intimitäten.

Die Koproduktion mit der EXPO 1998 in Lissabon und dem dortigen Goethe-Institut setzt nicht so sehr auf die gefährliche Gratwanderung, sondern präsentiert sich als großzügige Huldigung an das Leben. Dafür sorgen allein die zahlreichen Fados von Amália Rodrigues und Alfredo Marceneiro, Tango mit Gidon Kremer oder ein brasilianischer Walzer von Radamés Gnattali. Wenige treibende Musiken genügen, um das innere Spannungsgefüge von Masurca Fogo zu balancieren und das Stück nicht in planen Süßklang abgleiten zu lassen. Sie heben nur um so deutlicher hervor, worum es Masurca Fogo geht: um ein Bekenntnis zur Schönheit, zu Intimität, Nähe und Zärtlichkeit. Nicht, daß sie immer leicht zu haben wären, aber daß sie doch prinzipiell möglich sind, daß man träumen darf und sogar träumen muß, um seine Lebensfähigkeit zu halten — das behauptet Masurca Fogo mit sanft verführerischem Nachdruck. August von Platens romantisches Diktum gilt hier in einer wichtigen Abwandlung: Wer die Schönheit hat geschaut mit Augen, ist nicht dem Tode, sondern dem Leben schon anheimgegeben. So löst das Tanztheater ganz nebenbei eine alte Fehlverbindung deutscher Denktradition und schickt die Schönheit nicht länger in den Hades.

Solche Nähe will erst einmal mit dem Publikum hergestellt sein, damit sie nicht nur bloße Behauptung einer Bühnenaktion bleibt. So erzählen die Darsteller in Masurca Fogo immer wieder ganz persönliche Geschichten: Erinnerungen an wichtige Lebensträume oder eindrucksvolle Verwandte. Etwa an jene Großmutter, der in ihrer Schönheit alle Männer nachschauten und die sie anhimmelten. Manchmal allerdings muß man die ersehnte Nähe auch einfordern. Mit Stentorstimme kommandiert die Enkelin der bewunderten Großmutter Männer auf der Bühne und aus dem Parkett zu sich, um ihnen einen herzhaften Kuß auf die Stirn zu drücken. Eine Frau zwingt einen widerstrebenden Mann, sie immer wieder anzuschauen. Und manchmal eskaliert das Buhlen um Aufmerksamkeit gar zu einem erbitterten stummen Duell, in dem sich die Partner gläserweise Wasser ins Gesicht schleudern.
Gegen solche Verspanntheiten hilft Humor. Etwa wenn eine Frau einem Mann lustvoll das Knie eincremt, doch als er sie küssen will, ist er viel zu klein für sie. Ein zweiter Mann schafft Abhilfe, hebt ihn hoch, damit er sie von oben herab küssen kann. Die konventionelle Hierarchie ist wiederhergestellt und gleichzeitig schmunzelnd kommentiert. Die Waffe des Witzes vertreibt auch unliebsame Erinnerungen. Da erscheint eine Tänzerin in einem mit lauter Luftballons gespickten Bikini und berichtet von einer schrecklichen Lehrerin, die sich nichtsdestotrotz von ihren Schülern ausgiebig bewundern ließ. Mit glühenden Zigaretten zerknallen die umstehenden Männer die Ballons. Die drückende Vergangenheit zerplatzt wie eine Luftblase.

Immer wieder aber kehren die Akteure zu ihren Zärtlichkeiten zurück: zu Soli, in denen sie mit den Händen sanft den Bauch umspielen, oder zu glücklichen Läufen. Meist sind es die Männer, die dazu die Gegenseite verkörpern. Sie halten in ihren Soli den eigenen Kopf manipulieren ihre Arme und Beine, als drohe der eigene Leib auseinanderzufallen oder als sei die innere Aufregung zu groß. Sie alle aber finden sich in kindlicher Unbeschwertheit, wenn eine große Plastikplane gehalten und mit Wasser gefüllt wird, um mit genüßlichem Hechtsprung durchzuschlittern. Ein Mann fährt eine Badenixe in einer Wanne herein, und die Schöne reicht ihm aus dem Schaumbad frisch abgespültes Geschirr. das er sorgsam abtrocknet. Gemächlich kriecht ein dickes Walroß querüber. In solch entspannter Atmosphäre entläßt das Stück sein Publikum in die Pause.

Wie so oft bildet der zweite, längere Teil des insgesamt zweieinhalbstündigen Stücks eine Variation auf die bereits gesetzten Themen. Mehr und mehr tauchen projizierte Reisebilder auf die die ganze Szene überstrahlen, sie in manchmal heitere, manchmal verfremdende Farben tauchen. Es sind Menschen auf Reisen, unterwegs in Bussen, Landschaften betrachtend. Seltene Vögel sieht man, Scharen von Flamingos, einen tropischen Reichtum voller Farbkraft.
Weiter wird die Annäherung probiert, die längst nicht immer gelingt. Da tanzt eine schöne Frau, selbstvergessen ihren Körper genießend, doch als ein Mann ihr gesteht, er habe sie gern, läuft sie erst einmal davon. Langsam und zögerlich ist die Annäherung der beiden, die am Ende doch nicht gelingen will. Der Reiz liegt ganz im Spiel, in der gegenseitigen Vorsicht und Rücksicht. In einer anderen Szene betätigt sich ein Mann in langem Abendkleid als Tanzlehrer; führt Paare herein, beobachtet sie still und genau. Dann übernimmt er selbst die Frauenrolle und zeigt den Männern, mit welcher Sanftheit beim Tanz zu führen ist. Später erscheint in der Projektion eine lange Sequenz eines Tanzwettbewerbs auf den Kapverdischen Inseln.

Von jeher hat Pina Bausch in den Gesellschaftstänzen eine Form gesehen, in der sich geschützt die ersehnte Nähe zwischen Partnern herstellen läßt. In vielfältigen Abwandlungen tauchen sie in ihren Stücken auf: als beinlose Sitztänze, in die Luft gehobene Tangos oder im Raum mäandernde Gruppenprozessionen. Auch Masurca Fogo durchzieht ein solches Leitbild: eine eng getanzte Rumbaprozession, bei der sich die Männer teils ihrer Kleider entledigen. Ganz öffentlich scheint hier eine Intimität möglich, die sonst nur in den privaten Momenten erlaubt ist. Und immer wird das Publikum mit einem Lächeln einbezogen und aufgefordert, es doch - vielleicht daheim - einmal selbst wieder zu versuchen.

Zum Genuß gehören nicht nur der eigene und der andere Körper, zum Genuß gehört wesentlich auch das gute Essen, selbst wenn die wohlmeinende Mama den Sohn aus einem Riesenkessel regelrecht überfüttert. Das Leben kann eben auch ein Fest sein. Etwa so, wie das Ensemble in Windeseile aus Brettern eine kleine Bude aufbaut, um darin lärmend eine ausgelassene Party zu veranstalten. Raum findet sich - sprichwörtlich - in der kleinsten Hütte, und Armut verhindert nicht unbedingt die Lebensfreude. Das will welch immer nötiger Sozialkritik nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Es stellt nur vorurteilsfrei Momente zur Erfahrung, die helfen, sich zu erinnern, worum es denn gehen könnte. Wie ein kurzes Blitzlicht erscheinen solche Momente und sind ebenso schnell wieder verschwunden. Das Tanztheater beschränkt sich, bei aller szenischen Deutlichkeit, auf Andeutungen, kleine Fingerzeige. Es könnte ein kleiner ‘Wachtraum sein und ist doch ganz real. Wichtig ist nicht die endgültige Erfüllung des Traums, sei die Sehnsucht auch noch so groß. Wichtig ist wohl eher, die Träume - wie in der Jugend - wach zu halten und nicht aufzugeben.

Pendelnd zwischen einbrechendem Chaos und zärtlicher Intimität, zwischen hastigen, scharf konturierten Soli und wohligem Selbstgenuß läßt Pina Bausch den zweiten Teil von Masurca Fogo zu immer längeren Szenenfolgen ausufern. Witze werden erzählt wie der Kalauer von den drei Stufen des Orgasmus, der mit einem wild bekräftigenden »Jaaa!« beginnt, über ein aufhaltendes »Neiiin!« sich steigert, um sich in »Oh, mein Gott« zu erfüllen. Die Männer spielen Boccia oder Dart. Zwei Frauen liefern sich ein Frisurenduell, bei dem die eine sich aufwendig die Haare toupiert, doch gleich von einer anderen mit einer wahren Löwenmähne übertroffen wird. Gravitätisch schreitend wirft sie sich in Schale und läßt die aus dem Feld geschlagene Konkurrentin stehen.
Gegen Ende dominiert eine bewegte, gischtige Wellenprojektion die gesamte Bühne und taucht die Akteure in eine suggestive Unterwasserwelt. Ganz allmählich kommt das Stück zur Ruhe. Eine Tänzerin behauptet sich zu leiser Fadomusik inmitten des Elements, während noch einmal das Walroß vorüberkriecht. Die drei Meerjungfrauen erhalten einen Kurs in Trockenschwimmen. Noch einmal taucht die glücksschwere Seufzerin des Anfangs auf, und die lange Reihe der Paartänzer betritt zu ruhigen Gitarrenklängen den Raum. Ohne ihren Tanz zu unterbrechen, lassen die Männer ihre Hemden auf die Hüften hinuntergleiten. Dann legen sie sich, als wäre es eine laue Sommernacht mit Partnerin eng umschlungen an den Strand. Bühnenfüllende Blütenprojektionen decken die zärtlichen Paare. Im Zeitraffer springen Knospen auf und erblühen. Minutenlang steht diese Hommage an die schiere Kraft des Lebens und der Erneuerung. All I Need Is the Air That I Breathe erklingt. Dann steht eine der Frauen ganz langsam auf. Das Leben kann weitergehen.

Norbert Servos: Masurca Fogo. In: ders.: Pina Bausch. Tanztheater. Kieser Verlag, München 2003