Raymonda - Inhaltsangabe

Raymonda: Lucia Lacarra und Cyril Pierre. © Charles Tandy Raymonda: Ensemble. © Charles Tandy Raymonda: Children's Dance. © Charles Tandy

Raymonda

Ballett von Marius Petipa
Neufassung von Ray Barra
Musik von Alexander Glasunow

 

Erster Akt

1. Bild. Der Namenstag

(Im Schloss der Gräfin Doris, Südfrankreich, Gartenterrasse)

Südfrankreich, das Schloß von Raymonda, Gräfin von Doris. Man feiert Raymondas Namenstag, gleichzeitig damit den Namenstag der Beschützerin des Hauses von Doris, die als „Weisse Dame“ geisterhaft allgegenwärtig ist. Mit dabei sind Raymondas Freundinnen Clémence und Henriette, die am Hofe weilenden Troubadoure Bernard und Béranger sowie Gräfin Sybille, Raymondas Tante. Und nicht zuletzt Graf Jean de Brienne, dem Raymonda seit Kindestagen standesgemäß versprochen ist. Die Männer bereiten sich auf den nächsten Kreuzzug vor. Der König von Ungarn, Andreas II., ist im Lande, um zusammen mit Jean ein Kreuzfahrerheer zu rekrutieren.

Jetzt wartet alles auf Raymonda. Jean, der ihr als Abschiedsgeschenk vor der Kreuzfahrt einen seidenen Schal überreichen wird, versteckt sich scherzhaft. Raymondas Auftritts-Solo offenbart sofort die ganze Außergewöhnlichkeit dieser jungen Frau, deren Wege man mit Blumen bestreut. Als Jean ihr von hinten den Schal über die Schultern legt, spürt sie sofort, von wem das Geschenk kommt. Aber sie spürt auch, daß Jean Abschied nehmen muß.

Die Festgesellschaft versucht Raymonda mit einem großen Walzer zu zerstreuen, und Raymonda lässt sich sogar zu einem Solo verführen, dessen Musik (Streicherpizzicati) die delikate Verfassung ihrer Seelenlage spiegelt.

Ganz unerwarteter Festbesuch erscheint in Gestalt des Sarazenenfürsten Abderakhman, der Raymonda mit Geschenken überschütten will. Sie verweigert sich radikal, akzeptiert aber schließlich doch – im tiefsten fasziniert von dem exotischen Fürsten -  die Geste, mit der Abderakhman ihr einen Jasminzweig überreicht.

Das Fest geht zu Ende, doch Raymonda scheint wie gebannt, verwirrt durch den Einbruch einer erotischen Urgewalt in ihr scheinbar so sicheres Glück mit Jean. Clémence, Henriette und die beiden Troubadoure versuchen sie zu beruhigen und aufzuheitern. Und Raymonda versucht, sich ihrer Liebe zu Jean wieder sicher zu werden: ihr Tanz mit Jeans Schleier (in der Musik ein Solo der Harfe) scheint das Gefühl zu bestätigen.

Raymonda verabschiedet sich von den Gefährten und versinkt in Schlaf. Umnebelt vom Duft des Jasminzweigs, der die gefühlssatt-erotische Welt des Orients zu verkörpern scheint, die Schultern eingehüllt in Jeans Seidentuch - ein Symbol der  formbewussten Welt des Hofes - beginnt sie zu träumen.


 

2. Bild: Der Traum

Die Dame in Weiss führt Raymonda in eine fremde Welt, jenseits allen gegenständlichen Seins. Ein Wirbel märchenhafter Mädchen zieht Raymonda in einen tänzerischen Bann, an dessen Ende sie sich mit Jean zu einem gleichsam magischen Adagio (Violin-Solo) zusammenfindet. Auf dem Höhepunkt des Traums, der sich in den Bahnen des klassischen Balletts abspielt, mit Variationen von Clémence, Henriette, Raymonda und einer Coda, in der Jean seine Kraft und Männlichkeit demonstrieren kann – erscheint die Weisse Dame und warnt Raymonda vor einer Gefahr. Raymonda wendet sich um und erblickt an Stelle von Jean den Sarazenenfürsten Abderakhman, dessen Faszination, Verführungskraft und sexuell unverblümter Attacke sie zu erliegen droht. Nur das Dazwischentreten der Weissen Dame verhindert das Äußerste.
Raymonda erwacht in höchster Verwirrung, Jasminzweig und Seidenschal in den Händen.

 

Zweiter Akt

3. Bild: La Cour d’amour
(Innenhof im Schloss der Gräfin von Doris)

Man findet sich zusammen zur standesgemäßen Festlichkeit, zum „Liebeshof“, wie sich die Treffen unter südfranzösisch lauem Nachthimmel nennen, bei dem sich eine überfeinerte Gesellschaft schmeichelnder Troubadoure und elegant-koketter schöner Frauen selbst feiert. Auch Jean, in Atem gehalten durch die Rekrutierung des Kreuzzugheeres, wird erwartet, scheint sich aber zu verspäten. Stattdessen kommt Abderakhman, zum Entsetzen, aber auch zum Entzücken von Raymonda. Er passt sich im Tanz mit Raymonda mit vollendeter Höflichkeit den exquisiten Formen der höfischen Festlichkeit an. Die Entourage des Sarazenenfürsten unterhält die Gesellschaft mit exotischen Tänzen, die in ein Bacchanale münden, auf dessen Höhepunkt Abderakhman in entfesselter Liebeswut die Entführung von Raymonda befiehlt. In diesem Augenblick erscheinen Jean de Brienne und König Andreas II. Der König bewegt die beiden Rivalen, ihre Auseinandersetzung in der höfischen Form des Zweikampfes auszutragen, der unentschieden zu verlaufen scheint, bis die Weisse Dame erscheint und Jean die Kraft verleiht, Abderakhman eine tödliche Wunde zuzufügen. Der Sarazene stirbt zu Raymondas Füssen. Sie ist tief erschüttert und kann nicht anders als in Jean seinen Mörder zu sehen. Als man Abderakhman hinwegtragen will, scheint der Leichnam den Händen der Träger zu entgleiten. Jean fängt ihn auf und geleitet den toten Fürsten hinweg.
Dann kehrt er sich wieder zu Raymonda. Er wirbt aufs neue um ihre Liebe. Mit Hilfe der Weissen Dame gelingt es ihm, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.

 

4. Bild: Die Hochzeit von Raymonda und Jean de Brienne, im ungarischen Stil zu Ehren des anwesenden ungarischen Königs Andreas II.
(Großer Festsaal im Schloss der Gräfin von Doris)

Das Hochzeitsfest besiegelt die Liebe zwischen Raymonda und Jean de Brienne und markiert gleichzeitig den Aufbruch zum Kreuzzug. Die südfranzösische Gesellschaft gibt und kleidet sich – zu Ehren des ungarischen Königs – im ungarischen Stil. Man tanzt Czardas und schließlich einen Grand Pas hongrois. Er wird eröffnet mit einem großen Adagio für neun Paare, angeführt von Raymonda und Jean. Es folgen Variationen für vier Männer (Béranger und Bernard mit zwei weiteren Troubadouren), für zwei Frauen (Clémence und Henriette), für Jean und schließlich für Raymonda, deren Solo (zu Klavier) von Größe und der heimlichen Melancholie überwundenen Schmerzes kündet. Die Coda mündet in eine Apotheose unterm Segen der Dame in Weiss.