Ring-Matinee 6: Utopie

Richard Wagner (Illustration von Sebastian Hammwöhner und Gabriel Vormstein)

Wenn Brünnhilde gegen Schluss der Götterdämmerung Wotans Raben nach Hause schickt, um den Göttern ihr Ende zu künden, ist das System ebendieser Götter – und damit die Konditionen auch für die übrigen Völker der Welt – an sein Ende gekommen. Ist Wagners Ring also eine pessimistische Utopie? Eine, wie sie von George Orwell mit 1984 im zwanzigsten Jahrhundert geschrieben wurde? Brünnhilde schwingt sich schließlich auf, den Rheintöchtern das zum Ring geschmiedete Gold zurückzugeben, und die Musik entspinnt im Weltenbrand das Wunder-Motiv. Zur Versöhnung? Und wie steht es um die zurückbleibenden Mannen und Frauen, die Gibichungen, Nibelungen und alle weiteren Geschlechter, sind sie nicht nun gefragt? Ist das schon Utopie? Und wenn ja: welche?

Urbild aller visionärer Entwürfe gemeinschaftlichen Lebens bildet Platons Staat, dem Thomas Morus 1516 mit Utopia konkrete Form verlieh – eine entlegene Insel im Südatlantik, die das griechische Wort des „Nicht-Ort“ ou topos als Titel trägt, der seither zum Referenzbegriff einer gerechten Gesellschaftsordnung geworden ist. Tommaso Campanellas Sonnenstaat und Francis Bacons Nova Atlantis vom Beginn des 17. Jahrhunderts reihen sich dann ebenso ein wie die Sozialutopien des 19. Jahrhunderts.
Einhergehend mit der Entstehung seines vierteiligen Musikdramas, das in der 1848er Revolution seinen Ausgang nahm, verfolgte Wagner insbesondere die Idee eines eigens für die Realisierung des Ring erbauten Theaterhauses, das durch die demokratische Architektur des Zuschauerraums bei gänzlich fehlender Verzierung der Innenräume und unsichtbarem Orchester das eigentliche Theater, die Aufführung, in den Fokus rücken und somit dem Zuschauer eine rein sinnliche Wahrnehmung des Gesamtkunstwerkes ermöglichen sollte. Ist also das Bayreuther Festspielhaus konkret gewordene Utopie? Brutstätte eines mündig werdenen Publikums, das in Erfahrung der Kunst sein eigenes Leben kreativ gestalten lernt? Lässt sich diese Vorstellung exportieren, in einen zweiten, beinahe identischen Nachbau wie das Prinzregententheater? Und wo lassen sich heute noch Utopien finden, in einer scheinbar von Depression und Angst befallener Gesellschaft, die nurmehr damit beschäftigt bleibt, Krisen zu vermeiden?

Bei der sechsten Ring-Matinee diskutieren Aino Laberenz, die sich für die Realisierung des von Christoph Schlingensief initiierten Operndorfs Remdoogo in Burkina Faso engagiert, Andreas Kriegenburg, Regisseur der aktuellen Ring-Inszenierung, Prof. Dr. Jürgen Schläder (Theaterwissenschaften, LMU), Prof. Dr. Armin Nassehi (Soziologie, LMU) sowie Kent Nagano. Es moderieren Martina Stütz und Olaf A. Schmitt.



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Termin

Sonntag, 17. Juni 2012
Prinzregententheater
11.00 Uhr
€ 10.-
Alle sieben Ring-Matineen im Paket € 56.- (20% Rabatt gegenüber dem Einzelkauf) zzgl. € 3.- Bearbeitungsgebühren