Chamber Symphony / Das Lied von der Erde

Chamber Symphony/Das Lied von der Erde Chamber Symphony/Das Lied von der Erde Chamber Symphony/Das Lied von der Erde

Ein volles Jahrhundert, das zwanzigste, umspannt dieser Abend, dessen frühester Beitrag - Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ - aus dem ersten Jahrzehnt stammt, und dessen jüngster, die „Chamber Symphony“ von Lucinda Childs, 1994 entstanden ist. Unser Programm spricht eines der Hauptthemen des Jahrhunderts an: das Verhältnis von Freiheit und Bindung, von Selbstdisziplin und schrankenlosem Ausleben des eigenen Gefühlsverlangens, von strenger Form und der Freiheit, die man erreicht, wenn die Form zum selbst geschaffenen Gerüst wird, innerhalb dessen Freiheit sich entfalten kann.

Lucinda Childs’ „Chamber Symphony“ eröffnet den Abend. Dass das Bayerische Staatsballett die Choreographin zu dieser Kreation inspirieren konnte, ist bereits als ein glanzvoller Höhepunkt in seine Geschichte eingegangen. Childs hat mit „Chamber Symphony“ zu John Adams’ gleichnamiger Komposition ein Meisterwerk für München geschaffen, das auch andere Compagnien inzwischen in ihr Programm integriert haben. Minimal Dance ist in Europa ein gefährlicher Begriff, setzt er uns doch zu leicht auf die falsche Fährte – Minimal heißt nicht Beschränkung, Bewegungsarmut, Reduktion im Sinne von Bescheidung auf Weniges. Minimal Art oder hier konkreter: Minimal Dance heißt im Gegenteil: Choreographie – ein Spiel. Vielfalt, explosionsartige Vervielfältigung, Erweiterung, Ausdehnung. Der Einsatz – und hier gelangt der Begriff zu seinem eigentlichen Ursprung – ganz weniger Basis-Schritte und Bewegungselemente, die dann nach mathematischen Regeln in einer festgelegten Struktur immer wieder verändert werden. Entscheidend ist daran das Spielerische, das Magische, das darin liegt, dass die Wahrnehmung des Betrachters das Werk erst vervollständigt  - er schaut zu und wird in die Irre geführt durch die allmähliche, fast unmerkliche Veränderung in den Mustern. Dass das Ganze dann auch noch Lust machen soll, Spaß an den großen Linien, dem Fliegen der Interpreten herein in die Bühne,  hinaus…ist selbstverständlich. Betrachtet mit der Erfahrung der epochalen Karriere von Lucinda Childs, wird man bewundern, wie hier das Freie, Improvisatorische, Alltägliche, das ihr längst historisch gewordenes Frühwerk unter anderem auszeichnet, sich verbindet mit dem Requisit der klassischen Form, dem Spitzenschuh, den sie in der „Chamber Symphony“ wie auch später in „Händel-Corelli“ einsetzt, weil er die Geschwindigkeit der Tänzerinnen verändert. Kongenial, wie sie die musikalischen, sich überlagernden und in einander verschlingenden Strukturen in der Musik John Adams` in choreographische Strukturen umsetzt. Hier sind nicht Gefühle, sondern effektvoller Einsatz von Energie und Raumbewusstsein gefragt.

Den zweiten Teil des Abends bildet Kenneth MacMillans Choreographie zum „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler. Als dieses Ballett 1965 uraufgeführt wurde, war auf Anhieb klar, dass hier ein Meisterwerk von historischer Bedeutung vorlag. Inzwischen haben es die größten Kompagnien der Welt getanzt, und das Ballett gilt als unverzichtbarer Bestandteil des internationalen Repertoires. MacMillan durchglüht in seinem Werk die nie in Frage gestellten Formen des klassischen Balletts mit einer Freiheit der Ausdrucks- und Gefühlsgewalt, die der Musik von Gustav Mahler vollkommen entspricht. Auch in der Art des Umgangs mit der Tradition gibt es deutliche Parallelen zwischen Mahler und MacMillan. Beide brechen nicht mit der überkommenen Sprache ihrer Kunst, und beide verweben stilistische Elemente aus Welten jenseits des klassischen Kanons. Manchmal folgt MacMillan in seiner choreographischen Sprache mehr dem anekdotischen Gehalt der Musik und der ihr zugrunde liegenden Gedichte, vor allem in den Liedern „Von der Jugend“ und „Von der Schönheit“. In den zentralen Partien der Frau, des Mannes und des Ewigen wird alles Zeitgebundene der tänzerischen Ausdrucksmittel durchsichtig für eine tief empfundene Wahrheit, die keiner Worte bedarf. 

Die Verbindung zwischen Childs und MacMillan ist eine des Kontrastes. „Chamber Symphony“ teilt sich vor allem mit durch den extrem  hohen Energiepegel, der durch die Musik gespeist wird: Energie des Tempos, Energie der Kinetik, das heißt der gesamten ungeheuer komplexen Bewegungskomposition, und Energie des intellektuellen Anspruchs. Letztlich soll all diese Energie, im besten Fall, den Zuschauer in einen Zustand des inneren Fliegens versetzen. Ein „Fliegen“ meint nicht umsonst auch die Schluss-Sequenz von MacMillans „Lied von der Erde“. „Das Lied von der Erde“ „erzählt“ nichts. Es zeigt Bilder, choreographische Prozesse, die immer auch emotionale Prozesse und Vorgänge sind. Diese allerdings in einer Intensität und Tiefe, die der Child’schen kinetischen und energetischen Komplexität eine choreographisch-emotionale Komplexität gegenüberstellen.

Schließlich erlaube ich mir noch eine persönliche Bemerkung. Während meiner tänzerischen Karriere habe ich es immer als eine einzigartig schöne und tiefe Erfahrung empfunden, in Choreographien zu Musik von Gustav Mahler zu tanzen.  Seine Musik bereichert den Tanz auf unvergleichliche Weise.  Dieses Erlebnis möchte ich gerne mit meiner Kompagnie und mit Ihnen, unserem Publikum, teilen. Mein Mahler-Bild haben die Choreographien von John Neumeier geprägt.  Nun greifen wir für unsere Kompagnie zurück auf  das  entscheidende Mahler-Ballett der vorhergehenden Generation, das  in seiner Vollkommenheit den Nachfolgenden zur Inspiration geworden ist.

Ivan Liska



 
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