La clemenza di Tito (1999 production)

About the production

Wolfgang Amadeus Mozart
Caterino Tommaso Mazzolà based on Pietro Metastasio

Première on 29th May 1999 at the Nationaltheater

 

Siegfried Höfling. Politik als zutiefst empfundene persönliche Verantwortung. Anmerkungen zu Martin Duncans Inszenierung von La clemenza di Tito

 


Humane Politik stellt sich der Verantwortung für die Welt und für die Menschen und versucht nicht, Partikularinteressen oder Ideologien durchzusetzen. Obwohl man weiß, daß der Einzelne die Welt nicht schützen kann, muß der politische Mensch stets so handeln, als könnte er sie schützen. Sein Interesse gilt den Menschen, nicht der politischen Theorie oder den Dogmen. Diese Aussage von Vaclav Havel könnte auch aus Mozarts Oper La clemenza di Tito stammen.
 

In beeindruckender, ja ergreifender Weise gelingt es Martin Duncan und seinem Bühnen- und Kostümbildner Ultz, genau diese Verantwortlichkeit eines Herrschers auf der Opernbühne darzustellen. Während Tito gezwungen ist, Entscheidungen über Sestos Zukunft zu treffen, sorgt er sich um die Opfer des Putschversuches. Das Schicksal dieser Menschen steht seinem Herzen näher als die Staatsräson. Die große Filmleinwand, die Duncan über der Bühne positioniert, läßt uns verstehen, wie menschlich dieser Herrscher ist, wenn sie seine Hände zeigt, die sorgsam und beruhigend über die Leiber der Opfer streichen. In der zentralen Arie des Werkes macht Tito seine geistige und moralische Haltung deutlich: Wenn zur Herrschaft ein strenges Herz von Nöten ist, dann nehmt mir die Herrschaft oder gebt mir ein anderes Herz! Eingerahmt in Bilder aus dem Opernhaus wird den Besuchern vor Augen geführt, daß wir alle diese entscheidende Botschaft im Alltag befolgen sollten; und wenn wir wie Tito vor die Wahl gestellt werden, sollten wir unser gütiges Herz sprechen lassen. Ein besseres Modell für alle kleinen und großen Herrscher dieser Welt inklusive unserer Alltagswelt kann es nicht geben.
 

Dieser Kaiser ist in seinem Volk präsent, wie man schon im ersten Akt beim Empfang der Volksgruppen und zu Beginn des zweiten Akts bei der Speisung der Opfer der Brandkatastrophe sieht. Man erkennt aber dank der Regie auch, daß diese Milde und Menschlichkeit nicht konfliktfrei sind. Als es darum geht, das Todesurteil für Sesto zu unterschreiben, gerät Tito in Konflikt zwischen den Motiven der Staatsräson und der eigenen inneren Überzeugung. Der unmittelbare und für den Zuschauer tiefgehende Eindruck dieses Konflikts wird durch die Großaufnahme von Titos Hand vermittelt. Diese Detailprojektion auf der Leinwand – das Ergreifen des Stifts zur Unterzeichnung des Todesurteils und wiederum sein Loslassen in mehrmaligem Wechsel – macht den Handlungs- und Einstellungskonflikt deutlich, den Tito in diesem Augenblick erlebt. Es ist wohl der schlimmste Moment im Leben eines Politikers, wenn er entscheiden muß, ob er einem übergeordneten staatlichen Interesse Folge leistet, bei dem der Verlust von Menschenleben in Kauf genommen werden muß, oder ob er Menschenleben schützt, dafür aber staatliche Interessen aufgibt.
 

Die Bedeutung dieser Inszenierung liegt nicht allein in der Darstellung der persönlichen Verantwortung eines Politikers für seine Welt, sondern im Offensichtlichmachen des Seelenlebens der Figuren in dieser Oper. Des psychologischen respektive pädagogischen Charakters der Inszenierung mag sich das Regieteam vielleicht gar nicht so bewußt geworden sein, aber es gelingt ihm etwas psychologisch Weitreichendes und Zukunftsrelevantes: emotionale Prozesse in ihrer Vielschichtigkeit, Wechselhaftigkeit nach außen zu kehren und auf der Leinwand sichtbar zu machen. Meist verbergen wir Gefühle, die unser Leben, vor allem unser zwischenmenschliches Leben, entscheidend steuern. Die Sozialforscher wissen, daß das entscheidende Grundvermögen für eine humane Gesellschaft zu verkümmern droht: das Einfühlungsvermögen, die Empathie. Empathie bedeutet das Erfühlen von Gefühlen anderer und das Ausrichten der eigenen Gefühle und Verhaltensweisen auf die zu erfühlenden Gefühle des anderen.
 

Der erschreckende Mangel an Einfühlungsvermögen schon bei jungen Menschen ist heute verantwortlich für die zunehmende soziale Verrohung und Zerstörungswut. Der grassierende Empathiemangel findet täglich Vorbilder in den sogenannten coolen Helden der elektronischen Medien. Ein wesentliches Hilfsmittel, um die Gefühle des Mitmenschen mit dem Gefühl zu erfassen, ist das Lesen seines Gesichts. Von der Neurophysiologie und der Neuropsychologie weiß man, daß der Teil des Hirns, der die sechzig Hauptmuskeln des Gesichts steuert, mehr als die Hälfte des Platzes (des motorischen Cortex) beansprucht, der wiederum den gesamten Körper steuert. Über das neuronale Muster der Gesichtsmuskulatur werden – so ist der Stand der Forschung – die Gefühle präsentiert, zum Hirn zurückgemeldet und dort wiederum als spezifisches Gefühl bewußt kodiert. Interkulturelle Untersuchungen mit schematischen Gesichtsbildern, bei denen bestimmte Gesichtsmuskeln angespannt bzw. entspannt dargestellt waren, konnten zeigen, daß überall in der Welt die Menschen die Gefühle den Gesichtsschemata richtig zuordnen konnten. Das Gesicht kann die momentanen menschlichen Gefühlsqualitäten verraten, wenn man in ihm zu lesen versteht.
 

Am Gesicht abzulesen, welche Gefühle ein Mensch erlebt, fördert also das Einfühlungsvermögen. Die Idee – Gefühle, die in den Arien stecken und durch die Musik ausgedrückt werden – durch Projektionen der Gesichter und damit der Charaktere auf einer Leinwand zu visualisieren, kann man daher nur begrüßen. Es findet tatsächlich eine Visualisierung der affektiven Inhalte der Musik statt. Dies ist deshalb legitim, weil unser ursprünglich dominanter akustischer Sinn bereits in den frühen Lebensjahren vom visuellen Sinn abgelöst wurde. Unsere akustische Wahrnehmung hat durch die zunehmende Dominanz des visuellen Sinns an Wahrnehmungsgenauigkeit und Differenzierungsfähigkeit eingebüßt (wir empfinden Musik z.B. nur noch als schön oder entspannend). Wenn jeder von uns dazu neigt, mehr Informationen über den herrschenden visuellen Sinn aufzunehmen als über den akustischen Sinn, dann stellt die Visualisierung des einen Affekt ausdrückenden Gesichts auf der Leinwand eine Hilfestellung zur Ergründung der emotionalen und motivbedingten Konflikte der Charaktere in La clemenza di Tito dar. Die in der Musik ausgedrückten Affekte werden somit verstärkt über den visuellen Sinn. Hier besitzt Duncans Inszenierung von Mozarts La clemenza di Tito dichte und ergreifende Momente.
 

Was die medientechnische Betrachtung der Inszenierung anbelangt, so sollte man nicht einfach von einem Experiment sprechen. Die medientechnische Bereicherung ist in Duncans Inszenierung von La clemenza di Tito zur Darstellung des psychologischen Innenlebens der Charaktere eingesetzt worden. Es handelt sich also um die Verwendung eines verstärkenden Hilfsmittels, nicht um ein Experiment zur Zukunftsform des Musiktheaters. Die Videotechnik dient in diesem Fall zur Verstärkung der musikalisch formulierten Affekte, die uns im Detail verborgen geblieben wären, weil unser Einfühlungsvermögen im Alltag so wenig trainiert ist. Für uns, die wir unser Leben mit dem dominierenden visuellen Sinn organisieren, rückt das innerpsychische Geschehen der einzelnen Personen auf der Bühne näher. Es wird erfühlbarer.