Tristan und Isolde

Tristan und Isolde: Waltraud Meier, Kwangchul Youn, Robert Dean Smith Tristan und Isolde: Petra Lang, Waltraud Meier Tristan und Isolde: Waltraud Meier, Robert Dean Smith
About the production

Richard Wagner
Festival Première on 30th June 1998 at the Nationaltheater

 

Peter Konwitschny. Zwei Arten von Tod. Oder: Wagner, wir und die Bürde einer Interpretationsgeschichte

Tristan und Isolde ist für mich ein sehr hoffnungsvolles Stück. In dieser Oper wird das existentielle Sein in einer Welt, die Liebe nicht zuläßt, bis zur Neige ausgelitten. Darin spiegelt sich auch Wagners eigene Lebenssituation wider. Thema ist der nicht zu tötende Wunsch nach Nähe, nach Zusammensein, nach Sich-Lieben. Und dieser Wunsch existiert, seit es die Spezies Mensch, seit es Lebewesen überhaupt gibt.

Wir konstatieren im Tristan zwei Arten von Tod: Auf die erste stoßen wir im ersten Akt, wenn Tristan und Isolde glauben, sich zu vergiften. Sie können nichts mehr ertragen, wollen das Ende ihrer Schmerzen herbeiführen, also nicht mehr sein. Diese Art des Todes bestimmt auch das Ende des zweiten Aktes, wenn Tristan quasi die Nerven verliert und sich in Melots Schwert stürzt, weil er keine Hoffnung mehr hat. Die andere Bedeutung des Todes in Tristan ist nicht ein Daseins-Ende, sondern – im Gegenteil – der Beginn vom Eigentlichen. Dieser Erkenntnismoment bricht an, wenn Tristan und Isolde in ihrem großen Duett zu dem Entschluß kommen, aus dem System aussteigen zu wollen, weil die anderen für sie gestorben sind. Und das heißt für sie nun gerade nicht, daß sie Selbstmord begehen und dann tot sind. Diese Erkenntnis gilt besonders für den Schluß des Werkes.

Der Begriff Liebestod, der ja interessanterweise nicht von Wagner stammt, worauf man immer wieder mal hinweisen sollte, ist für mich sozusagen windschief. Ich höre aus der Schlußmusik eine unglaubliche, ja eine unbändige Freude heraus. Sie bringt für mich unüberhörbar zum Ausdruck, daß Tristan und Isolde es endlich nach großen Schwierigkeiten geschafft haben, sich allen Verstrickungen um sie herum zu entziehen, um von nun an erst wirklich zu leben. Und das heißt in erster Linie: um zu lieben.

Deshalb betrachte ich den Tristan als ein so hoffnungsvolles Stück. Es wird geradezu beispielhaft, daß hier zwei sich liebende Menschen das tun, wovon wir alle mehr oder weniger träumen. Ihr Problem, daß sie in ihrem Tun behindert werden durch sogenannte gesellschaftliche Verpflichtungen, hat sich für uns trotz anderer Kontexte, trotz einer Veränderung der Gesellschaft zumindest in der äußeren Form eher noch zugespitzt.

Damit wir heute diese Botschaft ebenso eindringlich erfahren können, muß man das Stück anders darstellen als vor hundertdreißig Jahren. Tristan und Isolde ist nicht als lähmende Tragödie gemeint, sondern – ganz im Gegenteil – beispielhaft und beflügelnd. Wagner will, daß wir diesem Wunsch nach Liebe von unserer Position aus, aber unter seiner Führung selbständig nachgehen.

Das wird zum Politikum. Denn unsere Kultur ist am Ende, steckt in einer Sackgasse: Liebe zu realisieren wird immer unmöglicher. Daran tragen nicht etwa einzelne Menschen die Schuld, Politiker zum Beispiel, sondern das liegt vielmehr in unseren kulturellen Voraussetzungen begründet: in der Körperfeindlichkeit, in der Frauenfeindlichkeit, in der Liebesfeindlichkeit. Uns ist Ordnung wichtiger als Liebe – dieses Ergebnis hat eine offizielle Umfrage ergeben. Zu den herausragenden Werten der Deutschen gehören Ordnung und Sicherheit. Die Liebe rangiert erst an dreizehnter Stelle.

Der Psychologe Siegfried Höfling ist davon überzeugt, daß, aufgrund einer zunehmenden Globalisierung und Nivellierung menschlicher Gefühlswerte in der heutigen Zeit, die Hauptaufgabe der Menschheit im 21. Jahrhundert in der Erziehung, besser noch: in der Entwicklung zur Liebesfähigkeit liegen werde; uns drohe andernfalls der Verlust der letzten Utopie. Es ist schlimm, wenn man als Utopie bezeichnen muß, worauf letztlich der Fortbestand unserer Gattung beruht. Wenn das ganzheitliche Fortpflanzen, das mit Seele, Körper, Sehnsucht, mit Erfüllung von Sehnsüchten, mit Wärme, Nähe, Geborgensein zu tun hat, ja letztlich mit der Aufhebung der Vereinzelung im Akt der Zeugung, wenn das abgespalten wird und nur noch zu einem nackten biologischen Fortpflanzungsaspekt degeneriert. In dem Stadium nämlich erweist sich der Mensch als unglaublich reduziert, dann entfremdet er sich von sich selbst, weil er verlernt, wer er ist. Der Mensch liegt brach. [...]

Tristan und Isolde begeben sich aus dieser Welt heraus. Aber in dem Moment stemmen sich ihnen die Verhältnisse entgegen: Was würde denn aus unseren Spielregeln, aus unserem System werden, wenn das alle machen würden? Dann bräche ja alles zusammen. An diesem Einspruch ist, vom Alltagsstandpunkt aus gesehen, auch durchaus etwas Wahres. Marke als keineswegs redseliger, sondern absolut auf der Höhe der Zeit stehender Mann vertritt diesen Standpunkt. Er sagt: Was wird denn aus unseren Werten wie Treue, was bedeutet noch Vertrauen, wenn zwei Menschen diese Grundmuster einfach ignorieren? Nichts ist folgerichtiger, als daß die Gesellschaft in dem Moment protestiert. Männer sind gegenüber diesen Fragestellungen viel anfälliger als Frauen. Tristan erwachsen deshalb natürlich ungleich größere Schwierigkeiten durch Markes Argumentation als Isolde, die in die Männerwelt und ihr Denken nicht so integriert ist. Deshalb schreit Tristan: "Melot, zieh dein Schwert". Er empfindet sich als Verräter an diesem System und will deshalb Schluß machen. Aber seine Reaktion ist gleichzeitig ein Verrat an Isolde, denn beide hatten ja anderes im Sinn, nämlich in den Tod als ein neues Leben zu gehen. [...]

Der Tod von Tristan ist kein wirklicher Tod, bzw. ein Tod im Sinne der Voraussetzung eines neuen Anbeginns. Und wie ist Tristans "Tod" komponiert? Ein merkwürdiger Harfenklang, weder Tonika noch Abgesang: So kann kein Held Tristan in die Ewigkeit eingehen. Das ist nur ein Schein-Ende, das ist in Wirklichkeit der Gestus einer echten Grenzüberschreitung. Tristan ist nicht nur noch da, sondern gibt sich jetzt sogar auch übermütig nach diesem schmerzhaften Prozeß der Selbsterkenntnis. Er stellt sich höchstens tot – oder wie auch immer. Isolde versteht das nicht sofort, sie erschrickt furchtbar, wird ohnmächtig und denkt zunächst: du Verräter, jetzt stirbst du. Aber dann erscheint das Motiv, das übersetzt bedeutet: Komm, wir gehen. Wenn Isolde das begriffen hat, kommt diese unbändige Freude auf, und das Singen hört nicht mehr auf. Sie spricht es für uns, die wir zurückbleiben, aus. Und ihre letzte Botschaft lautet: Tut es doch auch!