Werther

Jules Massenet: Werther Jules Massenet: Werther. Marcelo Alvarez, Sophie Koch Jules Massenet: Werther. Massimo Giordano, Vesselina Kasarova
Inszenierung

Jules Massenet
Edouard Blau, Paul Milliet, Georges Hartmann nach Johann Wolfgang von Goethe

Premiere am 16. Dezember 2006 im Nationaltheater

 

Jürgen Rose
Gedanken, Bildideen, Fragen...
(aus den Notizen von Februar 2005 bis September 2006)

Mit (Pseudo-) Realismus und komplettem historischem Ambiente (ob nun 18., 19. oder 20. Jahrhundert) und optischen Milieuschilderungen allein (so notwendig sie für diese Geschichte sind...) kommt man dem Stück nicht nahe, – nicht an den Knackpunkt heran. Vieles würde vermutlich ablenken. Die Konzentration auf die Personen (auch die Nebenrollen) würde mich mehr interessieren! Vom ersten Moment an muss man spüren, dass Werther in dieser Bürgerwelt ein Außenseiter, – ein Fremder ist... der Künstler, den man seiner Talente wegen bewundert – zu dem man trotzdem Distanz hält!

Vielleicht braucht Werther auf der Bühne immer seinen eigenen dunklen Bereich, seine spezifische Einsamkeit, sein Ausgeschlossensein...? (Er ist ein Rastloser, Suchender, sich Verbannender...). Vielleicht steht irgendwo ein Tisch mit seinen Büchern, Notizen, Skizzen und Dichtungen?

Wie kann man einen abstrakten Spielraum für die Zustände und Konflikte der Protagonisten schaffen – und trotzdem in Ausschnitten die bürgerliche Idylle (1. Akt), die bürgerliche Gesellschaft mit Kirchgang und Jubiläumsfest (2. Akt) und das bürgerliche neue Zuhause der jungen Eheleute am Heiligabend (3. Akt) zeigen?
Alles, was in den ersten drei Akten an Ambiente notwendig war, muss im letzten Akt verschwinden! Charlotte entfernt sich aus ihrer Welt, – tritt ins Leere...

Eisig kalte Stimmung!

Die beiden allein in der Leere!

Wie mach ich den Raum für Werther spezifischer?

Inzwischen bin ich wieder bei dem weißen, sich zum Hintergrund ins Schwarze verfinsternden Lichtraum (Zeltkonstruktion mit indirekter Beleuchtung) – kombiniert mit einer schräg liegenden Drehscheibe.
Mit welchem optischen Mittel erreiche ich Werthers unverwechselbaren, nur seinem Charakter entsprechenden intimen Zustandsraum?

Der Sog in Goethes Briefroman, der Massenet ja auch fasziniert haben muss, – dieser manisch-depressive Hang Werthers, immer alles wieder formulieren, aufschreiben, festhalten zu wollen, zwingt sich auch mir immer mehr auf, – schiebt ein Kaleidoskop bunter Schriftfetzen, wirrer Linien und Skizzen vor mein Auge...

Warum nicht alle Wände, den Boden und den Plafond voll schreiben mit Werthers poetischen Sätzen, verzweifelten Schreien und Schwüren, – voll kritzeln mit unterschiedlichsten Skizzen und wieder durchgestrichenen Passagen – und somit die ganz individuelle, intime Seelenlandschaft dieses Menschen (dieses Künstlers) behaupten?

Jetzt drängt sich Werthers Platz, sein Ort im Zentrum auf. Wo anders kann sein Tisch stehen, als in der Mitte? Geht das? Wie lassen sich all die bürgerlichen Szenen arrangieren?
Zufällig sehe ich eine Postkarte mit Caspar David Friedrichs einsamem Mann auf dem Berggipfel...Das ist es!
Ich suche einen Stein, lege ihn ins Modell, – darauf Werthers Tisch und Stuhl... Selbstverständlicher geht es nicht! Nur da oben in „schwindliger Höhe“ kann Werthers Platz sein!


© Bayerische Staatsoper