Idomeneo

Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo. John Mark Ainsley, Juliane Banse Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo. John Mark Ainsley Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo. John Mark Ainsley
Inszenierung

Wolfgang Amadeus Mozart
Giambattista Varesco

Premiere am 18. Juni 2008 im Cuvilliés-Theater

 

Dieter Dorn, Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels über seine Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“, die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Stück „Idomeneus“ und die Zukunft des Cuvilliés-Theaters

Was empfinden Sie beim Wiedersehen mit dem Haus, in dem Sie 1993 Mozarts „Così fan tutte“ inszenierten?
Es war damals ein ungeheures Erlebnis, darin inszenieren zu dürfen. Das überwältigende Ambiente des Zuschauerraumes, das uns die Mozartzeit spüren lässt, zwang uns bei der „Così“ wie auch jetzt bei „Idomeneo“, auf der Bühne Entschiedenes dagegen zu setzen. Jürgen Rose und ich sind damals wie heute vom leeren Bühnenhaus ausgegangen. Wir wollten - aus der Probensituation heraus - eine Fassung für das Cuvilliés-Theater machen und eine repräsentative Version für die Übernahme ins große Haus. Das neue Bühnenbild dafür – eine Art Gegeninszenierung – scheiterte an Zeit und Geld. So haben wir die Situation des leeren Bühnenhauses, die im Cuvilliés-Theaters ja original war, ins große Haus übertragen. Was Rose und ich nicht können, ist, gleichzeitig für zwei Häuser zu inszenieren. Man muss sich auf eines konzentrieren. Auch „Idomeneo“ wird ins große Haus übernommen. Bei der Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters aber nutzen wir die Chance, uns mit Mozarts „Idomeneo“-Sicht und dann mit der Auffaltung des Mythos durch Roland Schimmelpfennigs Text hineinzubegeben in dieses einmalige Theater.

Gewährt es nach der - auch technischen - Sanierung mehr Möglichkeiten?
Man saniert doch vor allem, um so einen Zuschauerraum zu erhalten, nicht, um den Grundriss oder technische Gegebenheiten zu verändern. Ein paar Dinge sind passiert, ansonsten stolpert man wie zuvor quasi vom Pförtner direkt auf die Bühne. Das muss man einfach so annehmen.

Wie kam es zu der Idee, zur „Idomeneo“-Oper ein Schauspiel in Auftrag zu geben?
Das Staatsschauspiel hat ja immer viel stärker als die Oper das Cuvilliés-Theater bespielt – mit mindestens vier Produktionen pro Spielzeit, die es auch künftig geben wird. Die erste wird Schimmelpfennigs „Idomeneus“ sein. Wir spielen das Stück natürlich weiter, wenn die wenigen Vorstellungen der Oper abgespielt sind.

Sie verwenden Mozarts Ballettmusik und besetzen Idamante wie in der späteren Wiener Fassung mit einem Tenor statt einem Mezzosopran. Warum?
Dieses Riesenwerk ist in einer ganz bestimmten musiktheatralischen Situation geschrieben. Es war ein Auftrag des Hofs. Über die Entstehung gibt der Briefwechsel Mozarts mit seinem Vater Aufschluss. Da hat das junge Genie alles Mögliche ausprobiert, etwa mit dem Chor experimentiert, von großen Bewegungschören bis zum Oratorienhaften. Wir wollten uns keine Konzeption zusammenkürzen, wollten uns dem ganzen Werk stellen, und dazu muss man von den Figuren, den Menschen ausgehen. Der Grundkonflikt ist der zwischen zwei Nationen, von Siegern und Besiegten, von Sohn und Vater und der zwischen dem Sohn und zwei Frauen. Das ist theatralisch richtiger und glaubwürdiger mit einem Mann als Idamante. Mozart selber hat für Wien aus der Kastratenpartie einen Tenor gemacht. Er muss allerdings auch unter dem Münchner Idamante, einem vom Hof favorisierten Kastraten, gelitten haben wie ein Hund und ist in seinen Briefen aus musikalischen und darstellerischen Gründen über ihn hergefallen. Mozart hatte mit dem aus Mannheim stammenden Orchester des Karl Theodor das Beste aller denkbaren Orchester und einen Ballettmeister, der, wie ich mir vorstelle,  mit einer Art Ausdruckstanz die Chöre unterstützte. Auch dieser außerordentlichen Ballettmusik wollen wir uns stellen. Wir zeigen  ein paar szenische Vorgänge dazu, die in die Weihe des Hauses zur Wiedereröffnung übergehen sollen. Wir folgen  dabei dem Stück, das ein großes Lied auf Frieden und Völkerfreundschaft ist. Ein König wird hier zum Menschen gemacht: Als Krieger waren Leben und Tod sein Handwerk. Und plötzlich zittert er im Sturm um sein eigenes Leben. Er verspricht Neptun, wenn er mit dem Leben davonkommt, den ersten Menschen zu opfern, dem er auf seiner Insel begegnet. So etwas lässt sich ein Gott nicht zweimal sagen: er fordert den Sohn. Der Gott Neptun straft Idomeneo für seine Hybris, seine Selbstüberhebung.

Unter den Opern, die Sie inszeniert haben, waren viele von Mozart. Ist er Ihr Lieblingskomponist?
Ich habe zwei Lieblingsautoren: Shakespeare und Mozart -  und ich sage bewusst Autoren  -, weil beide mit ihren Figuren Menschen beobachten und nie zu dramaturgischen Marionetten machen, um ihre Absichten oder Meinungen über sie festzuschreiben. Es ist aufregend, was da an Haltungen entschlüsselt wird.

Mozart soll „Idomeneo“ für seine beste Oper gehalten haben. Stimmen Sie zu?
Er hat sie jedenfalls immer wieder versucht durchzusetzen – siehe seinen Versuch der Wiener Fassung - und hat die Komposition immer wieder für seine späteren Werke herangezogen. „Idomeneo“ besteht aus musikalischen Bewegungen von außerordentlicher Wucht. Es gibt keine Figur, die einen da glatt durchführt, mit der sich der normale Zuschauer leicht und direkt identifizieren könnte. Das ist dramaturgisch zwar hochmodern, hat aber auch seine Tücken. Nur so kann ich mir die Zurückhaltung gegenüber „Idomeneo“ erklären. Es ist eigentlich an der Zeit, dass diese Oper den Platz in Mozarts Schaffen einnimmt, der ihr zukommt.

In welchem Verhältnis zur Oper sehen Sie nun Schimmelpfennigs „Idomeneus“? Ist es ein Kommentar?
Eine Gruppe von Menschen versucht, sich als Zuschauer Idomeneus' Geschichte zu vergegenwärtigen, untersucht den Mythos, überlegt, wie der Konflikt ausgehen könnte. Die Oper „Idomeneo“ ist Mozarts Version des Mythos. Schimmelpfennigs Stück dagegen ist der Versuch, dem kollektiven Gedächtnis auf der Spur zu bleiben: Das Stück spielt bei uns im Zuschauerraum mit Blick auf die Bühne, auf der das Publikum sitzt und von der aus es in den überwältigend schönen Zuschauerraum sieht. Was können wir auch anderes gegen Mozart stellen?


Es gab Befürchtungen, die Besichtigung des Cuvilliés-Theaters als Museumsraum und der Theaterbetrieb könnten einander beeinträchtigen. Gibt es einen Kompromiss?
Wir sind bereits auf einem guten Wege. Das Haus war in einem katastrophalen Zustand und hatte sehr darunter gelitten, dass es zwischen Staatsschauspiel, Residenzverwaltung, Staatsoper und anderen Nutzern in einer Art Niemandsland herumhing, was die technische Betreuung betraf. Die Verantwortung dafür muss in einer Hand liegen, und das ist jetzt die des Bayerischen Staatschauspiels. Aufgabe ist es, einen so kostbaren musealen Theaterraum zu bewahren. Aber er ist eben kein kostbarer Theaterraum, wenn man ihn nicht sehen kann und er nicht bespielt wird. Ein Theater, das nicht spielt, ist kein Theater.

Christine Diller
© Bayerische Staatsoper