Don Giovanni

Don Giovanni: Simon Keenlyside, Laura Tatulescu Don Giovanni: Kyle Ketelsen, Simon Keenlyside Don Giovanni: Goran Jurić, Simon Keenlyside
Inszenierung

Wolfgang Amadeus Mozart
Lorenzo da Ponte

Premiere am 31. Oktober 2009 im Nationaltheater

 

Auszug aus einem Interview, das in vollständiger Form im gerade erschienenen Magazin der Bayerischen Staatsoper MAX JOSEPH IV - ORDNUNG zu lesen ist.

Immer auf der Flucht

John von Düffel: Wenn man sich deine Arbeitsbiographie anschaut und ich an die Inszenierungen denke,  bei denen ich dein Dramaturg war,  dann hat das Thema Bürgerlichkeit immer eine große Rolle gespielt. Deutlichstes Beispiel: die „Buddenbrooks“ am Hamburger Thalia Theater. Du hast dich sehr intensiv mit den Mustern und Abgründen, Strukturen und Zerstörungen von, wenn man so will, ordentlichen Bürgern beschäftigt. Und jetzt: „Don Giovanni“. Ein ganz und gar unbürgerlicher Held. Ein Aristokrat, der in Grenzenlosigkeit und Amoral lebt. Wo ist da für dich der Zugang?

Stephan Kimmig: Für mich ist Don Giovanni kein Aristokrat, sondern jemand, der außerhalb der Gesellschaft steht: ein Gejagter, ein Flüchtling, ein Ausgestoßener, der neben den Regeln lebt, ein Outlaw mit vielen Frauen, der von Land zu Land, von Dorf zu Dorf auf der Flucht ist. Er bleibt nie stehen. Er wird verfolgt von den Vätern, den Liebhabern, den Brüdern, von den Frauen. Er kommt nie zu Ruhe, er sehnt sich nach dem Tod, nach Erlösung. Er hat genug, empfindet nicht mehr. Es sind keine Berührungspunkte für ihn da, die wirklich in die Tiefe gehen.

Also kein Genussmensch und Genießer?

Im Augenblick schon, im einzelnen Moment, da meint er es immer wieder ernst: Wenn er Zerlina verführt und ihr sagt, dass er sie liebe, dann liebt er sie auch in diesen fünf Minuten, und zwar total und grenzenlos. Nur passiert dann irgendwie zu wenig, diese Frau erreicht ihn nicht, er spürt weder sie noch sich.

Don Giovanni ist also für dich gar nicht die große männliche Potenz-Fantasie, der Casanova-Typus, sondern mehr eine Grenzgänger-Figur?

Genau. Und in dem Stück von Mozart und Lorenzo da Ponte projizieren die Frauen unendlich viel in ihn hinein. Sie machen sich ihren Don Giovanni selber. Ob er dieser Vorstellung entspricht, ob man sie überhaupt erfüllen kann, das bleibt, wenn man sich das Libretto ansieht, zweifelhaft. Die andern Figuren wollen dieses Stück „Don Giovanni“ haben. Die Titelfigur selbst kommt aber schon kaum mehr darin vor. Don Giovanni hat kaum Musik. Er ist ausgebrannt, abgelöscht.

Inwieweit braucht eine Gesellschaft solche Typen, die etwas anderes, außergesellschaftliches, anarchisches verkörpern? Die ausschweifen, verschwenden, zerstören, Erschütterungen produzieren, statt Stabilität und Verlässlichkeit? Nehmen wir als Beispiel von heute Amy Winehouse. Sie hat dieses Zerstörerische, Rastlose, Maßlose. Man hat das Gefühl, dass die Öffentlichkeit das Unökonomische dieser Lebensweise einerseits ablehnt, andererseits aber eine starke Sehnsucht danach hat.

Genau das ist der Punkt, wo die Projektion anfängt.

Und was – jenseits von dem, was die Gesellschaft will und braucht und projiziert – ist Don Giovanni selber, was will er, was sucht er?

So wie ich ihn verstehe, versucht dieser Mann noch, Erfahrungen zu machen. Ich hatte nur den Eindruck, dass ihn einfach nichts mehr berühren kann, dass nichts mehr zu ihm durchdringt. Somit wird seine Sehnsucht aufzuhören, seine Todesssehnsucht immer größer. Er macht sich natürlich auch lustig über Leute, die glauben, ein System fürs Leben gefunden zu haben, eine Art und Weise, die richtig wäre. Weil er selbst immer auf unsicheren Füßen steht.

Der Reiz des Neuen, dem er angeblich nachjagt, und den Leporello katalogisiert in einem Verzeichnis der verführten Frauen, ist das für dich eher der Versuch sich zu spüren? Die Hoffnung vielleicht auch, irgendwo einmal anzukommen?

Die Hoffnung, dass etwas passiert, was ihn wirklich trifft. Der Don Giovanni, den wir alle im Kopf haben, den großen arroganten, morbiden Verführer, den kann er natürlich spielen, den „golden boy“. Interessant wird es aber, wenn er aufhört zu spielen, wenn die Verlassenheit sichtbar wird, seine grenzenlose Einsamkeit und auch seine Selbstaggression.

Ist er für dich eine Künstlerfigur? Er lebt nomadisch, spielt den andern etwas vor, weil er weiß, was für eine Rolle er in ihren Fantasien spielt. Gleichzeitig spürt man bei ihm auch eine Müdigkeit an dieser Täuschung – wie viel erkennst du von dir selbst in ihm wieder?

Mir ist das schon sehr fremd. Wenn man sich seine Welt baut, eine Lebensweise anerzieht, erfindet man ein System, in dem man funktioniert,  in dem man gut ist. Doch manchmal kommt mir das auch vor wie ein Korsett. Die Identität löst sich ab. Vielleicht war Don Giovanni einmal identisch mit einem Lover für jeden und alle. Ich frage mich, wie gut er sich kennt. Er ist oft so kindisch und manchmal handelt er wie eine Maschine.

Vielleicht ist er auch deshalb so schwer einzuordnen, weil wir von keiner Arbeit wissen, der er nachgeht. Es gibt nur die Flucht und die Liebe, die bei Don Giovanni möglicherweise auch eine Art Arbeit ist, doch es existiert kein Werk, außer dem Katalog des Leporello und der Spur der Zerstörung.

Ich habe einmal einen Bericht über gutaussehende Afrikaner gesehen, die versuchen, von Nordafrika nach Spanien zu kommen. Wenn ihre Schlauchboote kontrolliert werden, kommt es vor, dass neben den Polizeikräften ein Bordellbesitzer steht. Dann werden die schönen Mädels und Jungs herausgepickt und verschwinden in Spitzenbordells in Barcelona oder Madrid.

Ja, vielleicht ist Don Giovanni auch die Nutte der Gesellschaft, jemand, der nicht nur Frauen vernascht, sondern auch seinen eigenen Körper verkauft für die Fantasien der anderen. Siehst du in ihm ein Opfer seines eigenen Antriebs? Treibt ihn überhaupt noch etwas an? Gibt es noch ein Moment von Begierde, von Eros?

Ich glaube nicht. Er ist schon an einem Endpunkt. Wenn Don Giovanni am Anfang mit Donna Anna zusammen kommt, sagt sie, sie würde ihn verfolgen, um herauszufinden, wer er sei. Darauf erwidert er, frei übersetzt: „Du wirst nie wissen, wer ich bin, du kannst mich jetzt ansehen, du wirst es aber nie herausfinden.“ Das sagt er sehr harsch. Dass sie glaubt ihn erkennen zu können, ist in seinen Augen lächerlich. Gleichzeitig wünscht er sich natürlich genau das.

Dass jemand ihn erkennt?

Ja…

Fleischliche Erkenntnis?

Deswegen hat er auch keine Angst vor dem Tod. Der Tod wäre ein Widerpart. Vielleicht die größte Erfahrung.

Und seine einzige echte Liebe?

Vielleicht.

Was ist mit den anderen Figuren des Stückes, welche ist dir am nächsten?

Ich mag sämtliche Frauenfiguren sehr gern. Donna Anna zum Beispiel mit ihren unglaublichen emotionalen Fähigkeiten. Sie wird oft unterschätzt. Für mich ist sie eine faszinierende Figur, die sich nicht kennt. Das kann man ihr vorwerfen, das kann man sich selbst aber immer vorwerfen: Warum weiß man so wenig über sich selber? Warum unterdrückt man so viel? Donna Anna hat einen Emotionsüberschuss, der völlig unbefriedigt ist. Deshalb kommt es zur Katastrophe. Ich finde auch Donna Elvira groß und würde sie gern so zeigen. Sie will wirklich wissen, wer Don Giovanni ist.  Sie folgt ihm, dabei geht es nicht um Eifersüchteleien oder Spießigkeiten. Sie bricht alle bürgerlichen Zelte hinter sich ab und zieht ihm hinterher. Bis zum Schluss bleibt bei ihr eine große Neugierde.

Ihr Ziel ist es nicht, den Mann zu ändern, zu binden, zu bessern? Das wird ihr doch sonst gerne unterstellt.

Nein, nichts dergleichen.

Gängig ist doch das Bild von einer Frau, die den wilden Mann zähmen will,  geleitet von dem beim weiblichen Geschlecht weitverbreiteten Wahn, den chronisch untreuen Mann treu zu machen und sich damit zu beweisen, die Attraktivste zu sein.

Gerade bei dem mozartschen Don Giovanni wimmelt es von Klischee-Fallen. Da muss man auf der Hut sein.

Die klassische Frage: Was hat Don Giovanni eigentlich, was andere Männer nicht haben? Was macht ihn für Frauen zum Faszinosum?

Schwer zu sagen. Es ist dieses Fluidum, das man nicht herstellen oder darstellen kann. Eine Aura, die einfach gegeben ist. Sie zieht übrigens auch Männer an. Don Giovanni ist vor allem jemand, der ganz im Moment sein kann. Das ist eine Qualität. Dieses Wirklich-Da-Sein, das Kinder haben. Ich kenne keinen Erwachsenen, der das kann. Don Giovanni hat diese Daseinskraft, weil er nie an gestern und morgen denkt. Er wird ja ständig gejagt. Seinen Begleiter Leporello sehe ich dagegen als unglaublichen Ordnungsfanatiker und ganz großen Spießer. Sein Almanach, die Bestandaufnahme über Don Giovannis Frauen, ist für Leporello existentiell, das erotisiert ihn, das ist seine Leidenschaft. Er ist ein Voyeur, der, wenn er selbst einmal eine Frau wie Elvira anfassen kann, völlig durcheinander gerät.

Der Buchhalter der Genüsse? Die spießbürgerlichste Figur?

Ja. Ottavio, eine der anderen Männerfiguren entwickelt über die Emotionsschübe von Donna Anna eine immer größere eigene Offenheit. Dieser Mann lebt ein starkes Ordnungsprinzip in festgezurrten Bahnen und versucht, es nieder zu reißen, weil er spürt, dass er sich öffnen muss.

Das Stück ist im mittelalterlichen Geist einer Läuterungsgeschichte verfasst, der zufolge der Böse am Ende bestraft wird. Spielt die Frage der moralischen Ordnung für dich eine Rolle?

Nein, eher nicht. Wenn die anderen Figuren übrig bleiben, ist ihnen durch das Fehlen von Don Giovanni etwas verloren gegangen.  Sie sind durcheinander, sie vermissen ihn.

Das Stück funktioniert für dich nicht als Rechtfertigung einer Ordnung?

Absolut nicht. Ich sehe Don Giovannis Tod auch als sehr brutalen Vorgang.

John von Düffel, Autor und Dramaturg, arbeitete am Hamburger Thalia Theater verschiedentlich mit Stephan Kimmig und bearbeitete für ihn Thomas Manns "Buddenbrooks".