Rodelinda, Regina de' Longobardi
Georg Friedrich Händel
Nicola Francesco Haym
Festspiel-Premiere am 28. Juni 2003 im Nationaltheater
"Händel ist Musik für die Menschen" - Gespräch mit Sir Peter Jonas
Zum ersten Mal werden in diesem Jahr die Münchner Opern-Festspiele mit der Premiere einer Oper von Georg Friedrich Händel eröffnet: Rodelinda, Regina de' Longobardi. Ende April hat es mit Saul bereits eine weitere Händel-Premiere im Nationaltheater gegeben. Warum bringt die Bayerische Staatsoper zwei Händel-Neuproduktionen hintereinander?
Anlässlich des 350-jährigen Jubiläums der Oper in München wollten wir in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf Barock und Moderne legen. Deshalb bestimmten wir als erste Festspielpremiere Händels Rodelinda und als zweite dann die Uraufführung von Jörg Widmanns Auftragswerk Das Gesicht im Spiegel. Der Barock sollte aber nicht nur durch die Oper vertreten sein, sondern auch durch die nicht minder wichtige Kunstform des sakralen Dramas, die bislang an der Bayerischen Staatsoper eher unterrepräsentiert war. Mit Saul wollten wir zugleich auf den Einsatz von August Everding und Herbert Wernicke für das Oratorium (Judas Maccabäus, 1980) zurückblicken. Mit Rodelinda folgt nun eine grandiose Händeloper, die hier in München noch nie aufgeführt worden ist. Die Nörgler, denen diese Konstellation nicht passt, verstehen nicht, dass das Ganze ein Paket ist: das sakrale Drama im englischen Stil, die Barockoper im italienischen Stil und dazu mit Widmanns Gesicht im Spiegel eine neue Oper von einem zeitgenössischen Münchner Komponisten.
In den vergangenen Jahren hat sich die Bayerische Staatsoper ein reichhaltiges Händel-Repertoire erarbeitet...
Nicht reichhaltig genug! Von den siebzig Opern in unserem Repertoire sind gerade mal fünf von Händel!
...aber andere Komponisten hatten dadurch vielleicht das Nachsehen. Manche Leute beklagen zum Beispiel einen Mangel an Strauss-Neuproduktionen.
Zwei Jahre vor meinem Amtsantritt hat Wolfgang Sawallisch den gesamten Strauss in den Festspielen gespielt. Das war ein großartiges Ereignis, aber man kann das nicht ewig wiederholen, dafür gibt es auch das Publikum nicht. Eine Elektra ist hier nicht automatisch ausverkauft; die Münchner sind leider nicht die größten Strauss-Verehrer. Natürlich gibt es Lücken im Repertoire, aber die erheblichsten Lücken hatten wir vor zehn Jahren doch bei Händel! Jetzt sind fünf seiner Opern im Repertoire, im Lauf der nächsten drei Spielzeiten werden, wenn alles gut geht, noch zwei dazu kommen. Und das genügt dann.
Besteht da nicht die Gefahr einer Übersättigung beim Publikum?
Nein.
Warum? Was ist das Besondere an Händel, das die Zuschauer immer wieder fesselt?
Barock - also nicht nur Händel allein, sondern auch Cavalli, Monteverdi etc. - ist nach wie vor in Mode. Das moderne und auch jüngere Publikum liebt Barockwerke, weil sie so plastisch sind; als Regisseur und Interpret kann man an ihnen wie ein Bildhauer arbeiten. Das Repertoire ist reichhaltig und variabel, es gibt sakrale Stücke wie Saul, ernste Werke wie Ariodante und Rodelinda und Komödienstücke wie Xerxes und Giulio Cesare in Egitto - für jeden etwas also. Der Stoff ist immer vielseitig interpretierbar und lässt sehr viel Freiheit. Das liegt daran, dass Händel und seine Kollegen ihr Publikum vor allem unterhalten wollten und ihre Opern auf eine damals zeitgenössische Art und Weise als buntes Bühnenspektakel aufgeführt haben. Wer heute der Ansicht ist, Händel müsse hochseriös dargeboten werden, der kennt das Grundprinzip der Barockoper nicht.
Obwohl mit Richard Jones, Martin Duncan, David Alden und Christof Loy viele verschiedene Regisseure Händel an der Bayerischen Staatsoper inszeniert haben, ist oft vereinheitlichend von einer speziellen Münchner Händel-Ästhetik die Rede. Wie wichtig war diese Ästhetik für den Erfolg der Händel-Renaissance in München?
Sehr wichtig. Dabei war diese Strategie keineswegs weit im Voraus geplant. Wir wollten es damals, 1994, zunächst mal nur mit einem Händelwerk versuchen; wäre es nicht beim Publikum angekommen, dann hätten wir nicht weitergemacht. Gott sei Dank wurde Giulio Cesare so ein großartiger Erfolg! Natürlich nicht unumstritten, aber gerade die Schmähungen in einer lokalen Zeitung waren der Schlüssel für den Erfolg. Die Aufregung des Publikums über diese Inszenierung provozierte allgemeines Interesse, und die Bayerische Staatsoper wurde zu einem Forum für Streit, Dialog und Auseinandersetzungen über unsere Kunstform und über uns selbst. Das war sehr wichtig, das hat Giulio Cesare genial gemacht. Denn diese Produktion war nicht nur tiefgründig, gut organisiert, durchdacht und intellektuell sehr dicht, sie war noch dazu ungemein unterhaltsam.
Hätten Sie je mit einem solchen Erfolg gerechnet?
Ich rechne nie mit einem Erfolg. Wie gesagt, es war ein Risiko: Wäre Giulio Cesare kein Kassenerfolg geworden, hätten wir die Händelserie nicht fortsetzen können. Und ich erinnere mich noch gut, wie zäh der Vorverkauf für die erste Cesare-Serie anlief. Nach der Premiere jedoch setzte plötzlich ein Sturm auf die Kassen ein. So konnten wir mit Händel weitermachen. Das ist der Trick im Showbusiness, in der Oper und für jeden Impresario: Wenn man ein Risiko eingeht und dabei erfolgreich ist, dann kann und muss man weitermachen, solange das Publikum es einem nicht erlaubt, aufzuhören.
Sie sagen, Barock sei nach wie vor in Mode. Wie sieht es denn mit der Händelpflege an anderen deutschen Theatern aus?
Sehr gut, da wachsen viele schöne Traditionen heran. Nur mit einem bin ich nicht ganz zufrieden, und das sage ich jetzt auch als Chef der deutschen Opernkonferenz: Manche meiner Kollegen meinen, für Barockopern fremde Orchester zu benötigen. Natürlich bekommt man ein tolles Ergebnis, wenn man das Freiburger Barockorchester oder das Concerto Köln für eine Händelproduktion engagiert. Aber das macht das ganze Unternehmen viel zu teuer. Wir in München hatten von Anfang an die Idee, einen Hauptdirigenten - Ivor Bolton - für Barockproduktionen zu verpflichten, Händel wie auch Monteverdi mit unserem eigenen Orchester zu spielen und nur für ein paar besondere Instrumente Gäste zu engagieren. Und das wurde angenommen, die meisten Musiker des Bayerischen Staatsorchesters waren sehr interessiert daran, ihre Instrumente mal anders zu spielen, und hatten nun Gelegenheit dazu. So entstand unsere musikalische Händel-Tradition. Wohlgemerkt, wir behaupten nicht, das sei die definitive Art, Barockmusik zu interpretieren, es ist lediglich unsere persönliche Münchner Art. Heutzutage macht sich weltweit immer mehr eine Flughafen-Wartesaal-Kultur breit, ein stilistischer Einheitsbrei wie bei Burger King. Wir wollen aber keinen Burger-King-Händel machen, sondern unseren eigenen. Und das finde ich richtig.
Gibt es auch - siehe "Münchner Ästhetik" - einen eigenen Inszenierungsstil?
Wir haben keinen eigenen inszenatorischen Händelstil entwickelt, sondern einen eigenen Hausstil auf der Bühne, und der gilt nicht nur für Händel, sondern auch für Wagner, Beethoven und alle anderen. Dieser Hausstil reicht in seiner ästhetischen Bandbreite von Dieter Dorn und Jürgen Rose über Peter Mussbach, Thomas Langhoff, Richard Jones und Martin Duncan bis zu Christof Loy und David Alden. Er ist kein - wie mancher total unqualifizierte Kommentar meint - Brit-Pop. Wer das behauptet, hat keine Ahnung, was Brit-Pop ist; mit Oper hat diese Stilrichtung ohnehin nichts zu tun! Dieter Dorn oder Christof Loy inszenieren keinen Brit-Pop, auch nicht David Alden, dessen Stil nichts spezifisch Englisches hat; Alden ist ein europäisch und sehr deutsch beeinflusster Amerikaner. Auch Peter Konwitschny ist kein Brit-Pop-Regisseur. Aber wenn er hier Händel inszenieren würde, was ich mir übrigens sehr gut vorstellen könnte, dann würde das sofort als Brit-Pop verschrieen werden. Ich weiß noch genau, wie mich ein Besucher in der Pause der Parsifal-Premiere beinahe geschlagen hätte wegen "dieses englischen Bühnenbildners" - er wollte mir nicht glauben, dass der Bühnenbildner, Johannes Leiacker, ein Bayer aus Landshut war! Da sieht man, was für ein irreführender Unfug es ist, Regisseure und Ausstatter nach ihren Nationalitäten zu beurteilen. So etwas gibt es bei uns am Theater zum Glück nicht, wir leben diesbezüglich in einem Esperanto-Idyll der Toleranz. Mir ist es vollkommen gleichgültig, ob jemand Bayer, Engländer oder Amerikaner ist, ob er aus Florida kommt oder aus Dänemark oder aus Landshut. Ich frage nicht danach, wo die Leute herkommen.
Was bedeutet der Komponist Händel für Sie persönlich?
Meine Schwester, eine wunderbare Musikerin, hat mir oft gesagt: "Bach ist Musik für die Götter, und Händel ist Musik für die Menschen." Und das ist wahr. Bach hat etwas Spirituelles, Kosmisches, während Händel sehr menschlich ist, auch in der harmonischen und melodischen Struktur. Aber das ist jetzt keine qualitative Unterscheidung, ich liebe Bach ebenso sehr wie Händel. Während Bach mehr die Liebe zu Gott zum Ausdruck brachte, hatte Händel ein fantastische Fähigkeit, menschliche Liebe auf der Bühne darzustellen. Seine Musik ist sehr zugänglich, voller Gefühle und Sinnlichkeit. Hören Sie sich nur Rinaldos "Cara sposa" an oder Ariodantes "Scherza infida", das ist unglaublich schön, es bewegt - und das sollte Kultur ja immer tun. Ich liebe Händel sehr, ebenso wie all die anderen Barockkomponisten, und das ist auch ein Grund, warum ich immer wieder Barockopern aufs Programm setze: Ich möchte diese Liebe mit unserem Publikum teilen.
Das Gespräch führte Ingrid Zellner
© Bayerische Staatsoper
