Der Freischütz

Carl Maria von Weber: Der Freischütz Carl Maria von Weber: Der Freischütz Carl Maria von Weber: Der Freischütz
About the production

Carl Maria von Weber
Friedrich Kind

Première on 31st October 1998 at the Nationaltheater

 

Thomas Langhoff. Über Einsamkeit

 

"O lass Hoffnung dich beleben, und vertraue dem Geschick!" So singt der Chor der Landleute und Jäger dem unglücklichen Jagdgesellen Max am Anfang der Geschichte zu. Aber warum soll er dem Geschick vertrauen, wenn er sich nicht einmal auf die Menschen verlassen kann? Die Jäger missachten ihn, die Bauern verspotten ihn, sogar mit seiner Verlobten Agathe kann er über seine Ängste nicht sprechen. Er hat eine Pechsträhne. Er trifft nicht, wie es jedem von uns einmal gehen kann: dem Fußballer, dem Sänger, dem Arzt. Max hat keinen Erfolg, weil er an der Krankheit einer neuen Zeit leidet, zu deren Beginn unsere Oper entstand: dem Einsamsein. Ein einziges Heilmittel gäbe es, das ihm helfen könnte: Vertrauen. Heinrich von Kleist hat es in seinem Werk immer gefordert und gesucht: Auch er wollte in seiner Gesellschaft akzeptiert werden und einen sicheren Stand haben, aber er verzweifelte und nahm sich das Leben. Kleist erinnert uns an den sensiblen und poetischen Jagdgesellen Max. Der überlebt – aber gibt es für ihn ein gutes Ende? Sein Freund Kaspar, der ihn verraten hat, ist tot. Seine Hochzeit ist um ein Probejahr verschoben. Der Probeschuss ist zwar aufgehoben; aber wird Max jemals wieder akzeptiert und heiratswürdig werden, wenn seine Schussschwäche anhält? Hier trifft‘s wirklich: Der Vorhang zu und alle Fragen offen, wie Brecht gesagt hat.
 

Ist dieser Freischütz eine Nationaloper? Die Frage stellt sich mir nicht. Wozu soll eine solche gut sein? Die wunderbaren Weisen, von denen wir meinen, dass sie unsere Gefühle widerspiegelten, sind Ausdruck des Sehnens und Hoffens der Menschen auf Harmonie, auf höhere Fügung, die uns hilft, unsere kurze Lebenszeit zu bestehen. Die Handlung des Werkes zeigt eine ganz andere Wirklichkeit: eine Welt voller Ängste, Misstrauen und Repression. Aber da ist auch die Kraft zum Überwinden. Und da ist die schöne Musik, so schön wie die Worte Kleists. Das ist doch viel.