Die Walküre (2003)

Richard Wagner: Die Walküre Richard Wagner: Die Walküre Richard Wagner: Die Walküre
About the production

Richard Wagner
Premiere am 7. Mai 2003 im Nationaltheater

 

Nike Wagner. Aus Tapeten werden Mauern

Mit der Walküre beginnt Wagners Ring des Nibelungen im eigentlichen Sinn. Die Würfel, im Rheingold geworfen, sind gefallen, jetzt folgen die Konsequenzen. Der triumphale Einzug der Götter in ihre Burg war letzte Selbstinszenierung und Selbsttäuschung der Power-Gesellschaft, nun ist die Angst eingekehrt: Wie die Position halten, wenn der Feind nicht ruht? Je mehr die Angst diesen Feind phantasmatisch vergrößert, desto größer sind die eigenen Anstrengungen, sich gegen ihn zu wappnen, Vorbereitungen für den vermeintlich finalen Kampf zu treffen. Aufrüsten heißt das in der lingua franca der Kriegsherren aller Zeiten - rekrutieren, mobilisieren, Kanonen her und Grenzen dicht. Je ungenauer das Kriegsziel ist - von wo nähert sich das "nächtige Heer" eigentlich, wie groß ist Alberichs Armee wirklich? -, desto gewaltiger werden die Mittel, die aufgeboten werden. Organisatorische Zentren entstehen, logistische Planungsbüros, der Krieg als Vater des Fortschritts läßt treffsichere Flugapparate entstehen. Wotan selbst kümmert sich darum, er hat verstanden, daß mit Soldaten allein ein Krieg nicht zu gewinnen ist, daß neue Technologien noch ganz andere Zerstörungspotentiale entwickeln können. Auch seine Befehlshaberstatur wächst dabei ins Übergroße: Wird er nicht selber zum Vater aller Dinge, zum Gott, wenn er die Welt von oben, aus der Luft beherrscht? 

Propagandamaßnahmen auf der Erde tun ein übriges, dies glauben zu machen, zumindest die eigenen Garden glauben fest an ihn. Die töchterlichen Walküren spuren ganz ausgezeichnet. Papas goldige Lieblinge und Schmusekatzen verwandeln sich wie selbstverständlich in Kriegsdienerinnen und Büroschlachtrösser, wenn Gottvater es will. Sie sind Wachs in seinen Händen, Material seiner Macht. Brünnhilde, seinem Herzen die nächste, ist dies zunächst auch, ein weiblicher Feldwebel, eine Superagentin in Vaters Diensten. Sie ist nur raffinierter als ihre Schwestern, weiß, daß es ohne Erotik nicht geht, wenn Soldaten ins Paradies gelockt werden und Walhalls Versprechen attraktiv sein sollen. Die untergründigen Verbindungen zwischen Sexualkitsch und Tod werden in der Szene der Todesverkündigung für Siegmund sichtbar. Brünnhilde läßt dabei, wie gewöhnlich, ihre Mittel spielen - daß ihr Zweck aber nicht erreicht wird und Siegmund der Todeslockung à la Walhall widersteht, ist ein Novum in der Geschichte der Rekrutierung und bringt die gradlinige imperialistische Mittel-zum-Zweck-Doktrin Wotans zum Einsturz. Siegmunds Aufhebung der unheilvollen Relationen bewirken das Erwachen Brünnhildes aus ihrer ideologischen Irreführung, ihre Emanzipation zu Menschlichkeit und Liebe.
 
Vorher aber zeigen sich die brutalen Seiten dieser Ideologie: Unter den Material-Aspekt fallen, da ohnehin nur mehr "halbgöttlich", Wotans Kinder mit der unbekannten Menschenfrau aus der Walküre. Hat der oberste Herrscher noch innere Schwierigkeiten, sich von Brünnhilde zu lösen, so ist seine emotionale Verbundenheit mit Siegmund und Sieglinde von Anfang an schwach. Die Zwillinge werden sozusagen schon im Dienst seines dringenden Bedarfs nach Menschenmaterial gezeugt - die von den Walküren herbeigeschleppten toten Helden allein genügen nicht, er braucht verläßlichere Alliierte für seinen geplanten Krieg. Wenn in der Ausführung dieses Planes etwas schieflief und Siegmund dabei draufging, so heißt das nicht, daß sein Plan schlecht war, sondern daß Siegmund Pech hatte. Mit dessen Sohn wird Wotan ein zweites Mal seine Absichten zu verwirklichen suchen, Siegfried wird die Kohlen aus dem Feuer holen, den Ring von Fafner für ihn erbeuten müssen. (Frau Sieglinde war ohnehin nicht kriegstauglich, sie wurde gleich ihrer "weiblichen Bestimmung" anheimgegeben und an Hunding verkauft.) Alles ist "Material" im modernen Krieg, alle Toten, alle Lebendigen, Frauen wie Männer, sie werden instrumentalisiert, funktionalisiert - und wenn der Ring behauptet, daß nicht einmal des Diktators eigenes Fleisch und Blut diesem Schicksal entgeht, so veranschaulicht dies nur, wie weit die Perversion des Politischen gehen kann.

Heiligen nun aber die Mittel den Zweck, wird das "Material" letztlich sinnfällig eingesetzt, um eine bessere - friedliche - Welt zu erzwingen? Schon zu Beginn der napoleonischen Kriege gehen solche nobleren Theorien durch die Verknüpfung kriegerischer mit wirtschaftlichen Interessen verloren. Mag es einst im Wesen des (Verteidigungs-)Krieges gelegen haben, daß der Zweck die Mittel rechtfertigte, so haben die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gelehrt, daß die Mittel dem Zweck über den Kopf wachsen, sich verselbständigen. Der Zweck selber wird gleichsam vom Material, von den Mitteln aufgezehrt, er geht im Verlauf der Handlung verloren. Das heißt aber: Es herrscht nur noch Krieg, die Gründe und Motivationen dafür sind abhanden gekommen, werden allenfalls noch rhetorisch beschworen. Von Ängsten gesteuert, wird der Krieg damit zum Dauerzustand, zum Status quo und Selbstzweck der Weltgesellschaft. Er kann deshalb auch nicht mehr wirklich beendet werden, aber er hat sich die Welt anverwandelt, eine einzige Lager- und Baracken-Stätte daraus gemacht. Daß es in Wagners Ring nicht zum großen Schlachtenschluß oder irgendwelchen "Endsiegen" kommt, ist aus dieser Perspektive folgerichtig, wird von den modernen Kriegstheorien und -analysen bestätigt.

In der Münchner Interpretation der Walküre ist der Krieg die bestimmende Metapher für Bühne und Handlung. Aus dem Rüstungsgeschehen des Hintergrunds herausgetreten, ist der Krieg in allen drei Akten und in jedermanns Bewußtsein präsent. Durch Wotans bellizistischen Furor ist aus der kleinbürgerlich geblümten Tapete bei Hundings eine Mauer geworden - oder besser: Mauern, trostlose Lagermauern. Sie können zwar Löcher bekommen wie die Tapete, aber sie verstellen den Blick, verhindern ein Ausbrechen weit energischer als das Papier. Figuren können sich darauf postieren und weitere Mauern dahinter sichtbar werden - es hilft nichts, wir sind in der Welt, die sich Wotan, besessen von seinen Lufteroberungsträumen, gebaut hat, in seinem gespenstisch leeren Staat. Der Liebe gelingt es zweimal, daraus auszubrechen, die erstickenden Mauern und Wände zu öffnen. Beide Male endet es schrecklich, entweder tödlich oder traumatisierend für immer. Siegmund geht zugrunde, und, an den Folgen des Ehebruchs, auch Sieglinde. Brünnhilde wird im Strafvollzug, am Ende des dritten Aktes, wie eine Leiche hinausgefahren. Aus der Fortsetzung der Geschichte wissen wir zwar, daß sie ihre Pferdestärken draußen in den Asphalt rammt, einen Autounfall erleidet, wir wissen aber auch, daß sie überlebt und mit Siegfried ein neues Leben beginnt. Erst in der Götterdämmerung wird sichtbar, wie sehr sie von ihrer Vergangenheit in Vaters totalitärem Staat verfolgt wird. Ihr Ende kommt nur verzögert.

David Alden holt aber nicht nur den kriegerischen Hintergrund der Walküre nach vorn auf die Bühne, er weiß, daß dort schon andere Massaker im Gange sind, die Ehekriege des ersten und zweiten Aktes. Nicht zufällig verwendet die Sprache für beide Schauplätze, den äußeren, topographischen wie den intim-zimmergebundenen, dieselben Wörter. Seit dem späten 19. Jahrhundert sind der "Kampf der Geschlechter" und der "Ehekrieg" sprichwörtlich geworden - in der Walküre haben wir zwei charakteristische Ausformungen davon: die physisch brutale Variante zwischen Hunding und Sieglinde und die psychisch brutale zwischen Wotan und Fricka. Kampf bis aufs Messer und Haß in Hundings Wohnküche, ressentimentgeladene Kälte und Berechnung in der besseren Gesellschaft - Unterwerfungsstrategien kennzeichnen beide Ehen. Beide Partner sind jeweils unglücklich, auch die jeweils dominierenden, Hunding und Fricka, sie sind verstrickt ineinander, und nur Gewalt kann die Bande lösen. Sieglindes Ausbruch aber führt nicht in die Freiheit, und Frickas Sieg bessert die Verhältnisse nicht, sondern gereicht erst recht zum Verderben. Für den Krieg draußen wie für den Krieg drinnen gelten ähnliche Gesetze: Mit Diplomatie und Vernunft, Aufklärung und besserem Wissen ist hier nichts mehr zu machen, die Systeme laufen auf ihren Rädern, dem Untergang entgegen.

Die Liebe ist das einzige Gewicht gegen alle Formen des Krieges. Zeitweise gewinnt sie die Oberhand. Aber weil sie, wie hier in der Walküre, widernatürlich "familiär" geführt wird, inzestuös, muß sie scheitern, und ihre Protagonisten werden zermalmt. Die eheliche Liebe hat ohnehin keine Chance bei Wagner. Was könnte dann aber den permanenten Ring-Kampf aller gegen alle in der Welt aufheben? Wagner wird es mit dem Begriff des Mitleids versuchen, nach den Ehe- und Weltkriegen der Nibelungentragödie wird er den Parsifal komponieren.


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