Die Meistersinger von Nürnberg

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Kevin Conners, Jan-Hendrik Rootering Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
Inszenierung

Richard Wagner
Festspiel-Premiere am 29. Juni 2004

 

Eva Walch. Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

München. Königl. Hof- und National-Theater. Sonntag den 21. Juni 1868 Mit aufgehobenem Abonnement Zum ersten Male: Die Meistersinger von Nürnberg - so stand es auf dem Programmzettel vor 136 Jahren, und der damalige glänzende Erfolg ist dieser Oper seither nicht nur in München immer wieder zuteil geworden, auch wenn die zahlreichen Neuinszenierungen, die das Werk seither erlebt hat, nicht immer nur bejubelt wurden. So viel ist anders geworden.    

Wir berufen uns auf Wagners Spruch, "Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues!", wenn wir mit neuen szenischen und musikalischen Ideen und Interpretationen an seine Opern herangehen. Dabei bedarf es dieser Rechtfertigung durch ihren Urheber eigentlich nicht, denn das Meister(singer)werk Wagners legt geradezu zwingend nahe, das Gegenwärtige, das in die eigene Zeit Eingreifende und in die Zukunft Weisende herauszuarbeiten, es neu zu denken und in unsere Zeit zu übersetzen. 

Die Meistersinger von Nürnberg sind eine Gegenwartsoper. Nürnberg war und ist Deutschland, oder besser: ein uns alle angehendes Gemeinwesen. Hans Sachs war und ist der bürgerlich gebundene Künstler, oder besser: ein mit Verstand und Phantasie und gesellschaftlicher Verantwortung handelnder Bürger. Dieses Kunst-Nürnberg befindet sich in einer Krise, es stagniert, die Männer an der Spitze haben sich vom Volk entfernt, sie werden nicht geliebt. Die guten Gesetze und Regeln, die sie sich vor langer Zeit gegeben haben, engen ein, verhindern Bewegung, Belebung und Erneuerung. Die Kunst, die Kunst des Regierens, ist zum Vorrecht und Besitz einer kleinen einflussreichen Elite, der Meister, geworden. Einer von ihnen, Pogner, macht einen großzügigen Vorschlag, um der Kunst zu neuem Ansehen zu verhelfen. Doch sein Plan sieht einen Wettkampf nur untereinander, unter den Meistern, vor. Der Vorschlag eines anderen, Sachs, das Volk mitreden zu lassen, wird abgelehnt. Und so gäbe es keine Erneuerung - trotz des hochherzigen Preises, Eva -, wenn nicht ein Anderer, ein Fremder käme. Und dieser, Stolzing, kann das Neue, die neue Kunst, nur gegen große Widerstände durchsetzen, er lässt sich nur mit Kampf und Aufruhr - und mit Liebe - und mit der Klugheit des großen Vermittlers Sachs - und mit der Zustimmung des Volkes integrieren. Von den Ereignissen und Emotionen mitgerissen oder überrollt, suspendieren die einflussreichen Männer an der Spitze im entscheidenden Moment ihre Gesetze und Regeln und akzeptieren die neue Kunst als Anstoß zur Reformierung ihrer unvollendeten Demokratie.

Die Meistersinger von Nürnberg sind eine Gegenwartsoper. Sie sind eine repräsentative Oper, die gern als National- und Festoper, als Volksoper und immer wieder als Opernhauseröffnungsoper verstanden und aufgeführt wird. Wagner hat nach der anfänglichen Bezeichnung Komische Oper oder später Große komische Oper schließlich jeden Untertitel fallen lassen und uns damit umso größere Freiheit und Verantwortung bei der Ausdeutung seines Meisterwerkes, wie er es als einziges selbst genannt hat, auferlegt.


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