Otello

Otello: Anja Harteros, Raymond Very Giuseppe Verdi: Otello Otello: Claudio Sgura, Pavol Breslik
Inszenierung

Giuseppe Verdi
Arrigo Boito

Premiere am 1. Juli 1999 im Nationaltheater

 

Francesca Zambello. Verfaulende Beziehungen, moralischer Verfall

Verdis Otello ist ein Meisterwerk der Verdichtung. Es bringt Shakespeares Tragödie auf den Kern und konzentriert sich auf das verhängnisvolle Drama zwischen vier Menschen, deren gegenseitiger Argwohn letztlich Unglück über sie alle bringen wird. Das Schicksal hat diese vier Menschen, von denen jeder auf seine Weise Außenseiter ist, auf die Insel geführt. Sie sind Repräsentanten eines Kolonialreiches: Otello ist der ausländische Staatsagent; Desdemona ist eines venezianischen Edelmannes Tochter, die sich vorsätzlich den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen widersetzt, um den Mann zu heiraten, den sie liebt; Jago ist der unzufriedene Gefolgsmann, Cassio der leichtlebige junge Edelmann, ratlos auf Überseemission.

Das große Unwetter, mit dem die Oper beginnt, hat vielleicht die türkische Gefahr beendet, aber statt dessen hat es die Protagonisten in die Falle gesetzt. Sie sind gezwungen, in brennender, drückender Sommerhitze untätig auf der Insel zu bleiben. Es gibt keine Möglichkeit zu entfliehen. Die erzwungene Untätigkeit erweist sich für diese vier Menschen, die es gewohnt sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen - sei es beim Kommandieren der venezianischen Streitkräfte, sei es einem Vater trotzend - als fatal. Die Garnison ist als kolonialer Außenposten von der Außenwelt abgeschnitten; damit zugleich von der Vertrautheit der Konventionen und - zunehmend - von jeglichem Sinn für Realität. Die Entfremdung der Außenseiter voneinander ist eng geknüpft an die zunehmende Isolation jedes einzelnen. Zweifel und Argwohn wachsen. Beziehungen beginnen in der alles versengenden Hitze zu verfaulen.

Da die Sicherheit, auf welche die Protagonisten ihr Leben gebaut haben, um sie herum zusammenbricht, finden sie keine Möglichkeit mehr, effektiv zu arbeiten. Die Unsicherheit führt zu Misstrauen und moralischem Verfall. Indem sie den anderen verlieren, verlieren sie sich selbst. Das Drama verinnerlicht sich mehr und mehr. Es wird abstrakt und expressionistisch. Verdis Eröffnungssturm tobt in den Köpfen der Charaktere genauso stark wie in der Welt um sie herum. Im Verlauf der Oper steigt die emotionale und dramatische Hitze. Nur ein neues Unwetter kann die Luft klären. Wenn es kommt, wird es für Otello und Desdemona zu spät sein.


© Bayerische Staatsoper