La forza del destino (Inszenierung 2005)

Inszenierung

Giuseppe Verdi
Francesco Maria Piave

Festspiel-Premiere am 28. Juni 2005 im Nationaltheater

 

Interview mit Fabio Luisi (Musikalische Leitung) und David Alden (Inszenierung).

La forza del destino ist doch im wahrsten Sinne des Wortes ein sehr ungemütliches Stück?

Luisi: Ich weiß nicht, ob es ungemütlich ist, es ist vor allem eins: sehr schwer. Die Geschichte über Rache und Ehrgefühl ist sehr verworren, und man muss einen Weg finden, sie glaubhaft zu erzählen.

Alden: Ich denke, wenn man dieses Stück um spanische Ehre heute spielt, hat es eine andere Bedeutung. Es erscheint mehr wie ein Familiendrama mit stark freudianischen Über- oder Untertönen. Man denke an die Beziehung zwischen der Tochter, die unter der starken Hand des Vaters leben musste, und dem toten Vater, oder an den Bruder, den wir im ersten Familienbild noch gar nicht sehen, der aber später mit einer extremen Obsession seiner Schwester gegenüber auftaucht und sie und deren Liebhaber unbedingt töten will. Er ist von der Rache besessen, selbst wenn er auf Preziosilla stößt - es scheint nämlich, er hätte gerne eine erotische Beziehung mit ihr gehabt. Aber letztlich geht es nur um ihn und um seine Schwester. Das ist die ganze Geschichte.

Luisi: Für mich ist in dem Stück das Ausbrechen ein ganz wichtiger Punkt. Das Ausbrechen haben wir zunächst in einem pseudo-, später dann in einem echtreligiösen Sinne. Aber bereits in der Vorgeschichte hat ein Ausbrechen stattgefunden. Und zwar zweimal: das des Alvaro aus seiner kulturellen Umgebung und das der Leonora, die anscheinend schon einmal mit Alvaro etwas Beängstigendes hatte und vom Vater zurückgeholt worden ist. Das erleben wir in der Oper zwar nicht, aber es ist enorm wichtig, denn man spürt von Beginn an die Spannung, dass diese Frau auf der Suche nach sich selbst ist und sich nicht der spanischen Konstellation von Ehre beugen will. Sie ist so wie die Tochter eines gewichtigen Vorstandsvorsitzenden im Jahre 1968, die mit einem LSD konsumierenden Studenten durchbrennt.

Warum vergräbt sie sich anschließend, denn sie sperrt sich ja erneut ein?

Luisi: Wer heute beispielsweise in eine Sekte eintritt, bricht auch aus der alten Gesellschaft aus, um ein neues Leben zu beginnen - und das tut Leonora. Es ist ihr drittes und definitives Ausbrechen. Jedoch die Priester in dem Stück sind keine Mönche, wie wir sie uns vorstellen. Sie gehören einer fanatischen Sekte von Außenseitern irgendwo in den Bergen an. Melitone ist eigentlich ein Dolcinianer, der alle, die nicht so denken wie er, aus religiösem Fanatismus umbringen würde.

Alden: Aber es ist ihre alleinige Entscheidung, bis zu ihrem Tod als Eremit zu leben. Sie verlässt die Welt, wie eine, die in einem kleinen Raum ihr eigenes Gefängnis baut und da bleibt, bis sie stirbt. Man könnte zwar sagen, dass diese Weltflucht eine rein negative Entscheidung ist. Andererseits öffnet sie damit eine neue Tür: Sie betritt eine innere Reise, und sie versucht nun, eine Heilige zu werden. Sie ist natürlich von Schuldgefühlen geplagt und fühlt sich schuldig für den Mord an ihrem Vater - so wie Donna Anna in Don Giovanni, die nach dem Tod des Vaters auch keine Beziehung mehr zu Menschen und Männern haben kann. Leonora versucht, Don Alvaro zu vergessen, aus ihrem Herz zu vertreiben.

Das ist der eine Teil der Geschichte. Auf der anderen Seite - und das verwundert vor allem auch musikalisch - sind da noch viele Nebenfiguren wie Preziosilla oder Melitone. Plötzlich taucht eine sehr realistische, fast schon groteske Gegenwelt auf.

Alden: Das ist höchst ungewöhnlich für Verdi. Es ist vielleicht seine einzige Oper, in der er versucht, über das Theater hinaus einen Roman zu schreiben. Er hat den Romantizismus umarmt und einen Roman à la Victor Hugo im Auge gehabt. La forza del destino ist mehr ein Epos wie Vom Winde verweht oder Krieg und Frieden. Abgesehen von Simon Boccanegra ist es das einzige Stück, das über einen langen Zeitraum hinweg spielt, wobei Simon mehr eine lyrische Dichtung, ein Gedicht ist. Das Gefühl ist da verschlossener, aber auch geschlossener. Bei Forza haben wir etwas sehr offenes. Beispielsweise hat er eine Szene von Schillers Wallensteins Lager verwendet. Das ist, wie das gesamte Stück, mehr ein Mosaik. Daher liest man oft, das Stück hätte keinen Bogen. In Wirklichkeit hat Verdi etwas geschaffen, das jenseits der Normalität liegt.

Es ist mehr eine Zick-zack-Dramaturgie um einen roten Faden herum. Schlägt sich diese ungewöhnliche Gangart auch in der musikalischen Faktur nieder? Gerade die Melitone-Szenen lassen immer wieder aufhorchen. Hier fließt plötzlich buffa-Musik in einem Zusammenhang, den man nicht vermuten würde.

Luisi: Ich denke, es ist der richtig, zu versuchen, diese Szenen weg aus der klischeehaften Ecke der komischen Oper zu bekommen. Das führt hin zu einer übertriebenen, ausgestellten Komik, die mehr Gewicht hat, weil sie grotesk wird. Man lacht nicht, sondern bekommt eine Fratze vorgehalten. Das ist nicht Lachen, weil es witzig, sondern so übertrieben lustig ist, dass es schon nicht mehr witzig ist. Man versteht die Tragik dahinter

Ähnlich wirken die Chor-Tableaus, der Kriegschor und die religiösen Szenen, die ungeheuer intensiv sind.

Alden: Die religiösen Momente des Stücks sind sehr interessant, denn Verdi hat immense Zweifel gegenüber der Religion besessen und war vor allem gegen die Kirche als Institution eingenommen. Für mich wirkt das Stück auch wie Stationen eines Kreuzwegs. Alle Personen versuchen, sich auf ihre eigene Art zu kreuzigen, zu zerstören und zu vernichten, um dadurch Befreiung zu erfahren. Das gilt für Leonora genauso wie für Alvaro. Er ist ein Außenseiter und sieht sich als Feind des Schicksals. Er sucht den Tod und kann ihn nicht finden. Selbst Carlos obsessive Rache ist eine lange Selbstzerstörung. Lediglich in seiner Arie "Urna fatale" gibt es einen kurzen Moment der Unsicherheit, geht er durch eine moralische Krise. Er erkennt kurz die Chance, sich zu läutern - würde er die Finger von den Papieren seines Freundes lassen.

Den Obsessionen steht in dem Stück der Schicksals-Begriff gegenüber. Das Schicksal wurde in den letzten Jahrzehnten nicht sehr ernst genommen, aber spätestens seit der Tsunami-Katastrophe wird es nicht mehr belächelt, man denkt über etwas was nach, das über einen hereinbrechen kann, ohne, dass man es beeinflussen könnte.

Alden: Ein besseres Titel wäre eigentlich: die Macht des Zufalls, der Koinzidenz. Es ist nicht ein Schicksal, das alle führt, sondern eine Verkettung von Zufällen, die alle zusammenbringt und wieder auseinanderführt.

Es gibt in der ersten Fassung einen sehr radikalen Schluss, wo Alvaro Gott und Himmel flucht und sich selbst umbringt. Dieser Schluss wird aus verschiedenen Gründen in der letzten Zeit kaum mehr gespielt, höchsten vereinzelt aus historischem Interesse.

Luisi: Das ist vor allem eine interessante Fassung, weil sie ausbricht aus dem Klischee der religiösen Erlösung, was in diesem Fall fast schon blasphemisch anmutet.

Alden: In der neuen Fassung sagt er am Ende, dass er gerettet ist. Das ist doch sehr interessant. Der Grund, die Neufassung zu spielen, ist die Schönheit und vor allem Stille der Musik. Es gibt kaum eine andere Oper, die eine solche Katastrophe zeigt und dennoch eine unvergleichliche Stille besitzt. In der Partitur gibt es so viele intensive, getriebene und verrückte Momente, aber auch die der religiösen Verklärung und Ruhe. Wenn man das nicht spielt, ist das schlecht. Ich bin eigentlich immer für ein nihilistisches Ende, aber hier hält das den Plot besser zusammen, führt die Fäden wieder zusammen.

Die Macht in dem Stück ist eine weitgehend weltliche, eine kriegerische und zerstörerische - im Privaten wie im Gesellschaftlichen.

Alden: Zu Verdis Zeit wurde der Krieg für viele Leute als Befreiung. Er brachte zugleich die Verheißung von Abenteuer, Sex und Geld. Inzwischen sehen wir auf CNN den Krieg live oder mit kurzer Verzögerung. Das war zu Verdis Zeit anders. Krieg dauerte länger, und man konnte nicht mit einer Bombe alles zerstören. Für die meisten Leute war der Krieg daher nicht so präsent. Nur wenn sie unmittelbar involviert waren, haben sie begriffen, wie der Krieg wirklich ist. Man sah schlichtweg nicht so viele Bilder.

Viele Barockstücke scheinen uns heute in der Art, wie Gesellschaft vorgeführt wird, viel näher als Stücke des 19. Jahrhunderts. Fast meint man, in den vergangenen Jahrzehnten seien diese in der Wahrnehmung etwas zurückgegangen. Ist ein Stück wie La forza del destino vielleicht deswegen für uns so spannend, weil es - im Gegensatz zu Macbeth, Rigoletto und Un ballo in maschera - wieder ein Welttheater ist?

Alden: Alle genannten Stücke sind phantastisches Theater. Es ist für uns heute vielleicht schwieriger, die richtigen Sänger zu finden. Es scheint heute leichter, Monteverdi oder Händel zu besetzen. Ich habe manchmal gesagt, dass uns heute Barockstücke besonders ansprechen, weil sie sehr offen für das Publikum sind. Es gibt meiner Meinung nach einige Themen im 19. Jahrhunderts bezüglich der Macht und in den Beziehungen, die mit großen Komplexen behaftet sind, die es zuvor noch nicht gab. Heute wirken die älteren Stücke wieder näher bei uns.

Luisi: Das ist ein normales Rezeptionsproblem. Zeitgenössisches ist das Schwierigste für uns. Je weiter man zurückgeht, desto leichter fällt uns eine Annäherung. Es liegt vielleicht auch daran, dass sich die Vorstellung von Musiktheater immer mehr vom ursprünglichen Gedanken der Oper, nämlich die totale Sublimierung der Realität, entfernt hat. Das hat bereits bei Mozart angefangen und führt hin zum Verismo, der den Ursprungsgedanken der Oper negiert. Es wurde immer realistischer komponiert, realistischere Stoffe gesucht und gefunden.

Alden: Es hat etwas damit zu tun, dass man einige Tabus und Komplexe des 19. Jahrhunderts zwischen Männern und Frauen in Verdis Werken manchmal unerträglich stark fühlt. Wir denken heute vielleicht, dass wir schon ausgebrochen sind - und diese Stücke erinnern uns unangenehm daran, dass wir das eigentlich gar nicht sind, wie streng die Dinge für uns heute noch sind.

© Bayerische Staatsoper