Die Walküre
(Inszenierung: Hans-Peter Lehmann; 2002)

Waltraud Meier, Peter Seiffert Waltraud Meier, Peter Seiffert Waltraud Meier, Peter Seiffert
About the production

Richard Wagner
Première on 30th June 2002 at the Nationaltheater

 

Nike Wagner. Memory

Im ersten Akt der Walküre ist eine Esche vorgeschrieben, die durch die Hütte Hundings hindurchwächst und in der ein Schwert steckt, mit dessen Hilfe die Not der Götter beendet, ihre Herrschaft aus der Krise geholt werden soll. Wotan selbst hat Nothung dort deponiert ...

Diesen Baum hat Herbert Wernicke als ein liegendes Baum-Stück konzipiert, das schräg in seine Bühne für den Ring - den Bayreuther Zuschauerraum - ragt. Seine Form und Art ist inspiriert von einer Installation des Video-Künstlers Bill Viola. Sie heißt The Theater of Memory.

Die Assoziation ist berechtigt. Die Esche in Hundings Hütte paraphrasiert die Welt-Esche, von der die Nornen reden; sie sprengt Hundings enge Welt mit der Gewalt und Masse des Geschichts- (und Geschichten-)Gedächtnisses, das in ihr versammelt erscheint. Auch die Esche Wernickes - herausgebrochen, vertrocknet, verstümmelt, und dennoch zu Wundern fähig, zum wundersamen Aufspringen heller grüner Frühlingsblättchen - paraphrasiert das Weltgedächtnis, schreckt auf durch ihr Gefallensein, durch ihr struppiges Querliegen, ein altes Geäst, durch das sich die Darsteller hindurchwinden müssen: Memory.

Erinnerung an Herbert Wernicke bestimmt den Raum, den er uns hinterlassen hat.  Erinnerung bestimmt diejenigen, die nun in seinen Raum steigen, um die Walküre zu gestalten. Für den Regisseur Wernicke war es klar, daß er sich, war sein Bühnenraum einmal geschaffen, seinen Ideen und Erfindungen dann spontan überlassen durfte. Auf deren Witz und Triftigkeit war Verlaß, sie kamen aus dem Fundus seines Könnens, seiner Erfahrung, seines Unbewußten.

Wir aber müssen mit Wernickes Hinterlassenschaft umgehen, zerrissen zwischen Memory und Pietät einerseits und den Anforderungen des Tages und der Stunde andrerseits, dem Gebot, Wagners Walküre zu inszenieren und sonst gar nichts.

Wernickes Hinterlassenschaft im einzelnen ist nicht groß, ein paar Ideen, Requisiten, Skizzen, Andeutungen. Für den ersten Akt: die "Winterstürme"-Schneetücher sind da, bereit zum Verwandlungseffekt, wenn der "Wonnemond" hereinbricht. Das Holzmobiliar bei Hundings, das Regiepult, von dem aus der gefährdete Machtregisseur Wotan die Sippenentwicklung zu leiten gedenkt. Für den zweiten Akt: der lange Holztisch bei Wotans, geeignet, der ehelichen Entfremdung Ausdruck zu geben, wir sind in Walhall. Für die Todesverkündigung ist ein Beleuchterturm mit Kabeln und Scheinwerfern vorgesehen, wie er in der Seitengasse jedes Theaters, also auch unseres Theaters auf dem Theater, steht. Im dritten Akt: Heldenpuppen statt der toten Helden werden von den kriegerischen Saaltöchtern Wotans hereingeschleppt; über ihre schizophrenen Kostüme - halb Abendkleid, halb Militärmantel - will Wernicke uns von der Doppelnatur dieser Geschöpfe erzählen.

An vielen Kostümen lassen sich noch die Spuren Wernickes ausmachen: Hunding trägt Loden aus dem Versandkatalog, Frau Sieglind das standesgemäße Korsett der konservativen Waldbesitzer, das Abenddirndl. Siegmund trägt, was man trägt, wenn man die Nächte unter den Brücken verbringen muß, zerrissene Jeans und ein unordentliches Hemd. Wotan bleibt der Herr aus feinsten Kreisen, ohne Nadelstreif und Stecktüchlein geht es da nicht. Seine Gattin ist ihm wenigstens darin gleich, elegante Außenministerin auch in kritischen Zeiten - für die Medien-Berichterstattung jederzeit bereit. Ein überraschender Termin bei den Generalproben in Bayreuth wäre für Fricka kein Problem.

Vorgesehen waren auch magische Elemente und Figuren - als Rückbindung an Wernickes eigene Memory, selbstreferentielle Objekte, Erinnerung an seinen Brüsseler Ring von 1991. Verbunden mit der Handlung, transzendieren sie diese zugleich, "wagnergerecht" sind sie in jedem Fall. Wotan wird von seinen zwei Raben begleitet, so steht es geschrieben. Diese Späher und Boten, Unglücksraben, wollte Wernicke in Menschengestalt auftreten lassen, es sind Wotans dunkle Bodyguards: Wotan, der Pate. Und bisweilen sollte ein Einhorn umhergehen - vieldeutiges mythologisches Fabeltier, Geist der Poesie, der jungfräulichen Erotik - ein Grane der besonderen Art. Über eine Filmeinspielung hätten wir das Einhorn später dann in der Götterdämmerung angetroffen; sein abgebrochenes Horn sollte zur Fackel werden, mit der Brünnhilde die korrupte alte Welt in Brand setzt. Den Feuerring hatte Wernicke noch mit seinen technischen Beratern durchdacht.

Dem Lichtkünstler Max Keller blieb nur ein einziger authentische Hinweis des Regisseurs - weniger der phantastischen als der historischen Provenienz. Ab der Walküre sollte der "Lichtdom" eingesetzt werden, Albert Speers berühmt-berüchtigter Showeffekt bei den Parteitagen der Nazis. Durch dreiundzwanzig in den Sitzreihen hufeisenförmig angeordnete Beleuchtungsgeräte hätte dieser Lichtdom das historische Gedächtnis des Münchner Publikums "einschalten" sollen.

Soweit die Memory-Reste, auf verschiedenen Ebenen angesiedelt und einander überlagernd. Diese Fragmente aus einer plötzlich versunken wirkenden anderen Zeit werden in der Neuinszenierung dieser Walküre auftauchen. Wir lassen sie bewußt bestehen, belassen sie, wollen sie zitieren, als Fragmente und Hommage an den Künstler Herbert Wernicke.

Szenenwechsel

Lohengrin ist fort, Gottfried von Brabant betritt die Szene, Hamlet ist tot, Fortinbras übernimmt … Daß das Unmögliche möglich wird, daß einer auf den fahrenden Ring-Zug aufzuspringen wagt, um die Leitung in die Hand zu nehmen - dazu bedarf es eines Helden der Wirklichkeit: Hans-Peter Lehmann. Ein Regisseur und Theaterleiter von eigenen Graden und zugleich vertraut mit Wernickes Arbeit, zeigt er mit der Übernahme dieses Amtes seine menschliche Souveränität und künstlerische Professionalität. Um dieses Amt beneidete ihn niemand. Aber Lehmann ist durchaus zu beneiden - und nicht nur, weil er das Werk Wagners wie kaum einer kennt. Er dürfte mit seiner Übernahme des Walküre-Waggons in der bestehenden Ausstattung auch in einem ganz persönlichen Memory-Spiel mitspielen. Lehmann war in seiner Jugend der wichtigste Assistent Wieland Wagners auf dem Grünen Hügel und hat Wielands Inszenierungen nach dessen Tod lange noch betreut, die Erinnerung an diesen Regisseur wachgehalten. Das war der erste Kreis seiner Memory. Muß es ihn jetzt nicht phantastisch anmuten, den zweiten Kreis zu betreten? Ist es nicht wie ein Betreten der eigenen Jugend, wenn er in Wernickes Faksimile des Bayreuther Raumes inszeniert? Der Memory-Spiegelungen und -Spiele kein Ende? Lehmann ist zu beneiden, schon weil er sich hier und heute den Lebenstraum eines jeden erfüllt: aus der Fülle der Erfahrungen, wie sie nur die reifen Jahre gewähren, auf der Bühne seiner frühen Jahre zu agieren ...

Der Not am Münchner Haus hat Hans-Peter Lehmann mit seiner Walküre-Inszenierung ein Ende gesetzt, und wir danken ihm dafür. Das Ende aber ist bei Wagner selten ein Ende. Hans-Peter Lehmann wird beim Abschied in die Rolle Wotans schlüpfen müssen, um Nothung erneut in irgendein Holz zu rammen. Jung-Siegfried will es haben. David Alden ante portas. Beide zeichnet aus: Sie sind von Memory nicht belastet und können neu anfangen.