Medusa

Cynthia Jansen Sabina von Walther
Inszenierung

Arnaldo de Felice
Uraufführung am 13. November 2005 in der Allerheiligen Hofkirche München

 

Der Kern des Schmerzes

Das Vergangene im Gegenwärtigen, damit ließe sich das künstlerische Konzept Arnaldo de Felices auf den Punkt bringen. In seiner Oper Medusa, die am 13. November in der Allerheiligen Hofkirche uraufgeführt wird, erzählt er den antiken Mythos neu und mit seiner Musik reiht er sich in die Tradition der großen italienischen Oper ein. Ein Gespräch mit dem Komponisten und
mit dem Produktionsdramaturgen Peter Heilker.

Sie waren Preisträger des Wettbewerbs „Teatro Minimo“, der im Jahr 2000 von der Bayerischen Staatsoper und dem Opernhaus Zürich veranstaltet wurde, und erhielten daraufhin einen Kompositionsauftrag. Wie ist daraus schließlich das konkrete Projekt Medusa entstanden?

de Felice: Nach dem Wettbewerb gab es einige Treffen, um zu besprechen, was funktionieren könnte und vor allem auch, in welcher Sprache das Stück geschrieben sein sollte. Ich bin sehr froh darüber, dass man sich für Italienisch entschieden hat. Das setzte für mich auch die Form einer italienischen Oper voraus, die Kombination der formalen Elemente einer traditionellen italienischen Oper, die für das Publikum absolut verständlich sein müssen, mit neuen Ideen.

Wie kam es dann zur Wahl des Medusa-Mythos und zur Verknüpfung der Mythologie mit einer gegenwärtigen Geschichte?

de Felice: Die Idee entstand in erster Linie aus dem Mythos heraus, der sehr faszinierend ist mit all dem, was er ausdrückt und für was er steht. Diesen Mythos wollte ich interpretieren und damit dem Publikum meine Sicht auf seine überzeitliche Bedeutung vermitteln? So habe ich gemeinsam mit den Dramaturgen aus München und Zürich den mythologischen Stoff in eine heutige Geschichte eingebettet, die ganz genau den verschiedenen Stationen des Mythos folgt, vom jungen Mädchen Medusa, die in Poseidon verliebt ist, über deren Verwandlung in jenes Monstrum mit Schlangen auf dem Kopf, bis hin zu Medusas Enthauptung durch Perseus.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Mythologie für die Gegenwart, für das hier und jetzt?

de Felice: Medusa repräsentiert eine ganze Welt, sie ist das Symbol der Frau schlechthin, des Matriarchats mit seiner zyklischen Vision der Welt, im Gegensatz zum linearen Weltbild des Patriarchats. Vielleicht ist es ein bisschen gewagt, dies zu sagen, aber diese beiden gegensätzlichen Konzepte finden sich auch noch in der gegenwärtigen Gesellschaft. Deshalb steht für mich Medusa auch für die Notwendigkeit einer zyklisch gedachten Welt, einer weiblichen, matriarchalischen Vision. Medusa ist eine sterbliche Göttin, die das traurige Geheimnis der Menschen kennt, nämlich den Tod. Der Medusa-Mythos lässt uns begreifen, was Leid ist, und genau diese Symbolik interessiert mich.

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Dramaturgen und Komponist ab? Zu welchem Zeitpunkt sind Sie in dieses Projekt miteingestiegen?

Heilker: Unsere Zusammenarbeit begann unmittelbar nach dem Wettbewerb. Zuerst ging es darum, eine Richtung und einen Stoff für das Werk zu finden. Zusammen mit Ronny Dietrich, der Dramaturgin aus Zürich, ist es schließlich zu dem Thema „Medusa” gekommen, und Arnaldo hat einen sehr interessanten Weg gefunden, dieses Thema als heutige Handlung darzustellen, ohne jedoch nur den Mythos nachzuerzählen. Er hat versucht, die Geschichte einer Frau von heute, die genau die gleichen emotionalen Erfahrungen wie Medusa macht, in ein Opernlibretto zu fassen. Gerade die  Erfahrung des Schmerzes, die Medusa durch den Verlust ihres geliebten Poseidon mitmacht, ist ja für den Menschen erlebbar. Nachdem wir gemeinsam diesen Ansatzpunkt gefunden hatten, hat Arnaldo dann ziemlich selbständig das Werk entwickelt.

Die zentrale Frauenfigur des Stücks, also die heutige Medusa, ist aufgeteilt auf vier verschiedene Sängerinnen, die auch jeweils unterschiedliche Stimmfarben haben.

de Felice: Es ging mir dabei in erster Linie darum, die unterschiedlichen Lebensphasen dieser Frau aufzuzeigen und diese auch stimmlich deutlich zu machen. Zuerst sieht man sie als junges Mädchen, und natürlich muss später die junge Frau, die ihrem Geliebten begegnet, eine etwas reifere Stimme haben, als dieses Mädchen. Wenn die Frau dann nach dem Verlust des Geliebten in ihrem Schmerz gefangen ist, muss sie wieder lyrischer klingen, wohingegen am Ende die durch die Schmerzerfahrung veränderte Frau erneut eine andere Stimmfarbe hat.

Am Schluss des Stücks scheint die Frau ruhig und befriedet, sie scheint ihren Schmerz überwunden zu haben. Hat sie also einen Prozess im Sinne eines kathartisch-therapeutischen Erlebnisses durchgemacht?

de Felice: Ich denke, durch diesen Schluss sieht man vor allem, dass ich ganz klar das Matriarchat dem Patriarchat vorziehe, dass mein Lebenskonzept ein zyklisches ist und kein lineares, in dem die Menschen sich kontinuierlichen Prüfungen unterziehen, damit sie sich am Ende groß, schön und gut fühlen. Deshalb soll das Ende auch keinen therapeutischen Effekt suggerieren im Sinne einer Reaktion auf das Erlebte. Die Aussage soll vielmehr sein: Was ist der Kern des Schmerzes? Und der Kern des Schmerzes bedeutet immer, dass man vor die Wahl gestellt wird, wie es weitergehen soll, wie man persönlich mit dem Schmerz umgeht und was man daraus macht, wobei einem keiner sagt, welche Wahl die richtige ist. Dem Mythos nach entspringen der enthaupteten Medusa zwei Blutströme. Einer ist heilsam, einer ist tödlich, und niemand weiß, welcher von beiden nun der gute ist. Genau das soll die Aussage der Oper sein: Welche Wahl treffe ich? Damit will ich die Frage nach dem Wesen und der Konsequenz des Schmerzes stellen.

Das Libretto zu Medusa haben Sie selbst verfasst. Wie muss man sich den Arbeitsprozess vorstellen in der Verbindung aus Libretto und Komposition?

de Felice: Anfangs war ich sehr unsicher, das Libretto selbst zu verfassen. Aber gerade wenn man unsicher ist, versucht man auch, sich mit Geduld und einem starken Willen zu wappnen und so zu arbeiten, wie man es schon immer getan hat. Deshalb habe ich mich in erster Linie um die Musik gekümmert und dabei natürlich den positiven Aspekt zu schätzen gewusst, mein eigener Librettist zu sein. Man muss sich vor niemandem rechtfertigen, wenn man aus musikalischen Gründen etwas am Text ändert. Trotzdem hat es mir sehr geholfen, mich immer mit der Dramaturgie dieses Theaters auszutauschen. Ich denke, die Neuartigkeit dieses Librettos besteht darin, dass es Punkt für Punkt, Jahr für Jahr, Monat für Monat in einer kontinuierlichen, engen Zusammenarbeit mit der Dramaturgie entstanden ist.

Heilker: Es ging hierbei vor allem darum, Anregungen und Inputs zu geben. Wir haben insbesondere sehr lange an den einzelnen Worten, an den einzelnen Versen gefeilt, da Arnaldo ein im besten Sinne italienischer Opernkomponist ist, der sehr genau mit dem Klang der einzelnen Worte und dem Versmaß arbeitet.

Die Allerheiligen Hofkirche ist ja ein eher ungewöhnlicher Rahmen für eine Opernaufführung. Wie hat sich dieser Raum auf die Komposition ausgewirkt?

Heilker: Vorweg muss gesagt werden, dass Medusa ursprünglich im Cuvilliés-Theater aufgeführt werden sollte. Da dieses jedoch momentan für eine umfangreiche Renovierung geschlossen ist, musste eine Ausweichspielstätte gefunden werden, und mit der Allerheiligen Hofkirche wurde uns von der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung mit großer Unterstützung durch Finanzminister Faltlhauser dankenswerterweise ein Raum zur Verfügung gestellt, der die Komposition und Konzeption des Stücks äußerst positiv beeinflusst hat.

de Felice: Akustisch ist diese Kirche wirklich außergewöhnlich, was für mich als Komponist natürlich am wichtigsten ist. Aber auch die Architektur des Raumes hatte auf mich eine große inspirierende Wirkung, so dass ich mir jetzt gar nicht mehr vorstellen könnte, Medusa in einem anderen Rahmen aufzuführen.

Wie würden Sie den Stil von Arnaldo de Felices Musik beschreiben?

Heilker: Seine Musik ist kantabel, sie ist teilweise sehr impressionistisch, aber trotzdem immer avanciert in ihrer Tonsprache, vor allem, was das überaus durchhörbare Orchester betrifft. Arnaldo hat eine durchaus tonale Sprache, jedoch keine Sprache, die sich anbiedert, vielmehr eine frei tonale Sprache. Dabei hat er sicherlich bei den großen Italienern genau hingehorcht und dieses verbunden mit seiner eigenen, sehr reduzierten Klangvorstellung. Als zwei ziemlich konträre Referenzpunkte seien vielleicht einerseits Bellini und andererseits Luciano Berio genannt. Arnaldos Orchestersprache, die teilweise ihre ganz eigene Geschichte, unabhängig vom Geschehen auf der Bühne erzählt, entzieht sich bewusst jeder Kategorisierung.

In welcher kompositorischen Linie sehen Sie sich selbst, und welche Rolle spielt die klassische italienische Oper und dabei insbesondere der Belcanto für Ihre Arbeit?

de Felice: Ich wollte immer Opern komponieren, da ich auch keineswegs finde, dass die Oper in einer Krise ist. Ganz generell finde ich, dass Oper von der Schönheit des Gesangs bestimmt wird, es ist erst der Interpret, der Oper lebendig macht und nicht die Sprache der Oper. Es ist der Interpret, der die Oper jedes Mal wieder neu gestaltet, deshalb komponiere ich auch immer in dem Bewusstsein, dass ich für Stimmen schreibe. In diesem Sinn kann ich schon sagen, dass ich in der Tradition des Belcanto stehe, was nicht notwendigerweise nur Bellini oder Donizetti bedeutet, sondern vielmehr, dass ich immer an ein bestimmtes Stimmideal denke.
Es interessiert mich nicht, einfach nur neue Musik zu machen, ich möchte auf neuartige Weise Elemente verbinden, die durchaus schon erprobt sind. Deshalb ist für mich auch der Austausch mit den Interpreten absolut notwendig, und im Fall von Medusa habe ich ganz speziell für diese Sänger und für dieses Orchester geschrieben, die ich mir viele Male vorher angehört habe, um mich inspirieren zu lassen, um den speziellen Klang wahrzunehmen. Ich wollte mit dem Potential, das vorhanden ist, arbeiten und nicht etwa versuchen, das Klangbild des Orchesters zu verändern. Meine Komposition sollte genau auf dessen Klang abgestimmt werden und nicht umgekehrt.

Interview Florian Heurich

© Bayerische Staatsoper