Die Entführung aus dem Serail

Die Entführung aus dem Serail: Bernd Schmidt, Maria Bengtsson Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail Die Entführung aus dem Serail
About the production

Wolfgang Amadeus Mozart
Johann Gottlieb Stephanie d.J.

Première on 15th January 2003 at the Nationaltheater

 

Mozart als Herausforderung. Ein Gespräch mit Daniel Harding

Hella Bartnig: Die Werke Mozarts gelten in der Fachwelt als die "hohe Schule" des Musizierens. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Daniel Harding: Ich denke auch, das Mozart mehr als jeder andere Komponist (mit Ausnahme vielleicht Johann Sebastian Bach) für den Ausführenden eine große Herausforderung bedeutet. Man denkt zunächst, seine Musik sein unantastbar und eindeutig. Aber dann entdeckt man Hunderte von Möglichkeiten, sie zu spielen. In jedem Augenblick muss man zwei oder drei Entscheidungen treffen - intellektuelle, emotionale, kreative Entscheidungen. Für diese Musik gibt es keinen Wegweiser, sie erfordert viel mehr Instinkt und Bewusstsein für das, was man tut – insbesondere als Dirigent. Wenn ein Geiger auf die Bühne geht und zum ersten Mal eine Solo-Konzert spielt, dann hat er es vermutlich zuvor tausendmal in seinem privaten Probenraum gespielt. Wenn ein Dirigent sich mit einem (für ihn) neuen Stück zum ersten Mal vor das Orchester stellt, dann ist alles Theorie, Partiturstudium, Denken, Hören, Klavierspielen oder was auch immer; aber er hat es noch nie zuvor dirigiert. Es bleibt ihm nur wenig Zeit, sich mit dem klingenden Werk vertraut zu machen. Alles theoretischen Vorarbeiten bereiten dich nicht darauf vor, wie es ist, wenn du da stehst und das Werk dirigierst. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es viel einfacher ist, sich auf Werke mit hohem technischen Schwierigkeitsgrad vorzubereiten und sie aufzuführen als auf Mozart oder Bach, wo alles an der musikalischen Inspiration liegt. Die einfachsten Dinge sind die größte Herausforderung.

Hella Bartnig: Ihre erste Erfahrung mit der Einstudierung einer Mozart-Oper war Don Giovanni beim Festival in Aix-en-Provence 1999, ein Werk, das zu der reifen Schaffensperiode Mozarts gehört. Nimmt sich die Entführung aus dem Serail im Vergleich dazu wie ein Frühwerk aus?

Daniel Harding: Es gibt eine berühmte Geschichte über Karl Böhm. Er dirigierte Mozarts erste Symphonie und als er entdeckte, dass darin Material aus der letzten Symphonie enthalten war, soll er geweint und gesagt haben: "Es war alles schon von Anfang an da". Ich denke, es gibt Ausnahmen, wie zum Beispiel ein sehr frühes Orgelstück von ihm. Das ist unglaublich laut ist mit enormen Akkorde. Man hat das Gefühl, das Kind entdeckt mit seinen Hände an dieses fantastischen Instrument und kann sich einfach nicht zurückhalten. Aber von solchen Ausnahmen abgesehen: Ich finde, es ist schwer, Mozart-Stücke zu hören und verschiedenen Schaffensperioden zuzuordnen. Man hat wirklich den Eindruck, es war schon von Anfang an alles da. Don Giovanni ist eines der 'dunkleren' Stücke und wirkt vielleicht deshalb gewichtiger. Die Entführung aus dem Serail habe ich erst durch das Münchner Angebot sehr genau kennen gelernt. Was ich daran liebe: Es steckt eine große Frische in dieser Musik, ein solcher Enthusiasmus, dass man schon spürt: Das ist eher die Musik eines jungen Mannes. Don Giovanni ist ein Stück, von dem ich dachte, ich müsste erst ein alter Mann werden, um es dirigieren zu können. Aber dann kam eben das wundervolle Angebot, dieses Werk mit jungen Sängern und einem jungen Orchester zu machen, viele Monate Probenzeit dafür zu haben und viele Aufführungen, und ich dachte, diese Chance, dich so intensiv mit diesem Werk zu beschäftigen, bekommst du nie wieder. Und ich bin froh, dass ich zugesagt habe. Ich habe vor vielen Jahren ein Interview mit Franz Welser-Möst gelesen. Er hatte gerade die Missa solemnis mit großem Erfolg aufgeführt und wurde gefragt: Wie können Sie mit 42 Jahren so eine wunderbare Missa solemnis dirigieren. Und er antwortete: "Weil ich daran gearbeitet habe, seit ich 16 war." Das Alter gibt dir nicht unbedingt die Reife, solche Stücke zu interpretieren. Es ist die Erfahrung. Ich bin sicher: Don Giovanni wird nicht leichter, weil man älter ist, sondern das Stück kommt einem nur näher, je länger man daran gearbeitet hat. Also schieb alles Unwesentliche beiseite und fange frühzeitig an zu lernen, wie alles funktioniert! Das ist meine verrückte Philosophie.

Hella Bartnig: Es ist unverkennbar, dass Mozart mit der Entführung den Rahmen des Singspiels weit überschritt. Trotzdem bleibt es ein Stück mit gesprochenem Text und gesungenen Partien, ästhetisch gesehen also ein Zwitter. Ist das ein Problem für die musikalische Interpretation?

Daniel Harding: Ich habe noch in der Schule The Fiddler on the Roof dirigiert. Das war eine gute Erfahrung für Werke, bei denen die Musik sich mit gesprochenem Text abwechselt. Ich erinnere mich an ein paar Stellen, wo die Musik inne hält, es kommt ein kleiner Dialog, und dann geht die Musik geht weiter. Das waren die spannendsten Momente. Das ist bei allen Werken so, die daraufhin konstruiert sind. Mozart hatte ein außerordentliches Gespür für das Theater. Er hat sehr klare Entscheidungen getroffen über die Struktur und die Handlung und Situations- und Personenwechsel, darüber, wie das Drama sich entwickelte, vorwärts strebte. Das kann man im Fall der Entführung sogar nachlesen. Seine Entscheidungen sind manchmal ungewöhnlich, aber immer brillant. Es gibt einen wunderbaren Brief von ihm, darin spricht er über Hamlet und sagt, das einzige Problem sei die Sache mit dem Geist; denn wenn der Geist zu viel redet, dann ist alles Geheimnisvolle verschwunden. Ein großer Theatermann redet über einen anderen großen Theatermann. Er war sicher viel, viel mehr als nur der größte Musiker, der je gelebt hat.

Hella Bartnig: Die Figuren des Stückes scheinen auf den ersten Blick den Stereotypen der damals beliebten "Türkenoper" nachgebildet zu sein, geben aber gleichzeitig viel Stoff zur psychologischen  Ausdeutung. Wo liegt, Ihrer Meinung nach, die Prämisse?

Daniel Harding: Oper ist für mich immer dann am kraftvollsten, wenn man das Gefühl hat, durch und durch echte Menschen auf der Bühne zu sehen, deren Freuden und Sorgen uns verständlich sind. Natürlich könnte man Bassa Selim und Osmin mit ihrem Liebesgefühlen auch stereotyper sehen, aber das wäre eine Art von Herablassung. Osmin hat eine sehr ehrliche Zuneigung zu Blonde, das zeigt seine Menschlichkeit und auch etwas Trauriges an sich. Das zu spüren, ist unglaublich wichtig. Nur der böse Mann mit einem Zwinkern im Auge zu sein, wäre dieser Figur nicht angemessen. Die Oper bietet so viel Material, das die Möglichkeit gibt, die Charaktere aus jeglicher Form der Eindimensionalität herauszuheben. Natürlich bleibt Bassa Selim immer eine Art Rätsel, aber rätselhafte Personen sind bekanntlich besonders interessant. Ich frage mich zum Beispiel immer: Warum entscheidet er sich am Ende so plötzlich, die Fremden zu begnadigen? Das ist nicht einfach nur eine bizarre Entscheidung. Das ist die Folge einer inneren Zuneigung, eines zarten Bandes zwischen Selim und Konstanze. Aber die Frage, ob und was zwischen ihnen vorgefallen ist, bleibt unbeantwortet und sehr delikat. Ich sehen den Bassa als einen Charakter mit Emotionen und menschlicher Verwundbarkeit, den vielleicht die unbeirrbare Liebe zwischen Belmonte und Konstanze zu diesem Schritt ermutigt hat. Die eigentlich interessante Frage für mich aber ist: Was geschieht mit den beiden Paaren, wenn sie wieder daheim sind? Ich habe ein ungutes Gefühl. Das Ende ist so abrupt, als ob man die Probleme hinter einer Maske versteckt. Das ist auch menschlich: Wenn die Probleme überhand nehmen, dann tun viele Leute einfach so, als sei alles absolut perfekt und tragen das breiteste Lächeln zur Schau. Aber alles, was diese Menschen erlebt und gesehen haben, hinterlässt Spuren. Belmonte wird nie verstehen können, was Konstanze in der Zeit ihrer Trennung erlebt hat, und umgekehrt. Das hat sie verändert.
Das Stück wirkt leicht, aber es geht darin um  existenzielle Erfahrungen. Ich denke, Mozart glaubte nicht, dass Konstanze und Belmonte heimfahren und einfach glücklich und zufrieden weiter leben. In der Musik ist eine Art Leere. Ihr positiver Gestus ist bemüht. Aber sie ist offen für Interpretationen.