Ariodante

Georg Friedrich Händel: Ariodante Georg Friedrich Händel: Ariodante Georg Friedrich Händel: Ariodante
Inszenierung

Georg Friedrich Händel
Unbekannter Librettist nach einem Text von Antonio Salvi

Premiere am 17. Januar 2000 im Nationaltheater

 

David Alden. Eine Reise ins Dunkel

Mich fasziniert an Händels Ariodante die schöne, klare Struktur des Stücks. Im ersten Akt sehen wir einen hellen Tag in Arkadien, im zweiten Akt stürzen wir in die finsterste Nacht, um dann im dritten Akt an einem neuen, schrecklichen Tag zu erwachen, an dem die Menschen miteinander streiten und kämpfen. Man fühlt, dass am Ende der ganze Hof um Jahrhunderte gealtert ist, zurückgeworfen in eine mittelalterliche schmutzige Welt des Kampfes. Händels Musik begleitet diese Fahrt. Nach dem von Spielen, Liebelei und Scherzen geprägten ersten Akt wechselt sie in die tiefste romantische Angst und schließlich in eine höfische Ritterwelt der Vergangenheit.

Am Anfang sieht alles aus wie im Märchen: Die Königstochter ist verliebt in einen jungen Ritter, der sie auch liebt, und der König ist damit zufrieden. Prinzessin Ginevra und ihr Ritter Ariodante beginnen ihre Reise in der gemeinsamen Sicherheit der perfekten Liebe. Aber: Ihre Welt ist nur dem Schein nach ein Arkadien. Am Hof herrschen Lügen und erotische Intrigen. Wir stellen ihn dar als ein kleines Versailles mit einem glänzenden Spiegelsaal, dessen Wände nicht die Wahrheit widerspiegeln.

Dalinda zum Beispiel: anscheinend so unschuldig, keusch und anständig, wird sie in das böse Spiel von Polinesso hineingezogen. Sie sehnt sich nach einem Liebhaber und wählt dafür, nach einer kurzen Beziehung zu Lurcanio, den falschen Mann. Man ahnt jedoch, dass sie jemanden wie Polinesso ausdrücklich erstrebt. Sie will geradezu verletzt werden und sucht nach einem Mann, der sie vernichten wird. So wird sie ständig zwischen diesen beiden Männern hin- und hergerissen, und wenn sie sich am Schluss der Oper Lurcanio zuwendet, hängt ihr Herz immer noch an Polinesso.

Polinesso handelt aus purem Ehrgeiz. Er wirbt um Ginevra, weil er nach dem schottischen Thron strebt, aber nicht aus Liebe zu der Prinzessin. Kann ein Mensch wie Polinesso überhaupt lieben? Wahrscheinlich nicht. Ich denke zwar, dass sogar der Teufel verliebt ist – in die heilige Maria: Er möchte die Unschuldige besitzen. Aber da er sie nun mal nicht besitzen kann, will er sie wenigstens zerstören. Genauso geht es Polinesso.

Die Herkunft von Ariodante und seinem Bruder Lurcanio bleibt uns unbekannt. Sie sind an diesen schottischen Königshof gekommen – jung, naiv, schutzlos dieser ihnen fremden Welt ausgeliefert und entsprechend anfällig für die Intrigen bei Hofe. Ariodante ist nicht nur blind vor Liebe; seine Augenbinde im ersten Akt symbolisiert auch jugendliche Unbekümmertheit. Er spielt wie ein Kind in dieser gefährlichen Hofwelt, die er nicht kennt; was Ehrgeiz und Bosheit anrichten können, liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Und so genügt eine Kleinigkeit, um Ariodante und seinen Bruder zu täuschen. Das Prinzip ist so simpel wie bei Othello.

Die Blindheit der Augen und der Herzen Ariodantes und Lurcanios führt zum jähen Fall des Paares Ginevra-Ariodante aus den Höhen ihrer idealen Liebe. Ariodante stürzt in die Hölle rasender Eifersucht. Er versucht sogar, sich das Leben zu nehmen. Und Ginevra begreift überhaupt nicht, was mit ihr geschieht, warum sie plötzlich Hure genannt wird. Ihr Vater wird für sie zu einer sie erotisch bedrohenden Figur in ihren Träumen. Sie wird in den Kerker geworfen. Der Hof wendet sich gegen sie. Sie wirkt beinahe wie Jeanne d‘Arc – in den Augen ihrer Mitwelt ist sie eine gefallene Heilige.

Ihr Vater, der König, steht zu Beginn der Oper vor einer für sein Leben bedeutenden Entscheidung. Er muss seine Krone an einen Jüngeren weitergeben, und er muss von seiner Tochter loslassen. Seine Beziehung zu der Tochter ist eng und stark, aber erstaunlich leicht zu vergiften. Er verstößt Ginevra, ohne sich lange zu bedenken. Man ahnt, dass dieser Konflikt in tiefen Traumata wurzelt. Später, im dritten Akt, will er ihr wieder ein Vater sein. Aber jetzt kann er es nicht, denn nun ist der Hof gegen ihn. Er bringt nicht die Kraft auf, sich auf die Seite seiner Tochter zu stellen. Er ist schwach. In der letzten Szene, wenn er seine Tochter mit Ariodante zusammengibt, fühlen wir, dass er nicht wirklich bereit ist, Tochter und Krone herzugeben. Er liebt Ariodante, er vertraut ihm. Und dann möchte er Ariodante wieder töten, weil der ihm die Tochter raubt und früher oder später auch sein Reich beherrschen wird. Der König ist ein durch und durch rätselhafter Charakter.

Am Schluss stehen Ginevra und Ariodante vor einem Abgrund. Der letzte Hoftanz wirkt wie ein Tanz in einem Irrenhaus. Ich habe das Happyend komprimiert – es kann nicht anders gespielt werden. Für diese beiden unschuldigen Menschen wird die Welt ab jetzt eine andere sein. Man sieht das Ende durch ihre Augen.

© Bayerische Staatsoper