The Rake’s Progress
Igor Strawinsky
Wystan Hugh Auden und Chester Kallman
Festspiel-Premiere am 14. Juli 2002 im Prinzregententheater
Martin Duncan / Ultz / Jonathan Lunn. "The room of his mind": Tom Rakewells Gedankenwelt
Der Titel von Igor Strawinskys Oper The Rake's Progress wird im Deutschen oft mit Das Leben oder Die Laufbahn eines Wüstlings wiedergegeben. Durch die Bezeichnung als Wüstling wird der Titelheld Tom Rakewell auf den ersten Blick als ein Don-Giovanni-Charakter abgestempelt. Aber das englische Wort Rake hat keinen grundsätzlich negativen Beigeschmack. Es ist auch kein moderner Terminus; er ist dreihundert Jahre alt, und wir kennen ihn in erster Linie von William Hogarths Bilderserie, die Strawinsky zu seiner Oper inspiriert hat. Für mich ist ein Rake ein junger Mann, der, wie in diesem Fall, Geld hat, aber charakterlich nicht sehr gefestigt ist; er ist wie ein Fähnchen im Wind und will in erster Linie Spaß haben: ein Hedonist, der die angenehmen Seiten des Lebens genießt, ohne ernsthaft darüber nachzudenken. Wenn wir heute einen Mann als "rakish" bezeichnen, dann kann das "ausschweifend" bedeuten, aber ebenso "flott" oder "verwegen" - immer mit einem kleinen Augenzwinkern. Ein Rake ist also kein Wüstling à la Don Giovanni, sondern nur ein leicht verführbarer junger Mann, der alles glaubt, was andere ihm sagen, und unglücklicherweise an schlechte Ratgeber gerät, so wie in diesem Fall Tom Rakewell an Nick Shadow.
Die Nick-Shadow-Figur kommt in Hogarths Bildern nicht vor, sondern wurde von Strawinsky und seinen Librettisten Wystan Hugh Auden und Chester Kallman frei hinzuerfunden. Auf dem ersten Blick entsprechen Tom und Nick der klassischen Konstellation Faust-Mephisto; und sicherlich steht Nick auch für den Teufel - "Old Nick", wie man in Großbritannien sagt -, der am Ende mit Tom um dessen Seele Karten spielt. Ebenso jedoch wecken die beiden Assoziationen an Dr. Jekyll & Mr. Hyde - eine Figur, aufgespalten in ihre gute und ihre böse Seite. Diesen Gedanken, daß hier zwei Seiten eines Individuums dargestellt werden, haben wir aufgegriffen. Nick wird immer genau dasselbe tragen wie Tom, dessen dunkle Seite er repräsentiert.
The Rake's Progress ist zwar eine moralische Erzählung über eine Versuchung durch den Teufel, doch bei aller Ernsthaftigkeit steckt immer auch ein Schuß Ironie und Witz darin. Mancher mag darin eine einfache Logik sehen: Wenn du einen Haufen Geld hast und dumm bist, landest du im Irrenhaus. Viele betrachten die Erzählung auch eher von diesem äußeren Standpunkt aus, als daß sie die Gefühle der Figuren von innen erforschen. Aber vielleicht gibt es in dieser episodischen und zugleich voyeuristischen Geschichte doch so etwas wie ein lebendiges Herz. Nach ihm suchen wir. Deshalb konzentrieren wir uns auf Tom und versuchen, das Geschehen durch seine Augen zu verfolgen. Unsere Rake-Inszenierung spielt in einem Raum, den wir als "the room of Tom's mind", also den Raum seiner Gedanken, seine Gedankenwelt bezeichnen. Eine Reihe von Ereignissen zieht wie eine Parade an Tom vorbei, durch seinen Raum, durch seine Gedanken. Einige Episoden verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind; andere bleiben, siedeln sich in Toms Raum an, stopfen ihn regelrecht voll und überfrachten dadurch seine Gedanken rettungslos.
Wir hatten anfangs auch mit der Idee gespielt, das ganze Geschehen wie einen Film vor Toms Augen vorbeiziehen zu lassen, so wie das angeblich häufig kurz vor dem Tod eines Menschen geschieht. Aber dann haben wir die Rückblende beziehungsweise den Traum wieder verworfen zugunsten der absoluten Gegenwart. Tom erlebt alles wirklich jetzt, in dieser Sekunde, und er ist auch jedesmal entsprechend überrascht, unsicher oder verwirrt. Und wir sind es mit ihm. Und da es sein Raum, seine Gedanken sind, kann er nicht entfliehen. Die Türen sind geschlossen, die Fenster zugemauert - eine erstickende, klaustrophobische Situation.
Nicht einmal seine geliebte Anne Trulove (nomen est omen: Trulove = wahre Liebe) kann ihn daraus befreien. Tom liebt sie zwar sehr und denkt stets an sie. Für ihn bedeutet ihre Gegenwart Wärme und Fürsorge - eine Erinnerung, die fest in seinem Gehirn verankert ist. Anne ist eine sehr gute Kraft in Toms Leben; wenn auch nicht unbedingt ein Engel als Gegenstück zu Nick Shadow, da sie ein sterblicher Mensch ist. Aber sie darf in sein neues Leben überhaupt nicht hinein; in seinem Raum gibt es keinen Platz für sie. Sie repräsentiert stets nur eine Erinnerung an das Leben, das er von sich gewiesen und von dem er sich fortentwickelt hat. Wenn er sich zuletzt an Anne erinnert, ist sie zwar für ihn da; aber aufgrund der vorangegangenen Geschehnisse kann sie sein Schicksal nicht mehr wenden. Am Ende ist Tom in eine klassisch-antike Welt abgetaucht; er hält sich für Adonis und Anne für Venus. Er hat vergessen, daß sie eine lebendige Person aus Fleisch und Blut ist, wie realistisch ihre Beziehung einst gewesen ist, wie gut sie einander gekannt haben. Er trägt nur noch ihr Bild in sich wie ein Ritter, der seine Dame anbetet. Anne wird für ihn zur Ikone, zur Herz-Königin: eine Idee, aber keine Realität.
Auf dem Land hat die Liebe zwischen Anne und Tom scheinbar funktioniert, in der Stadt - London - hat sie keine Chance mehr. Den Gegensatz Land-Großstadt haben wir in der auf der Bühne gezeigten Gedankenwelt Toms auf unterschiedliche Weise visualisiert. Das Landleben wird vor allem versinnbildlicht durch Tänzer, die die Jahreszeiten darstellen. Außerdem streifen im Frühjahr Schafe durch den Raum, mit denen es später im Herbst zu Ende geht. Auch für das Leben in London haben wir eine spezielle Ästhetik gefunden. Nur in den Stadtszenen tritt der Chor auf. Tom durchschaut sie alle; er sieht Menschen in einer seichten, deprimierenden Großstadt. Wir wollten keine Hogarth-Ästhetik auf der Bühne zulassen, denn durch Toms abgestumpfte Augen betrachtet, die schon ganz vergessen haben, was Glück bedeutet, kann London nicht anders aussehen als traurig, enttäuschend und desillusionierend.
Wie jede fremdsprachige Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper wird auch The Rake's Progress mit Übertiteln gegeben. In diesem Fall handelt es sich eher um "mid-titles". Der Text wird nämlich auf einem Leuchtschriftbalken zu lesen sein, der in der Mitte des Bühnenraumes angebracht ist. Diese "mid-titles" waren von Anfang an Bestandteil unserer Überlegungen. Selbst für englischsprachige Zuhörer ist der Originaltext sehr schwer zu verstehen. Aber in dieser Oper ist es besonders wichtig, daß das Publikum in jedem Augenblick weiß, was geschieht. Wir haben es hier nicht mit Händel- oder Mozart-Arien zu tun, wo Textzeilen mehrfach wiederholt werden. Die Handlung von The Rake's Progress drängt permanent vorwärts, und mit dem Leuchtschriftbalken hat man alles ständig im Blickfeld. Zudem ist der Text diesmal unverzichtbarer Bestandteil unseres Konzepts. In die Gedankenwelt Toms, in den "room of his mind" gehören auch die Worte, die untrennbar mit Toms Leben verbunden sind. Sie bilden einen Teil seiner Geschichte, eingeprägt in seine Gedanken.
Übersetzung aus dem Englischen: Ingrid Zellner
© Bayerische Staatsoper
