La Calisto

La Calisto: Danielle de Niese La Calisto: Luca Tittoto, Karina Gauvin, Nikolay Borchev, Statisterie La Calisto: Nikolay Borchev, Danielle de Niese
Inszenierung

Francesco Cavalli
Giovanni Faustini

Münchner Erstaufführung am 9. Mai 2005 im Nationaltheater

 

David Alden. Komischer Anfang und bitteres Ende. Gedanken zu La Calisto

Wie so viele Opern aus dem 17. Jahrhundert enthält auch La Calisto jene phantastische Verbindung aus komischen und ernsten Elementen, die mich an diesen Werken so unglaublich fasziniert. Sie sind heitere, fast vulgäre musical comedies, wie sie damals üblich waren, doch mit viel tieferen Bedeutungen, als man auf den ersten Blick meinen möchte, zumal die verschiedenen Aspekte, Ebenen und Farben einander oft ganz schnell abwechseln. Francesco Cavalli hat für ein zahlendes Publikum komponiert und die Oper daher etwas vom frühen Monteverdischen Intellekt entfernt hin zum puren Entertainment. Aber unter der wunderbaren mythologischen Satire in La Calisto, diesem Vaudeville über Götter, Menschen und Tiere, verbirgt sich ein sehr bitterer Blick auf das menschliche Leben und die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern. Zwei Beziehungen zwischen je einem göttlichen und einem menschlichen Wesen gibt es in dieser Oper, und in beiden Fällen endet die Beziehung für den Menschen tragisch.

Die Götter haben jegliche Vorbildfunktion verloren, sind tief gefallen. Die gestörte, kaputte Familie des Göttervaters zeigt dies in schonungsloser Deutlichkeit: Giove betrügt ständig seine Frau Giunone, und während sein Sohn Mercurio ihm fleißig dabei hilft, leidet seine Tochter Diana mit der Mutter und unter diesem schlechten Vorbild. Giove ist nichts als ein Womanizer, und nicht einmal ein guter. Er steigt zur Erde hinab, angeblich um der Natur neue Kräfte zu geben; in Wahrheit sucht er jedoch nur nach neuen Nymphen, mit denen er sich amüsieren kann. Er spielt mit seinen Geschöpfen, anstatt ihnen zu helfen. Dabei trifft er auf Calisto, die er buchstäblich zum "Star" macht. Ihr Vater Lykaon hat soeben einen Krieg gegen die Götter verloren und muss nun als Wolf verwandelt durch die Wälder ziehen. Auch Calisto lebt in den Wäldern, sie ist eine Nymphe der Göttin Diana, aber sie ist etwas Besonderes, sie ist anders als die anderen Nymphen. Man fühlt, dass sie sehr allein ist, und sie ist gegen die Männer und jede Beziehung mit ihnen. Nur die Göttin Diana kann sie wirklich lieben. Es sind sehr sapphische, lesbische Gefühle, die Calisto hegt. Und sie hat das Zeug zum Star, das erkennen ja bereits das Schicksal, die Ewigkeit und die Natur im Prolog.

So wie Giove seine Frau und jeden belügt, um ungestört seinen Gelüsten nachgehen zu können, so ist auch das Leben seiner Tochter Diana als sogenannte keusche Göttin eine einzige Lüge. Diana leidet unter einem schweren Vaterkomplex; die Affären ihres Vaters und die dadurch verursachten Leiden ihrer Mutter machen es ihr unmöglich, normale Verbindungen zu Menschen aufzubauen. Sie hat eine Reihe von Liebhabern, doch muss sie diese Beziehungen geheim halten und verbergen, und sie kann sich auch nie wirklich hingeben, sondern muss jede Affäre immer irgendwie beenden, um ihren Status als keusche Göttin aufrecht zu erhalten. Sie ist wie ein kleines Mädchen, das mit menschlichen Spielzeugen spielt, und dieser Zustand macht sie bitter und unglücklich. Einer aus ihrer Liebhaberserie ist Endimione, den sie mal kalt wie der Mond abweist, mal verführt. Nur wenn er schläft, kann sie mit ihm machen, was sie will, doch sobald er aufwacht, wird sie nervös und unsicher. Ständig widerstreiten in ihr erotische Impulse und Scham. Fast wie ein Vampir oder Todesengel führt sie schließlich Endimiones Ende herbei: Sie versetzt ihn in ewigen Schlaf, denn nur so kann sie ihn weiterhin lieben.

Auch das Leben ihres Bruders Mercurio ist geprägt von Lügen - sie sind sein täglich Brot in seiner Funktion als Bote seines Vaters Giove. Er erinnert ein wenig an Loge, wie er ständig lügt und trickst und seinem Vater dabei hilft, neue Mädchen zu finden, aber Spaß macht ihm dieser Job eigentlich nicht. Er fühlt sich unbehaglich dabei, und im Gegensatz zu seinem Vater ist er niemals glücklich, wenn er sich auf die Erde und unter Menschen begeben muss. Er ist intelligent, aber im Laufe der Jahre - er wirkt wesentlich älter als sein Vater - sehr pervers geworden.

Wie seine Kinder, so hat Giove auch seine Frau systematisch zerstört. Giunone bleibt nur die Rolle der eifersüchtigen Gattin, der klassischen satirisch-komischen Verliererin. Doch auch wenn sie gegen die Machenschaften ihres Gatten nichts tun kann, so kann sie doch wenigstens seine Betthäschen bestrafen, und so rächt sie sich an Calisto, indem sie sie in eine Bärin verwandelt. Danach besingt Giunone in ihrer letzten Arie das traurige Los der vielen Frauen, die zu Hause auf ihre Männer warten, während diese sich aushäusig vergnügen und dann im eigenen Ehebett nur noch müde sind. Was als Klischee begann, vertieft sich auch hier am Ende.

Ebenfalls kein Glück in der Liebe hat der Gott Pane; seine Auseinandersetzungen mit und um seine angebetete Diana erinnern an die Streitereien zwischen Oberon und Titania in Ein Mittsommernachtstraum, wie überhaupt die Stimmung der beiden Stücke sich bisweilen ähnelt: Die ganze Welt ist irgendwie aus der Ordnung und in großer Unruhe, es gibt viele erotische Spannungen zwischen den Figuren und viele negative Triebe zwischen Männern und Frauen. Pane, der Waldgott Silvano und ihre Waldgefährten - halb Menschen, halb Tiere - sind sehr allein und leben ihre Triebe, wenn es auf angenehme Art nicht geht, notfalls auch auf perverse Art aus; so sind sie am Ende drauf und dran, Endimione bestialisch zu Tode zu foltern. Auch hier haben wir wieder dieses Umkippen vom Heiteren ins Bittere: Pane, der abgewiesene Liebhaber, wirkt bisweilen komisch, aber auch tragisch, fast selbstmordgetrieben, und in seinem Kummer und seiner Wut wird er zur tödlichen Gefahr.

Eine ganz verrückte Beziehung erleben wir schließlich noch zwischen der alten Nymphe Linfea und Satirino, dem kleinen Satyr. Zwar sagt Linfea erstmal nein zu diesem jungen Halbbock, der sich ihr anbietet, aber sie ist heiß, sie will einen Mann, sie will Sex, und zwar jetzt; und dann nimmt sie eben, was da ist - besser so einen als gar keinen. Doch dafür wird sie grausam bestraft: Satirino hat ebenso tierische Triebe wie seine Freunde rund um Pane und Silvano. Liebe kann Linfea von ihm nicht erwarten.

La Calisto ist ein Stück über unvollendete Beziehungen. Für kaum jemanden in dieser Oper gibt es ein Happy-End, und schon gar nicht für die beiden einzigen Menschen unter all den Göttern und Naturwesen. Für ihre kurzen, heftigen Beziehungen zu Göttern müssen sie teuer bezahlen: Endimione muss in alle Ewigkeit schlafen und Diana als Liebesspielzeug dienen, und Calisto darf zwar einen kurzen Blick in ihre Zukunft als Sternbild am Himmel werfen, muss dann aber wieder zur Erde zurückkehren und ihr Leben allein im Wald als Bärin beenden. Ihr Schlussterzett mit Giove und Mercurio wirkt sehr bitter, fast tragisch.

 

Der den Funken springen lässt.
David Alden beim Konzeptionsgespräch für La Calisto


Das Leben in der Oper hat einen eigenen Rhythmus und so dreht sich am Tag der Eröffnung der Ballettwoche im neuen Probengebäude auf einmal alles um die Neuinszenierung von La Calisto, deren Premiere erst in über sechs Wochen ansteht. Weil das Produktionsteam um Regisseur David Alden gerade zur Wiederaufnahme der L'incoronazione di Poppea in München ist, hat der Produktionsdirektor zum Konzeptionsgespräch für die Calisto geladen. Am frühen Nachmittag versammeln sich im Wernicke-Saal ca. 100 Opernangehörige, neugierig was der Regisseur zu seiner neuen Produktion zu sagen hat.

Konzeptionsgespräche finden regelmäßig vor Probenbeginn eines neuen Stückes statt. Eingeladen werden alle Abteilungen des Hauses, es kommen diejenigen, die generelles Interesse am Stück haben und sich im Voraus informieren wollen, was sie erwartet und diejenigen, die unmittelbar beteiligt sind und sich einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Produktion verschaffen wollen. Thema sind zum einen der Inhalt des Stückes (zumindest bei so relativ unbekannten Opern wie Cavallis La Calisto) zum anderen auch das Konzept der Inszenierung, die Ideen des Regisseurs, das Bühnenbild und die Kostüme - alles, was die Inszenierung plastisch und vorstellbar macht. Modelle, Skizzen und Muster werden ausgestellt und Beispiele und Ideen präsentiert.

Im Wernicke-Saal ist die Stimmung gut, fast wie bei einer Party, nur dass man in Stuhlreihen sitzt: man begrüßt sich, plaudert, blättert in den ausgelegten Info-Paketen zur Neuinszenierung. Man freut sich auf die Calisto, der Regisseur ist für bunte und abwechslungsreiche Interpretation von Barock-Opern bekannt. Das allgemeine Stimmgewirr legt sich, als der Gastgeber Intendant Sir Peter Jonas aufsteht und sich vor die erwartungsvollen Reihen stellt. Er begrüßt alle Anwesenden und kommt sofort zum Thema des Tages: La Calisto von Francesco Cavalli. Eine der lange vergessenen Barockopern, die erst mit einer Aufführung 1970 in Glyndebourne wiederentdeckt wurde. Seitdem gab es nur wenige Aufführungen, eine davon passenderweise vom Namenspatron des Saales in dem man sich befindet: Herbert Wernicke hat die Calisto in den 70er Jahren in Brüssel inszeniert. In Deutschland kam die Oper bisher nur dreimal auf die Bühne: bei den Schwetziger Festspielen, in Hannover und in Frankfurt. Jetzt steht also die Münchner Erstaufführung der über 350 Jahre alten Oper an.

Sir Peter stellt das Team vor: die musikalische Leitung wird Ivor Bolton übernehmen, Chefdirigent des Mozarteum Orchesters Salzburg, der so etwas wie der "Haus- und Hofdirigent" der Staatsoper ist, wenn es um das Barockrepertoire geht. Ihn und seine Mitarbeiter erwarten mit La Calisto eine besondere Herausforderung: da zu diesem Werk keine klassischen Partituren existieren - Cavalli hat nur wenig Orchestrierung aufgeschrieben - wurde die Oper immer in unterschiedlichen Fassungen aufgeführt. Jetzt muss das musikalische Team eine "Münchner Fassung" schreiben. Außerdem müssen, wie die Tradition des Stückes es verlangt, die Einlagen neu komponiert werden. Und noch eine zweite musikalische Neuerung erwartet das Publikum: das Bayerische Staatsorchester hat eine Barock-Streicher-Gruppe gegründet, die auf alten oder sogar extra für La Calisto nachgebauten Instrumenten spielen werden.

Für die Inszenierung ist David Alden verantwortlich, der an der Bayerischen Staatsoper nicht nur viele Barockopern gestaltet hat, sondern auch Teile des Rings und damit großes Aufsehen erregt hat. Sein Team (Bühnenbildner Paul Steinberg, Kostümbildnerin Buki Shiff und Lichtdesignerin Pat Collins) hat hier schon an mehreren Produktionen zusammen gearbeitet, z.B. Händels Rinaldo und Rodelinda. Nachdem Sir Peter auch die Assistenten, Inspizienten und Hospitanten vorgestellt hat, kommt er auf seine eigene Lesart von La Calisto zu sprechen: für ihn handelt das Stück von der zentralen Frage nach dem Verhältnis zwischen Göttern und Menschen - sind die Menschen das Spielzeug der Götter, oder die Götter Spielzeuge der Menschen?

Dann ist Regisseur David Alden selbst an der Reihe und beginnt mit Hintergrundinformationen zum Komponisten und der Situation der Oper zu Cavalli's Zeit. Francesco Cavalli war Schüler und Assistent von Monteverdi, soll eventuell sogar Teile von dessen Opern geschrieben haben. Er arbeitete zu einer Zeit, als sich die Oper in Form und Themen - so jung sie noch war - im Umbruch befand. Gerade war in Venedig das erste öffentliche Opernhaus eröffnet worden und die Oper wurde schnell zu einer populären und beliebten Kunstform. Mit dem sich wandelnden Publikum (Opern waren nicht mehr eine rein höfische Unterhaltungsform) veränderten sich auch die Inhalte der Opern der Barockzeit: Leidenschaften und Intrigen wurden Themen der Oper, sie wurde politischer und gesellschaftskritischer. Auch formal steht Cavallis Oper im Zeichen der Veränderung: anstelle der noch bei seinem Leher Monteverdi vorherrschenden expressiven Rezitative, mischt Cavalli Rezitative mit den gerade in Mode kommenden Arien, die für uns heute immer noch das Operngenre prägen.

David Alden möchte La Calisto als einerseits witziges, aber auch politisches und ernsthaftes Stück auf die Bühne bringen. Es gehe um die "dunkle Seite" der Götter und Menschen, aber - "populär gedacht" - auch um die Rolle des Geldes. Er sehe die Oper als eine Art "Sex-Comedy" über Götter und mythologische Themen. Spätestens jetzt hat Alden die volle Aufmerksamkeit seines Publikums: Er erzählt von Calisto, der arkadischen Lieblingsjagdgefährtin der Diana, die von Jupiter mit einem Trick dazu gebracht wird, ihr Keuschheitsgelübde zu brechen. Daraufhin wird sie von Diana verstoßen und von Juno, der eifersüchtigen Gattin Jupiters, in eine Bärin verwandelt. So wandelt sie unglücklich über die Erde wandelt, bekommt aber zum Trost von Jupiter versprochen, nach ihrem Tode im Sternbild des Großen Bären am Himmel verewigt zu werden.

Zwar ist die Handlung in der musikalischen Umsetzung sehr viel komplexer, es gibt viele Nebenfiguren, sekundäre Handlungsstränge, Verwicklungen und Ablenkungen - schließlich wird das ganze um die vier Stunden dauern. Aber wenn man Aldens begeisterter Erzählung folgt, sortiert sich das Geschehen. Und eigentlich tut er nur das: eine Geschichte erzählen. Allerdings benutzt er dazu das Bühnenbildmodell, das vorne im Raum steht und schon wenn er dabei per Hand den Vorhang hebt ist für einen Moment vergessen, dass das Modell eher einem Kinderspielzeug als einer Opernbühne gleicht. David Alden redet sich in Rage und zieht seine Zuhörer in seinen Bann, er strahlt die Art von Begeisterung für sein Thema aus, die die Zuschauer ansteckt und während er die Geschichte von Calisto erzählt, springt ein Funke über. Ja, es wird eine gute Produktion.

Natürlich erzählt er - wie könnte er auch anders - eine ganz spezielle Version, seine Version La Calisto. Fast unmerklich erfahren die Zuhörer viel über die Ideen, die hinter seiner Umsetzung liegen, seien es die Seitenhiebe auf die heutigen Filmbranche bzw. das Modelwesen, die Dekoration die zeitweise wie "die Lobby eines Hotels im Stil der 70er in Miami Beach" aussehen soll, oder die (männlichen) Götter, die als "wilde Tiermänner" kostümiert auf die Bühne kommen werden. Wie erwartet wird Aldens Inszenierung bunt, ein spannendes Projekt. Sogar ein direkt übernommenes Objekt aus einer seiner früheren Inszenierungen an der Bayerischen Staatsoper wird in der Calisto auf der Bühne stehen: die Bar aus Pique Dame bekommt einen zweiten Auftritt.

Über den Ausführungen des Regisseurs ist die Zeit verflogen und die Zuhörer müssen langsam wieder an ihre Schreibtische, Notenständer oder in ihre Werkstätten zurück. Viele Geschichten, viele Bilder bleiben im Kopf. Noch einen kurzen Gang am Bühnenbildmodell vorbei, das unter Aldens Händen zum Leben erwacht war. Ein paar genauere Blicke auf die Kostümentwürfe von Buki Shiff: Tiermänner und Models. Was bleibt vom Konzeptionsgespräch ist ein erster Eindruck und Vorfreude, auf das, worum sich in der nächsten Zeit alles drehen wird: die Premiere von Francesco Cavallis La Calisto am 9. Mai 2005.

Hanna Schwenkglenks


© Bayerische Staatsoper