Billy Budd

Benjamin Britten: Billy Budd Benjamin Britten: Billy Budd
Inszenierung

Benjamin Britten
E. M. Forster und Eric Crozier nach der Erzählung von Herman Melville

Premiere am 15. Januar 2005 im Nationaltheater

 

"Es geht um Macht." Gespräch mit Peter Mussbach und Erich Wonder

Eine Selbstverständlichkeit auf deutschen Opernspielplänen sind die Opern von Benjamin Britten auch 28 Jahre nach dem Tod des Komponisten noch immer nicht. Dass weder der Regisseur Peter Mussbach noch der Bühnenbildner Erich Wonder bislang in ihrer Karriere eine Britten-Oper szenisch erarbeitet haben, nimmt daher auch kaum Wunder. Für sie ist die Neuproduktion der Oper Billy Budd ebenso eine erste Begegnung mit diesem Werk wie für München und das Nationaltheater, wo Billy Budd am 15. Januar in der vieraktigen Urfassung seine Erstaufführung erleben wird.

Billy Budd erzählt die Geschichte eines jungen Matrosen, der zum Dienst an Bord eines Kriegsschiffes gepresst wird, dort durch seine Schönheit und Gutherzigkeit alle Herzen gewinnt und dennoch am Ende als Opfer einer verleumderischen Intrige hingerichtet wird. Dieser Handlungsspielort, ein Schiff, eine eigene kleine Welt auf dem Ozean, weckt in Regisseur Peter Mussbach Assoziationen mit Klaustrophobie: "Man ist auf so einem Schiff hermetisch eingeschlossen, auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen und sich gegenseitig ausgesetzt. Man kann niemals entfliehen, hat keinerlei Rückzugsmöglichkeit ins Private, befindet sich unausgesetzt unter Kontrolle und Überwachung." Um diese klaustrophobische Situation noch zu verschärfen, haben Mussbach und sein Bühnenbildner Erich Wonder beschlossen, die Oper nicht auf, sondern unter Deck spielen zu lassen. "Wenn man sich die Querschnitte alter Schiffe anschaut", meint Wonder, "dann sieht man, dass diese Schiffe sehr birnenförmig sind, sie werden unten immer breiter, und dort unten im Schiffsbauch wird die Drecksarbeit gemacht von Männern, die oft monatelang nicht ins Freie kommen. Auch dadurch ist das Schiff für mich ein Zeichen für Ausweglosigkeit geworden, es ist wie eine Insel, von der man nicht weg kann."

Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville siedelte in seiner Erzählung, die als Vorlage für die Oper diente, die Geschichte des Matrosen Billy Budd im Jahre 1797 an, während der Koalitionskriege und kurz nach den Meutereien auf den Reeden von Spithead und Nore. Aber einen Dreimaster aus jener Zeit wollten weder Mussbach noch Wonder nachbauen. "Es geht ja nicht darum, einen Errol-Flynn-Piratenfilm zu dokumentieren", erläutert Mussbach, "sondern um die Darstellung ganz extremer Zustände wie drohende Meuterei, Knechtung, Unterdrückung von Menschen. Ein Dreimaster wirkt automatisch romantisch, und Billy Budd ist alles andere als romantisch. Deshalb galt es, die Handlung in eine entsprechend nachvollziehbare Situation des Gegenwärtigen zu übersetzen, um sie zu verschärfen und ihre Plausibilität noch deutlicher zu machen." Und als Wonder zufällig kurz vor Ausbruch des Irakkriegs im Fernsehen einen Film über die Arbeit auf US-amerikanischen Flugzeugträgern sah, war der Bühnenraum für die Münchner Billy Budd-Inszenierung gefunden. Allerdings, so Wonder, hat der Flugzeugträger nur die Anregung geliefert, eine realistische Innenraum-Darstellung wird es nicht geben: "Ich finde es immer langweilig, wenn im Theater oder in der Oper die Dinge 1:1 dargestellt werden. Damit blockiert man den Zuschauer. Wenn man jedoch nicht hundertprozentig festgelegt wird, wenn vielmehr die Phantasie des Zuschauers freigeschaltet wird und er vielleicht noch Tage später plötzlich Ideen zu dem Gesehenen bekommt, dann hat er ein wirkliches Erlebnis. Deshalb habe ich auch keinen Schiffsbauch in dem Sinne entworfen, sondern eine beklemmende, geschlossene Atmosphäre erzeugt, die sich auch wieder auflösen kann. Und in diesem Bereich zwischen Konkretheit und der Phantasie im Kopf müssen wir die Geschichte entwickeln."

Eine Geschichte, die von Militarismus und Klassengesellschaft erzählt, von Naivität und Gerechtigkeit, von homoerotischer Liebe und sadistischer Unterdrückung, von Verantwortlichkeit und von dem ewigen Widerstreit zwischen Gut und Böse, als deren Personifikationen üblicherweise der gutherzige Billy Budd und der bösartige, sadistische Schiffsprofos John Claggart gelten. Doch hier ist Mussbach anderer Ansicht: "Dass Claggart das Böse verkörpert, ist klar, aber das Gute, das ist für mich eher Kapitän Edward Fairfax Vere: Ein einsamer Mensch, als Kapitän ständig unter Druck, aber immer bestrebt, alles richtig zu machen, und dadurch auch anfällig für die falschen Einflüsterungen des Bösen. Billy ist der Katalysator, der überall an Bord des Schiffes die Gefühle zum Wallen bringt - und das nicht nur durch sein gutes Aussehen. Claggart warnt den Schiffskorporal Squeak schon nach seiner ersten Begegnung mit Billy: ‚Pass auf seine Fäuste auf!', denn er merkt sofort: Dieser Junge hat Feuer - etwas, das sonst niemand an Bord mehr hat. Dass gerade Claggart später von der Faust, vor der er selbst gewarnt hat, getötet wird, mutet geradezu wie Ironie an. Aber nichts von alldem, was Billy auslöst, macht er absichtlich. In seiner unschuldigen Naivität ist für mich wie eine Art Parsifal, der da plötzlich auftaucht und das Leben von Vere und Claggart völlig durcheinanderbringt, ohne es zu wollen."

Hier kommt das Motiv der homoerotischen Liebe ins Spiel, die damals vor gut fünfzig Jahren, als Britten mit seinen beiden Librettisten Forster und Crozier diese Oper konzipierte und schrieb, in Großbritannien noch ein Straftatbestand war und sich in szenischen Darstellungen entsprechend auf mehr oder weniger offene Andeutungen beschränken musste; ein gezieltes "I love you", wie es 22 Jahre nach Billy Budd in Death in Venice Aschenbach seinem geliebten Tadzio zusang, wäre hier noch nicht denkbar gewesen. Dennoch sind für Mussbach die Positionen der drei Hauptfiguren völlig klar: "Billy ist nicht schwul. Er wird lediglich durch seine Schönheit und sein offen-unkompliziertes Wesen zum allgemeinen Objekt der Begierde. Kapitän Vere ist auch nicht schwul, erlebt aber bei Billy zum ersten Mal homoerotische Gefühle, und als ihm klar wird, dass er den Jungen liebt, da ist es ihm, als öffne sich der Boden unter seinen Füßen und er stünde vor einem tiefen Abgrund. Und Claggart, der Böse, ist schwul und wird durch Billy ins Licht gezogen; er erlebt durch ihn, was das Gute ist, und ist dadurch in gleichem Maße verunsichert wie Vere. Beide lieben Billy, und beide hassen ihn zugleich auch für die Krise, in die sie seinetwegen geraten sind; ein Hass aus Liebe, ein Hass, der schon fast wieder Liebe ist. Claggart befreit sich davon, indem er Billy fälschlich der Meuterei bezichtigt. Für Vere jedoch wird die Gerichtsszene mit der Verurteilung Billys zur Höllensituation: Er ist zu feige, Billy zu helfen. Würde er ihn nicht lieben, dann ginge ihm die Sache nicht so nahe und er könnte ihn vielleicht retten. So aber muss er befürchten, man könnte ihn der Bevorzugung des Geliebten bezichtigen, und aus Angst davor opfert er Billy und unterschreibt dessen Todesurteil."

Das ganze übrige Schiffspersonal - Billy Budd wartet mit einer rein männlichen Besetzungsliste auf - spielt, verglichen mit den drei Hauptfiguren Billy, Vere und Claggart, zwar eher Nebenrollen, gibt dafür aber einen Einblick in das soziale Gefüge und das Klassensystem an Bord des Schiffes. "Und auf allen hierarchischen Ebenen", meint Mussbach, "sind die Typen, die wir in den drei Hauptfiguren finden, in alternierender Form vertreten. So wie Claggart seine Untergebenen unterdrückt, so lassen auch Flint, Squeak oder der Bootsmann ihre Launen an den anderen aus; so wie Billy in den Fokus seines sadistischen Vorgesetzten gerät, so wird auch der Neuling wegen einer Nichtigkeit ausgepeitscht; und wie Vere nimmt auch Redburn seine Verantwortung als erster Offizier ernst. Und dies sind nur einige Beispiele für viele." Letztlich, so Mussbach, geht es in Billy Budd, auf einen Nenner gebracht, um Macht: "Macht über sich selbst und über andere, die Macht der Kriegsgesetze, die Macht der Offiziere über ihre Untergebenen, überhaupt die Schiffshierarchie: Jeder hat Macht über andere und gleichzeitig jemanden, der in der Macht über ihm steht. Und natürlich auch die Macht der Gefühle und der Liebe."

Ingrid Zellner


© Bayerische Staatsoper