Die Bassariden

Hans Werner Henze: Die Bassariden. Michael Volle, Gabriele Schnaut, Eir Inderhaug Hans Werner Henze: Die Bassariden Hans Werner Henze: Die Bassariden. Nikolai Schukoff
Inszenierung

Hans Werner Henze
Wystan Hugh Auden, Chester Kallman nach Euripides

Premiere am 19. Mai 2008 im Nationaltheater

 

CHRISTOF LOY
NOTIZEN ZUR INSZENIERUNG

Die Entscheidung Hans Werner Henzes und seiner Librettisten, den Bassariden-Stoff zu wählen, war sicher auch dem Ort der Uraufführung, dem Großen Festspielhaus in Salzburg, geschuldet. Bis dahin waren die Opern, die Henze geschrieben hatte, eher kammerspielhaft angelegt, intimere Stücke sowohl vom Klang als auch vom Stoff her. Dass man bei Festspielen schnell an Ideen der Antike anknüpft, und damit auch an große chorische Szenen, ist eine fast logische Folgerung. Und diesem Chor, der in einem Stück wie etwa Peter Grimes noch im konventionellen, erzählhaften Stil in die Handlung integriert war, haben Henze, Auden und Kallman eine neue, bis dato ungekannte Rolle zugewiesen.

In den Bassariden ist der Chor herausgelöst, agiert jenseits der konventionellen Erzählebene der Solisten, seiner eigenen Dynamik und Dramaturgie folgend. Das Orchester bereitet mit seiner symphonischen Anlage die Verbindung der zwei Ebenen. Der Chor repräsentiert lediglich in der Anfangs- und in der Schlusssequenz „das Volk“; im Wesentlichen kommt ihm die Aufgabe zu, die Ängste, Visionen und Sehnsüchte des Protagonisten Pentheus zu beschreiben – seine Auseinandersetzung mit dem Dionysischen. So verkörpert der Chor den Kampf des Pentheus mit dem Prinzip, das als ein göttliches in sein vordergründig so wohlgeordnetes Leben einbricht. Mit Worten und Zeichen nicht zu fassen, wird es in dieser Oper in erster Linie als Klang präsent - und diesen Klang „sichtbar“ zu machen ist für mich eine der wesentlichen Herausforderungen des Werkes.

Ausgehend von Pentheus’ verzweifeltem Umgang mit dem Dionysischen und seinen Versuchen, des Problems Herr zu werden, kann man im Laufe der Handlung einen Perspektivwechsel feststellen. Von dem Augenblick an, in dem sich der Chor von den berauschten Bassariden hin zu reißenden Mänaden entwickelt -  in dem also aus dem quasi anonymen Chor tatsächlich ein Handlungschor wird, der auch in der Partitur eine neue Rollenbezeichnung bekommt –, nimmt die Geschichte des Pentheus folgerichtig ihren tragischen Lauf und lässt sich auch die Figur des Dionysos neu bewerten. Denn bis dahin konnte man das Stück als Geschichte eines Diktators lesen, der gestürzt und  konventionell von den Göttern bestraft wird. Aber dann geschieht das Aufregende im Stück, in dem die bis dahin durchaus positiv dargestellte Figur des Dionysos selbst die Züge eines Diktators annimmt, dem sein Volk der Mänaden blind gehorcht und dessen Zerstörungslust sich gegen die Menschen selbst richtet. Die späte (Selbst-)Verherrlichung des Dionysos am Ende des Stückes wird auch musikalisch spürbar durch das Verstummen des Chores, der damit seinen Zweifel an der göttlichen Macht, die Dionysos behauptet zu besitzen, zum Ausdruck bringt. Bei aller triumphalen Klanggewalt kommt man nicht umhin, den Größenwahn eines einsamen Gottes zu bemerken, der eine Rechtfertigung sucht für das System Menschheit, für das er sich verantwortlich fühlt, aber an dem er auch Fehler nicht wahrnehmen möchte.

Wer ist Dionysos? Diese Frage könnte ich heute so beantworten: Dieser Gott ist ein Gott und Scharlatan zugleich. Man kann auch verkürzen: Gott ist ein Scharlatan. Darauf zielt diese Geschichte, die damit viele dunkle Seiten des Menschseins aufwirft, in ihrer Tragik einen göttlichen Sinn der Schöpfung anzweifelt.

Wenn Pentheus im Bann des Dionysos steht, entwickelt auch er euphorische Züge, und er fühlt sich, als er auf den Kytheron geht, wie ein Herrscher, dem plötzlich die ganze Welt offen steht. Pentheus setzt sich mit sich selbst auseinander, hofft, mit sich ins Reine zu kommen, und glaubt deswegen auch, dass für ihn und eigentlich auch für Theben ein ganz neuer Weg und eine ganz neue Zukunft beginnen.

Eine starke Rolle fällt den beiden Frauengestalten Beroe und Agaue zu: Die Amme steht für eine Epoche, in der es einen Umbruch im Verhältnis Mensch und Gott gab. Ihrer Anschauung nach richten die Götter es so, wie es die Menschen verdienen. Für jedes Fehlverhalten müssen sie die Verantwortung tragen, aber man kann durch Gebete und Riten die Götter besänftigen und Buße tun. Damit vertritt Beroe auch einen ungebrochenen Glauben an die Zukunft der Menschen. Agaue steht eher für einen Zustand, in dem der Mensch ein kritisches Verhältnis zu den Göttern hat und er sich spottend über eine Naivität des Glaubens zurückzieht. Damit fehlt Agaue aber auch jedes Vertrauen in die Zukunft: Diese Figur ist nur bestrebt, für sich aus jeder Situation etwas Positives zu ziehen und sich überhaupt nicht in einem Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sehen. Ihr ist allein die Gegenwart wichtig.

Wie viel Vernunft hilft dem Menschen tatsächlich in seinem Dasein? Pentheus und Agaue sind beide auf ganz unterschiedliche Weise Vernunftmenschen. Agaue ist in ihrem Spott nichts mehr ernst und heilig; Pentheus versucht, seine ganze Gesetzgebung auf logischer Folgerichtigkeit in bewusster Negation des Göttlichen zu installieren. Deswegen fallen gerade diese beiden Figuren der Bestrafungsaktion des Gottes Dionysos nicht nur am ehesten zum Opfer, sondern sind von ihm ganz bewusst ausgesucht.

In dem Intermezzo „Das Urteil der Kalliope“ spiegeln sich ebenfalls die Wunschvorstellungen und Ängste des Pentheus. Wir kennen eine Situation wie die in diesem Intermezzo aus eigenen Träumen, in denen Personen aus der nächsten Umgebung plötzlich in entstellenden Zusammenhängen und Rollen auftauchen. Die Librettisten haben dieses lange nicht aufgeführte Intermezzo an einer Stelle der Handlung vorgesehen, als Pentheus durch die Gegner des Dionysos mehr über sich erfahren will, als er sich selbst zugesteht. Er will die ihm unverständliche Sinnlichkeit der eigenen Mutter nachvollziehen. Für Pentheus wie für das Publikum bildet das „Urteil der Kalliope“ so eine Insel, die zunächst verwirrt, auch amüsiert, und letztendlich in neue Verwirrung stürzt, die erst in der Szene auf dem Kytheron ihre – katastrophale – Lösung findet.

Der Kampf zwischen Pentheus und Dionysos ist ein Kampf zwischen dem Versuch, soziales Leben auf der Grundlage von Ethik und Gesetzen zu gestalten, und der sinnlichen Gewalt des Dionysischen, die sich, je mehr sie zurückgedrängt wird, umso extremer und eruptiver entlädt. 

Das Stück hält eine erschreckend negative Bilanz der Grundbedingungen von Leben bereit: die Übermacht alles Kreatürlichen – Geburt und Lebennehmen einschließend – vor allen Errungenschaften der Zivilisation.

Und selbstverständlich sind wir alle in ein sehr komplexes System eingebunden, in dem sich rationales und dionysisches System nicht auseinanderdividieren lassen. Das erschreckendste Beispiel in der Geschichte für das Überlagern dieser Kräfte sind sicher die Verführungs- und Machtmechanismen, die das Leben im Dritten Reich bestimmt haben.

© Bayerische Staatsoper