Tannhäuser

Richard Wagner: Tannhäuser Richard Wagner: Tannhäuser Richard Wagner: Tannhäuser
Inszenierung

Richard Wagner
Festspiel-Premiere am 6. Juli 1994 im Nationaltheater

 

Intendant Peter Jonas fragt Regisseur David Alden (1994)

Peter Jonas: Sie arbeiten zum ersten Mal in Deutschland, aber seit Ihrem Debüt an der Met, wo Sie mit Ihrer Inszenierung des Wozzek viel Beifall von der Kritik empfingen, sind bereits fünfzehn Jahre vergangen. Seit jener Zeit hat man Sie als einen Radikalen beschrieben, der allmählich gereift ist, ohne etwas von der provozierenden Schärfe seines Stils zu verlieren.

David Alden: 1976 besuchte ich Europa, sah mir alles an, wozu ich die Möglichkeit hatte, und sog das Schaffen von Strehler, Kupfer, Neuenfels und Berghaus in mich ein. Das war eine Offenbarung für mich, die mir enthüllte und artikulierte, was mein eigenes Bewußtsein mit brennender Intensität beschäftigte. Meine erste Arbeit in Europa war Ende der siebziger Jahre Rigoletto an der Scottish Opera und löste, soviel ich weiß, eine Flut kritischer Kontroversen aus. Für diesen Stil war es in England noch sehr früh, einen Stil, mit dem ich versucht hatte, das Publikum direkt anzusprechen, und auf der Bühne Leidenschaftlichkeit und Schizophrenie darzustellen. Der Aufschrei bei der Kritik störte und stört mich auch heute nicht weiter, weil er postkoital ist - manchmal interessant und erheiternd, aber immer 'post factum'. Meine Freude habe ich bei den Proben und dann in den Vorstellungen, die ich wiederholt besuche, wenn mir gefällt, was ich gemacht habe. Wenn es mir nicht gefällt, fliehe ich vom Tatort.

Peter Jonas: Viele haben gesagt, Ihre Arbeit sei zu zornig. Was sagen Sie dazu?

David Alden: Ja, ich glaube schon, daß in meinen Inszenierungen viel Wut steckt, aber sie ist mit leidenschaftlichen Gefühlen, mit Verlangen und manchmal auch mit Zärtlichkeit verbunden. Eine Hochspannung, die beunruhigt - das ist das Ziel, das ich anstrebe. Es hängt damit zusammen, wie ich selbst auf die Musik reagiere. Ich empfinde Musik sehr intensiv, und diese Intensität, die aus der Partitur kommt, muß ihr Äquivalent in der dramatischen Kraft der Aufführung und der bildlichen Darstellung auf der Bühne finden. Ich bin von der Musik wie besessen - sie gibt mir Energie und meinen Arbeiten eine gewisse nervöse Gespanntheit.

Peter Jonas: Kritiker sagen, Ihre Arbeiten seien reifer geworden - auch Sie selbst seien gereift oder, einfacher gesagt, eben älter geworden. Wie hat das nach Ihrer Meinung Ihren Stil verändert oder weiterentwickelt?

David Alden: Mit dem Älterwerden gewinnt man an Erfahrung. Man sieht einfach mehr Möglichkeiten, die in einer bestimmten Situation stecken. Ich persönlich neige dazu, immer gefährlicher zu leben, und das wirkt sich auf meine Arbeit aus. Andererseits wird, wenn man älter wird und an Erfahrung gewinnt, der Zugang zu jedem Werk schwieriger. Damit ist viel existentielle Angst verbunden, die wohl aus mir selber und von der Elektrizität kommt, die sich bei den Proben aufbaut.

Peter Jonas: Jetzt machen Sie hier in München Ihren ersten Wagner. Wie stehen Sie zu Wagner? Warum kommt sein Werk so spät in Ihrer künstlerischen Entwicklung?

David Alden: Eigentlich bin ich in meiner Entwicklung nicht spät zu Wagner gekommen. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr gehe ich ganz in Wagner auf. Wagners Werke waren meine früheste Leidenschaft und sind es seit dreißig Jahren geblieben. Ich habe alles, was ich in die Hand bekommen konnte, gelesen und studiert - über ihn selbst und seine Werke. Wagner ist eine Obsession in meinem Leben, so wie die Wagner-Besessenheit im Leben vieler Menschen kommt und geht. Ich habe nur einfach gewartet, bis das richtige Angebot zur richtigen Zeit und für den richtigen Ort daherkam, und diese Wartezeit hat eben mehr als zwanzig Jahre gedauert.

Peter Jonas: Bringt der Tannhäuser spezifische Probleme mit sich?

David Alden: Jedes Werk bringt spezifische Probleme mit sich, aber Tannhäuser ist für jeden Regisseur ein Geschenk. Die Oper ist eine unglaubliche Welt der Phantasie. Sie wimmelt von persönlichen Themen und den Dingen, mit denen er zeit seines Lebens rang. Sie ist ein Kompendium all dessen, was dann später kommen sollte, und das erschwert es, sich einen Weg durch die verschiedenen Zugänge zu dem Stück zu bahnen und das zu bahnen und das zu entdecken, was man für seine Quintessenz hält. Aber wenn man sich nur immer mit solchen Problemen herumzuschlagen hätte: daß man mit zuviel Material fertig werden muß. Nein, Tannhäuser ist eine gewaltige Herausforderung. Was ich an Wagners Werk liebe, ist das Unterschwellige, das Erotische, das Visionäre daran - und so inszeniere ich auch. Ich versuche, mir die Archetypen, Bilder und Symbole bewußt zu machen und sie an die Oberfläche zu bringen; die Musik wurde komponiert, um so ausgedeutet zu werden. Wagner hat nichts zu tun mit Realismus oder Naturalismus, sondern in seinem Werk drückt sich die Seelenlandschaft eines Mannes aus, geht es um Teile seiner Persönlichkeit, die miteinander im Streit liegen - und um Menschen, die real scheinen, in Wirklichkeit aber Produkte seiner Träume sind, deren er sich bedienen kann oder auch nicht. Es geht um die Schichten der Persönlichkeit.

Peter Jonas: Könnten Sie Tannhäusers Dilemma schildern?

David Alden: Oh, ich identifiziere mich sehr mit der Figur Tannhäuser. Die meisten Künstler, wenn sie irgendwie über die Welt nachsinnen, werden sich wohl auf irgendeiner Ebene mit dieser Figur identifizieren. Tannhäuser wird herkömmlicherweise als ein Mann beschrieben, der hin- und hergerissen ist zwischen der überirdischen und der irdischen Liebe. Ich würde die Sache überhaupt nicht so beschreiben. Ich denke, es geht hier um die Imagination des Künstlers, wie dieser arbeitet, und um den inneren Quell der Kreativität. Was zwingt einen Menschen dazu, Künstler zu sein? Es geht darum, ob sich der Künstler in der Welt behaupten kann, und wie die Welt auf ihn reagiert. Die ganze Metaphorik mit der Jungfrau und der Hure in dieser Oper, dem Überirdischen und dem Irdischen ist nur eine der Ebenen der vielen Konflikte und Probleme, weil die Sexualität und die künstlerische Kreativität in diesem Werk Metaphern füreinander sind. Das dritte große Thema ist die Religion und das ewige Bewußtsein des Menschen, schuldig geboren zu sein, und handelt davon, daß die sinnliche Natur des Menschen etwas ist, das ihm tiefes Grauen einflößt, für das er Buße tun und vor dem er fliehen muß.

 

© Bayerische Staatsoper