Alice in Wonderland

Unsuk Chin: Alice in Wonderland. Sally Matthews Unsuk Chin: Alice in Wonderland. Dame Gwyneth Jones Unsuk Chin: Alice in Wonderland
Inszenierung

Unsuk Chin
David Henry Hwang, Unsuk Chin nach Lewis Carroll



 

Achim Freyer
Gedanken zu Alice


In dieser Oper geht es um die Frage nach dem Sein und der Identität: Bin ich groß, klein, stark oder unterdrückt? In welchem Verhältnis stehe ich zur Welt, zu meinen Mitmenschen? Wie überwältigt mich Natur oder wie beherrsche ich sie? Das sind globale Fragen, die uns alle betreffen. Heute suchen wir unsere Identität nicht mehr, sondern tauschen sie mit den Vorbildern und Klischees, die uns der Alltag anbietet. Wir verlassen uns selten auf unsere Kreativität, Phantasie und Möglichkeit der Autonomie.
Alice durchlebt eine Geschichte. Alles, was um sie herum traumartig oder alptraumartig aufscheint, hat keine Entwicklung, so dass sie lernen muss, mit diesen Episoden und Splittern ihres Denkens und Fühlens umzugehen. Sie ist eine unerschrockene Figur, die auch fähig ist zu lernen, die einen Reifeprozess durchmacht. Sie hat dadurch auch einen gewissen Vorbildcharakter, der aber nicht bequem nachzuahmen ist, sonst würde der Zuschauer ja wieder seine eigene Identität an diese Figur verlieren. Sie muss so offen wie möglich bleiben, damit der Betrachter sich selbst darin entdecken kann. Er wird nicht zum Voyeur gemacht und in eine Handlung geführt, der er zuschaut, sondern in eine Handlung, die er selbst mitbestimmt. Alles, was aufblitzt, ist so fragmentarisch, dass man es sofort ergänzt und daraus eigene Geschichten dichtet.

Ich versuche, durch eine Verfremdung Zeitlosigkeit darzustellen. In diesen zeitlosen Begebenheiten, die als Gleichnis zu verstehen sind, wird der Zuschauer Bezüge zu seiner eigenen Realität finden. Diese Verfremdung und das Fernrücken zu zeigen, heißt ja nicht, dass man frei ist von Gegenwart. Im Gegenteil, ich muss im Theater ein so genaues Gleichnis schaffen, damit unsere Gegenwart umfassend erkennbar wird.
Theater ist eine Form der Kommunikation mit dem Publikum, und wenn ich spreche, muss ich laut genug sprechen, damit man hört und sieht. Darum sind Maske und Schminke so wichtig. Manche Darsteller sind dadurch schockiert und sagen: „Ich sehe ja aus wie ein Clown!“ Aber wo kommt der Clown her? Der Zirkus ist groß und der Abstand zum Publikum weit, deshalb hat sich eine solche Form der Schminke durchgesetzt. Der innere Kern einer Figur kann durch Masken nach außen transportiert werden.
Auch definiert sich eine Figur durch die Räume, in denen sie sich bewegt. Eine Figur wird groß oder klein durch den Raum, der um sie herum ist, durch das Verhältnis der Proportionen, und das muss sich im Theater in ständiger Wandelbarkeit darstellen.

Die Darstellung von Menschen läuft immer über die Verdichtung der Figur, und diese verdichtete Figur hat dann die Möglichkeit, einen Menschen prototypisch zu verkörpern, ihn in allen Facetten strahlen zu lassen und sein Dasein verständlich zu machen.


© Bayerische Staatsoper