Elektra

Richard Strauss: Elektra. Agnes Baltsa, Gabriele Schnaut Richard Strauss: Elektra. Agnes Baltsa
Inszenierung

Richard Strauss
Hugo von Hofmannsthal

Premiere am 27. Oktober 1997 im Nationaltheater

 

Herbert Wernicke. Gedanken zur Konzeption

In meiner Münchner Elektra-Inszenierung gibt es kein Schlachthaus, kein Blut, kein Arbeitszimmer von Freud, kein Wohnzimmer einer bösen Familie. In der Zeit der TV-Seifenopern und schrecklichen Familiendramen geht man entweder auf diesen Realismus ein, oder man sagt: Das Theater hat andere ästhetische Möglichkeiten, eine Geschichte wie Elektra zu erzählen.

Genauer: Nur das Theater – und vor allem die Oper – hat noch die Chance, eine andere Wirklichkeit zu zeigen als Kino oder Fernsehen. Darum schlage ich den Weg der Archaik ein: keine Psychosen, keine Verhaltensweisen – nur Figuren. Wenn jeder Sänger seine Figur psychologisch darstellt, wird diese Familientragödie genauso bewegen und erschauern machen wie in den antiken Dramen von Sophokles und Euripides. Genau diese Archaik war es ja, die Hofmannsthal wiederentdeckt hatte für sein Welttheater.

Das Stück braucht szenisch sehr viel Ruhe. Elektra z.B. wird am Schluß nicht tanzen; der Zuschauer wird gezwungen, ihr in die Augen zu sehen. Auch in der Wiedererkennungsszene werden Elektra und Orest in erster Linie einander gegenüberstehen und sich anstarren. Nichts passiert, aber das mit Spannung. Das ganze Stück ist die Tragödie der Schuld und der Rache, jede Figur ist von Rache beseelt bis zum Umfallen. Die Wurzeln liegen in dem grausamen Krieg, den die Männer geführt haben. Was passiert während eines solchen Krieges und vor allem danach mit den Frauen? Eine immer wieder wichtige Frage, um die man bei Elektra nicht herumkommt. Klytämnestra ist nicht nur ein Schwein; ihre Kontaktaufnahme mit Elektra nach ihren schlimmen Träumen ist im Gegenteil sehr menschlich. Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ist die einzige wirklich erotische Szene in dieser Oper.

Die Bühne ist optisch einfach und abstrakt. Das ganze Bühnenportal wird schwarz zugemauert, so daß nur ein paar Meter Spielfläche übrigbleiben. Hier draußen, vor dem Palast, spielt sich die Handlung ab. Nur ein paarmal bricht die schwarze Palastmauer auf und gibt den Blick frei auf einen gleißenden Lichtraum in unterschiedlichen Farben: auf das Palastinnere, die eigentliche Opernbühne.

Auch der rote Hauptvorhang des Nationaltheaters wird in die Ausstattung miteinbezogen: als Mantel des Agamemnon. Manchmal trägt ihn Klytämnestra zur Machtdemonstration, einmal wird sich Elektra in ihn einhüllen; zuletzt wird ihn Orest als neuer Herrscher tragen.

Elektra ist ein gewaltiges, unglaublich modernes Stück, Strauss’ Tunnel zu Schönberg; und es wird spannend, dieses moderne Stück aus den ersten Jahren unseres Jahrhunderts jetzt zu spielen, kurz bevor ebendieses Jahrhundert zu Ende geht.

© Bayerische Staatsoper