Pelléas et Mélisande

Claude Debussy: Pelléas et Mélisande Claude Debussy: Pelléas et Mélisande Claude Debussy: Pelléas et Mélisande
Inszenierung

Claude Debussy
Maurice Maeterlinck

Festspiel-Premiere am 26. Juli 2004

 

Porträt Richard Jones. Leichen im Keller

Er gilt als scheu und zurückgezogen, ist als Regisseur ungewöhnlich selbstkritisch und betrachtet Theater als eine Chance, unvorhersehbar zu sein. Ein Porträt von Richard Jones anlässlich der Premiere seiner Inszenierung von Debussys Pelléas et Mélisande.

Die meisten Regisseure, die Spezialisten für die Oper sind, befassen sich selten, wenn überhaupt, mit Sprechtheater oder Musical. Aber Richard Jones, der Musicals wie Sondheims Into the Woods und Titanic inszenierte, wechselte immer wieder zwischen Oper und Theater hin und her. Für ihn ist Oper einfach Teil des Theaters.
Auf der Opernbühne werden dieselben Fähigkeiten und Begabungen gebraucht wie im Theater. Er selbst war professioneller Jazzpianist ehe er sich dem Theater zuwandte: Vielleicht fällt einem Musiker diese unbeschwertere Sichtweise leichter.
Manche meinen, Oper, von der Musik getragen, biete dem Regisseur wenig Freiheit im Umgang mit der Zeit. Aber Jones sieht auch hier keinen Unterschied zum Theater. Musik ist der Text, der zusammen mit den Worten interpretiert wird. "Sie ist dazu da, sich mit Leben zu füllen", sagt er. "Es gibt eine innere Dynamik in der Musik, die überaus subtil ist, und mit dem richtigen Dirigenten hat man dieselbe Gestaltungsfreiheit, kann genauso viel Detail, Persönlichkeit und individuelle Eigenart einbringen wie im Theater." Im Theater, findet er, geht es nicht darum, eine dechiffrierbare Botschaft zu verkünden: Theater ist eine Chance, unvorhersehbar zu sein - das Publikum aufzurütteln und zum Denken, Fühlen, Lachen, Erinnern und überhaupt zum Gebrauch der eigenen Fantasie zu verlocken.
Seine preisgekrönten Inszenierungen von Pique Dame und Hänsel und Gretel für die Welsh National Opera waren bezeichnenderweise komplexe, unvorhersagbare Mischungen aus Drama, Humor und fantastischen Einfällen. Richard Jones glaubt nicht, dass zwischen den schauspielerischen Fähigkeiten der Opernsänger und der Akteure des Sprechtheaters irgendein Unterschied bestehe. "Opernsänger", sagt er, "können heute dieselben Fehler machen wie Schauspieler, wenn sie die Gefühle, die sie empfinden sollen, zu plakativ vor sich her tragen. Aber man kann sie korrigieren wie jeden Schauspieler, und sie passen ihr Spiel sofort an." Für Jones bedeutet Regie, die richtige Nuancierung im Verhalten und in der Empfänglichkeit der Darsteller herauszuarbeiten. Bei der Besetzung hat er in der Regel ein Mitspracherecht.

Scheu und zurückgezogen, ist er als Regisseur ungewöhnlich selbstkritisch - und in keiner Weise der Guru, der die definitive Version auf die Bühne bringt. Für Jones ist eine Regie eine absolut persönliche Aussage über das Werk. Keinen anderen Anspruch will seine Arbeit erheben, und im Rückblick räumt er freimütig ein, dass manche seiner Produktionen weniger gut sind als andere. Seine Methode ist meist auf überraschende, ausgesprochen theatralische Weise visuell ausdrucksstark. Er kombiniert emotionale Intensität mit einem ausgeprägten Sinn für unvorhersehbaren, häufig beißenden Humor, kompromisslos ehrlich und politisch durchaus absichtslos.

Jones ist es gewöhnt, nicht der Liebling der Kritiker zu sein. Sein in den neunziger Jahren inszenierter Ring wurde von manchen britischen Kritikern und Opernbesuchern derart zerrissen, dass aus der geplanten Wiederaufnahme der Produktion nichts wurde. Auf einen fixenden Hagen im zweiten Akt der Götterdämmerung war das Publikum in Covent Garden nicht vorbereitet. Die Vasallen traten als kriegführende britische Tommys in einer Armeekantine auf. Brünnhilde wurde gezwungen, zwischen ihnen auf den Biertischen Spießruten zu laufen, auf dem Kopf eine braune Papiertüte - eine Erniedrigung und Beleidigung, wie sie die Amerikaner im Irak anwandten. "Es sollte grausames, banales, dummes Macho-Gehabe vorführen", sagt Jones. "Dass sie mit Messern und Gabeln auf den Tisch hämmerten, legte eine Gleichsetzung von Frau und Essen nahe. Gleichzeitig war es aber auch komisch, denn man müsste schon ein Herz aus Stein haben, um eine derart grausame, bedrückende Situation nicht auch auf irgendeine andere Weise zu betrachten. Die moralische Gesinnung dieser Charaktere ist gewissenlos. Sie benehmen sich beschissen, wie Wahnsinnige." Bei Rheingold und Siegfried ist er stolz auf das gemeinsam mit Ausstatter Nigel Lowery zustande gebrachte Werk, die Walküre und die Götterdämmerung hingegen hätten sie beide gern noch einmal überarbeitet. Der Ring hat natürlich keinerlei Trost zu bieten. "Wie immer man ihn inszeniert", sagt Jones, "ist er eine Meditation über das Scheitern." Im letzten Orchesternachspiel wird musikalisch zwar eine gewisse Erleichterung und Erlösung greifbar, aber "es steckt eine Menge Politik darin, mit der man umgehen muss".

Von allen seinen Produktionen war eine seiner Lieblingsinszenierungen Werner Schwabs Die Präsidentinnen im Ambassadors Theatre, ein "rabenschwarzes, unglaublich provokantes Stück" - das die Londoner Theaterkritiker jedoch als irrelevant für das britische Leben abtaten. Anscheinend haben wir Briten keine Leichen im Keller, über die wir uns Gedanken machen müssten! Jones' umjubelte und von der Kritik hoch gelobte Inszenierungen - wie sein Ballo in maschera und La bohème in Bregenz - bestätigen, dass er es zu seltener Reife gebracht hat. Die Theaterkritiker in London aber stimmten letztes Jahr erneut ein Klagelied an: Seine Inszenierung von Horváths Geschichten aus dem Wienerwald am National Theatre sei zu kalt und unromantisch. Für Jones hingegen wäre es der größte Verrat, das Publikum mit billigem Trost oder optimistischen Beschönigungsversuchen abzuspeisen. Er sucht die Kontroverse nicht, aber er hat viel Sinn für unkonventionelle Einfälle wie Lowerys gigantische Pappmaché-Dinosaurier im Giulio Cesare in München.

Pelléas et Mélisande zu inszenieren sei wunderbar erfrischend: Für Jones ist Pelléas, kühl, schön, gequält, wiedererkennbar, "ein Lieblingstheaterstück". Die Oper "fragt, wie wir im Verhältnis zueinander leben sollen. Sie zeigt beschädigte Beziehungen in einer Weise, in der wir uns zwangsläufig erkennen." Verhalten und unaufdringlich, ist sie ganz und gar nicht tröstlich und nicht im Entferntesten witzig. "Was mich beeindruckt hat, war die schmerzhafte Echtheit dieser Welt - aber das gilt ja für alles, was gut ist."

Bei der Probe erwiesen sich die zentralen Beziehungen als bemerkenswert empirisch. "Ich traf Entscheidungen über sie, von denen ich dachte, sie würden nicht gut ankommen. Aber die Leute reagierten offensichtlich äußerst positiv auf unsere Inszenierung. Wir stellten eine besondere Art von Verbindung zwischen Golaud und Pelléas her. Meiner Ansicht nach musste zwischen den Stiefbrüdern genauso viel Intensität vorhanden sein wie zwischen Golaud und Mélisande. Das Verhältnis von Golaud und Pelléas erschien mir rücksichtslos, nihilistisch und leicht destruktiv. Golauds Gefühle gegenüber diesen beiden ihm nahe stehenden Menschen waren sehr verworren, und er war in einer seelischen Notlage, die sich letztlich als explosiv erwies."

Debussys Oper bewahrt jedoch völliges Stillschweigen über die inneren Wahrheiten der Charaktere. "Golaud exponiert sich am meisten", findet Jones. "Aber bei diesem unfreiwilligen Prozess bleibt er sich rätselhafter als alle anderen." Hat McDonald's Bühnenbild, weniger mystifizierend als Lowerys Entwurf, in besonderer Weise dazu beigetragen, dass die Produktion in Großbritannien so gut ankam? Jones meint, die beiden Inszenierungen seien einander "visuell eigentlich sehr nahe - sehr stark und beide mit dem Bedürfnis, eine Aussage zu machen. Aber Nigel ist eher ein Maler. Tony hält es mehr mit der Dramaturgie - während Nigel der Dramaturgie ziemlich argwöhnisch gegenüber steht." Pelléas entspricht einer Zeit, in der "Menschen sich damit abfanden, dass manches unerklärt blieb. Ästhetische Ungewissheit war eine Mode", und Jones war entschlossen, die Oper nicht tröstlich werden zu lassen, "denn damit würde ein Stück wie Pelléas verweichlichen".

Es ist eine vollkommen unpolitische Oper, in der die Konfrontation von Individuen mit Tschechowschen Warnungen vor verhängnisvollen Verhaltensweisen verwoben ist. "Die Beziehungen sind unglaublich zerstörerisch. Dem Paar Mélisande und Golaud ist von Anfang an kein Glück beschieden. Pelléas und Mélisande aber gehen durch irgendeine seelische Tür - wie der Holländer und Senta oder Tristan und Isolde. Schon sehr früh kam mir die Idee zum letzten Bild - der Blick auf Mélisande und Yniold und Pelléas in getrennten Räumen." Debussys Oper ist eigentlich eine Gefängnisgeschichte - maßlose, unerträgliche Frustration ohne Ausweg. Die untröstliche Atmosphäre verlangte nach der subtilen Präzision der Kammermusik.

Tom Sutcliffe (Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Schaden)

© Bayerische Staatsoper