Lulu

Alban Berg: Lulu Alban Berg: Lulu Alban Berg: Lulu
Inszenierung

Alban Berg
Alban Berg nach Frank Wedekind
Orchestrierung des dritten Aktes vervollständigt von Friedrich Cerha

Premiere am 24. April 2004

 

Bayern 4 Klassik - Live aus dem Nationaltheater
Premiere Berg "Lulu" - 24.04.2004 - ca. 19.30 Uhr live
Manuskript für den Pausenbeitrag "Lulu"

Norbert Christen und Wolf-Dieter Peter zur Neuinszenierung


Norbert Christen: Begrüßung Hörerinnen und Hörer + WDP-Begrüßung ...
Herr Peter, Berg lässt seine Oper in den beiden ersten Akten im großbürgerlichen Ambiente einer Metropole in Deutschland oder Österreich spielen, während im 3. Akt die Orte Paris bzw. London deutlich fixiert sind. Was die Epoche anbelangt, ist die Situation eher vage: Einerseits Anspielungen auf Revolutionen in Paris, ob 1830 oder 1848 bleibt eher Fiktion - andererseits das Ambiente der Jahrhundertwende. Bei David Alden scheint das, dem Bühnenbild nach zu urteilen, nicht der Fall zu sein?

Wolf Dieter Peter: Wie so oft, macht es Alden dem Publikum nicht leicht:

- die Besucher werden von Eierschalen-farbenen gleichsam gemauerten Bühnenportal empfangen

- oben gestaltete Architektur, links und rechts glattes Mauerwerk - nicht zuordenbar
= lösgelöst von üblichen Erwartungen,

- dann aber nachtblauer Rüschenvorhang
= Kabarett, Privattheater wie zu Wedekinds Zeiten

- Vorhang hoch - Bodenschräge - gebrauchte, alte US-Limousine - dahinter Häuserfront und Bäume
= Holzhäuser amerikanischer Vororte, Kleinstädte, Hauch von Tristesse, Erlebnisarmut
= definitiv nicht Großbürgertum, Fin-de-Siecle-Großstadt-Dekadenz wie bei Wedekind und Berg
= US-Kleinstadt-Vorort-Welt wie in "American Beauty"
= aber auch Ambiente um Dutroux in Belgien,
= um den Kinderschänder im norddeutschen Lurup, um den Kindermörder in England...

- die Handlung setzt ein - Prolog:

- aus der gebrauchten US-Limousine steigt der Tierbändiger im Prolo-Look mit Pauke und Becken,

- zu seiner Ansage: eine Mädchen-Lulu auf dem Rücksitz sichtbar,

- mehr wie Werbe-Girl räkelt sie sich dann über Autodach und Kühlerhaube,
mädchenhaftes Animiergetue,

- dann tauchen auf:

- Dr.Schön im blauen Business-Anzug mit Kamelhaarmantel, ein Herr

- Alwa mit Videokamera und geschmacklosem Karo-Jackett über affig gemustertem T-Shirt,

- der Prinz ist ein überfettetes Mann-Monster im affig-weißen Anzug,

- Gräfin Geschwitz präsentiert sich im noblen Escada-Lokk in der Intendanten-Loge,

- der Gymnasiast ist ein dauernd Gameboy knipsender Youngster im MTV-Look, natürlich mit Baseball-Mütze...
= also wohl doch diese unsere Welt...

- noch deutlicher in den ersten 3 Bildern des 1. Akts:
= Zwischenwand fährt herab - Blümchen-Tapete! Alden! -
schmaler, enger Raum, rechts Türe zu einem Vorraum, links ein hellblau gekachelter Raum, klinisch, aber auch WC,

- Fenster mit ganz modernen Kunststoff-Jalousien
= la Jalousie = Eifersucht, Voyeurismus assoziierbar...

- moderne Welt: Maler arbeitet bereits am Laptop mit Kamera = Bild als "grafic design", später als Video-Print

- er arrangiert Lulu als blutüberströmten "body" auf einer Krankenliege, mit einem Beil zwischen den Beinen
= Lulu-Bild, das durch die ganze Handlung mitgeht
= ebenso wie das Beil - ein Gewalt-Symbol!!!    = Unsere Zeit!

- hinter der Liege auch erstmals Geschlechtsverkehr, der den bereits künstlich mit Sauerstoff versorgten Medizinalrat zu Tode aufregt...
=== aber auch: mehrfach Theaterillusion durchbrochen: Lulu werden Spielsachen aus einer Seitentür hereingereicht = ein Zug der Inszenierung, der durchgeht durch die folgenden Bilder...

Norbert Christen: Das 2. Bild spielt im Hause des Malers - er wird hier eigentlich nicht als im klassischen Sinne kreativer Künstler gargestellt - und wie sieht Alden den Alwa, hinter dem man wohl eine Identifikation des Komponisten Alban Berg vermuten darf?!

Wolf Dieter Peter: im 2. Bild nochmals der gleiche Raum, also die moderne Welt:
= "Kunstwerke" des Maler sind die ewig gleichen Video-Prints, ganze Wand voll,

- die aber "weltweit" als "Kunst" hoch gehandelt werden
= ein ganzes Stück Kritik des Bühnenteams, auch von Bühnenbildner Giles Cadle am heutigen Kunstbetrieb...

- Lulu liegt in einem der Kunst-Kartons, in dem diese Ware Kunst verschickt wird
= auch sie eine "Ware"?!

- nach den Eröffnungen von Dr. Schön schneidet sich der Maler in dem Kachel-WC links die Kehle durch
= er wird als blutüberströmte Figur wiederkehren!

- Alwa übrigens eindeutig charakterisiert: er nimmt den blutverschmierten Raum samt Leiche sofort auf Video auf...
= Sucht nach Sensationen, nach "Stoff", da als Künstler selbst eher unproduktiv

- noch bitterböser: nachdem Lulu zunächst fliehen wollte, bleibt sie nach Dr. Schön Polizei-Telefonat da, arrangiert ein Picknick um den Fernseher, legt sich zum Zeichen, wie sehr sie sich zu beiden Männern gehörig fühlt, von beiden ein Hand auf je eine Brust - und nebenan liegt die Leiche...

Norbert Christen: Was erwartet uns im 3. Bild?

Wolf Dieter Peter: gleiches Ambiente, nur ohne die Bilder, dafür eine Art Regiepult für den medienfixierten Alwa,
- im WC = jetzt eher Schmink-Dusch-Raum Lulu mit Verehrern

- Auftritt des Prinzen aus einer Roll-Garderobe mit Kostümen wie eine rein exotische Theaterfigur, Blumen verstreuend,

- Lulus Skandal-Ohnmacht ist aus dem Off zu hören, sie stürzt herein und dann Dr. Schön in seinem blauen Business-Anzug = in einer realistischen Inszenierung so wohl kaum, da trüge ein Mann seines Zuschnitts Smoking

- Alwa filmt die folgende Auseinandersetzung zwischen Lulu und Dr. Schön, die darin gipfelt, dass Schön auf einer Klo-Rolle seinen Entlobungsbrief schreiben muss,

- Lulu macht aus dem Diktieren eine Show-Nummer, in der sie sich in einem Imitat etwa von Julie Andrews in "Viktor/Viktoria" Teil für Teil den Herren-Abendanzug wegreißt und schließlich in einem fleischfarbenen Ganz-Körper-Body mit Glitzer-Besatz dasteht, während Dr.Schön am Boden liegt

- Dazu wieder Bruch aller Illusion: Bühnenarbeiter räumen die Theatergarderobe weg, der bisherige Rückwand fährt hoch
= 1.Bild mit Kleinstadtidylle, dazu kleine Zuschauertribüne aufgebaut, Cheer-Girl-Group in Kleidchen der Kind-Lulu des Prologs,

- Lulu lässt sich in greller Diskrepanz zu ihrem Body einen kitschigen rosa Brautschleier aufsetzen, nimmt auf der Tribüne Platz und klatscht Dr. Schön zum Zusammenbruch seiner bisherigen Machtmensch-Honoratioren-Rolle eher hämisch Beifall... dazu grelle Kitschfarben wie auf dem Jahrmarkt - und Lulu ist ja wie eine Figur auf dem Männerkarussell weitergereicht worden - eine Groteske!

Norbert Christen: Im Interview äußerte Alden, die üblichen Klischees - Lulu als Lolita, als Pandora, als Vamp, als Projektionsfläche von Männerfantasien - interessierten ihn nicht, wie sieht er denn Lulu? Ist sie mehr Opfer als
Täterin? Welche Entwicklung macht sie durch?

Wolf Dieter Peter: Sie beginnt als 12jährige Göre, die eher unbeteiligt entdeckt, wie sehr die Männer um sie her auf ihre Kind-Weiblichkeit reagieren,

- sie geht eher unbeteiligt durch die folgenden Ereignisse, die weniger sie selbst verursacht als die Männer in ihrer Gier, Wut und Enttäuschung,

- im vor uns liegenden 2. Akt, der im noblen Penthouse Dr. Schöns spielt, wirkt die verheiratete Lulu im edlen Designer-Kostüm mit Damentasche und passendem Hut eher zufrieden, wenn auch ganz auf der rechten Raumseite, während Dr. Schön ganz links agiert - die menschliche Isolation und trennende Distanz trotz ehelicher Bindung ist offensichtlich

=== übrigens auch hier wieder Bruch aller Realismus-Illusion:
- durch die Seitentür wird Lulu ihre Puppe hereingereicht, die eine Pistole in Händen hält!!!
 
- anschließend sind ja einmal fast alle Männer um Lulu versammelt: vom Diener bis Schigolch - da zeigen Alden und Kostümbildnerin Brigitte Reifenstuel Lulu in einer fabelhaften, bunt schillernden Lurex- oder Lamé-Robe mit Schleppe: als Party-Löwin, ja fast Königin auf der Sofalehne thronend, während alle Männer an ihr herumtatschen, grapschen und streicheln...
= eindeutig der Höhepunkt ihres Lebensweges

Norbert Christen: Unter all den Verehrern, Geliebten und Ehemännern Lulus ragt die Gestalt von Dr. Schön heraus: echte wechselseitige Abhängigkeit - wie wird der überlegene Machtmensch von Tom Fox dargestellt?

Wolf Dieter Peter: Mit Tom Fox, kahlköpfig, sicher um die 1 Meter 90, schlank und drahtig, steht im maßgeschneiderten blauen Business-Suit natürlich eine blendende Erscheinung auf der Bühne. Doch Alden hat auch ihn ganz ambivalent gezeichnet: er will Lulu los werden und kommt doch nicht los von ihr - speziell als er hört, dass der Prinz sie nach Afrika entführen will. Nach seinem Zusammenbruch am Ende des 1. Akts ist er jetzt im 2. Akt trotz Golfschläger und weltmännischem Wohn-Ambiente hoch über einer Großstadt ein Gebrochener. Gräfin Geschwitz, in leuchtendrotem Escada-Look, wirkt da deutlich überlegen - noch.

Norbert Christen: Berg hat zwischen 1. und 2. Bild des 2. Akts eine Filmsequenz vorgesehen, die sinfonisch untermalt wird, wichtiger Punkt: Peripetie des Dramas: Verhaftung, Prozess, Gefängnis, Aufstieg schlägt in Abstieg um, wie wird bei Alden dieser Umschlag gestaltet?

Wolf Dieter Peter: So sehr Alden und Bühnenbildner sich an dem das 20. Jahrhundert dominierenden Medium "Film" orientieren

- das Programmheft bringt ein Brigitte Bardot-Foto im Bikini als Vorlage für einen Auftritt der auch in BH und Slip glänzend aussehenden Lulu von Margarita de Arellano,

- auch das Cheer-Girl-Kostüm ist einem US-Foto-Band entnommen wie auch die Bühnenbildidee dem "Twilight"-Foto-Zyklus von Gregory Crewdson

- als Lulu aus dem Gefängnis zurückkommt, räkelt sie sich wie Michelle Pfeiffer in den "Fabulous Baker Boys" auf dem Klavier,

-- aber Alden ist Theaterblut genug, um zu wissen, dass hier eine Filmsequenz seine dramaturgische Leitidee durchbrochen hätte - eine Linie, die sich erst im letzten Bild erschließt - worauf wir später eingehen müssen...

- Aber: der Abstieg ist nach dem Zwischenspiel unübersehbar: zwar komponiert Alwa am Klavier und zwar taktgenau zusammen mit dem Klavier im Orchester, doch die Blumen sind vertrocknet, Zeitungen und Flaschen liegen auf dem teils  aufgerollten Teppichboden herum,

- der zum Jungrocker verkommende Gymnasiast springt vom umlaufenden Balkon in die Tiefe,

- Gräfin Geschwitz liegt Cholera-krank mit einem Eimer für ihr dauerndes Erbrechen herum,

- Alwa trägt aus Ansteckungsangst einen weißen Schutzanzug und Mundschutz, er sprayt Entgiftungsmittel um sich...

- und all das im Penthouse, das nun als Wohnwüste erscheint... am Ende von schwarzem Himmel bedrohlich überwölbt,

- und prompt kommt auch eine kurzhaarige, in ihrer Körpersprache gebrochene Lulu vom Austausch mit Geschwitz zurück... da wäre eine Filmbebilderung redundant, noch dazu, wo im Text ja alles genau erzählt wird.

Norbert Christen: Abgesehen von zeitlicher und teils geographischer Verlegung folgt Alden in den ersten beiden Akten im Prinzip eng der Vorlage, doch im 3. Akt, 1. Bild: bei Berg vornehmer Salon in Paris, zeigen Alden und Bühnenbildner eher Assoziation ab Flughafen-Warteraum 1. Klasse, Milchglas, grauer Marmor, Lounge-Charakter vorne mit einigen Sitzbänken...

Wolf Dieter Peter: ... und mit vorbeiziehenden Touristen-Strömen und mehrfach einer grell bunten Freizeit-Horde hat sich bei mir die Assoziation "Mallorca, Teneriffa, Benidorm" - unbehaust inmitten einer vergnügungssüchtigen, bewusstlos geldgierigen weil verschwendungssüchtigen Masse - eingestellt... und "Flucht" findet heutzutage natürlich oft per Flugzeug statt... aber es ist vielleicht ein zu offenes Ambiente, in dem die Rolle von Flughafen-Personal in Uniform und dann auch der Polizei eher fahrig-ungenau bleibt, erst recht Lulus letzte Manipulationen,

- doch vielleicht will Alden hier die Auflösung von menschlichen Bezugsrahmen, Lebenszuschnitt, Platz in der Gesellschaft zeigen: alle wirken "unbehaust"...

- und wenn bis hierher die Zuschauer vielleicht eher befremdet sein könnten, dann gelingt Alden doch mit der letzten Szene etwas Frappierendes:

Norbert Christen: 3. Akt, 2. Bild in der Szenenvorgabe Alban Bergs "Londoner Absteige" - hier: Rückkehr zum 1. Bild, in Schlussszene gar Rückgriff auf Bühnenbild des Prologs, Symmetrie der Komposition szenisch umgesetzt?

Wolf Dieter Peter: Ja, zunächst einmal dies - also da arbeitet das Regieteam keineswegs gegen die Musik.
- Aber hinzu kommt ein viel menschlicherer Aspekt: Wohin gehen Menschen in und trotz Not und Elend?

- Zurück ins Vertraute, ins Zuhause, auch wenn es verfallen, oder gar zerstört ist - Denken wir an den Balkan, an Palästina, an Afghanistan oder den Irak...

- und so zeigt das vorletzte Bild zunächst das heruntergekommene, verdreckte, teils verfallene Blümchentapeten-Zimmer des 1. Akts

- aber nicht nur realistisch bis hin zur unappetitlich dreckigen Matratze als einzigem "Möbel" inmitten von Müll, Puppe, Hündchen und Beil...

- Alwa liegt gefesselt mit einem Kabel wohl als "Mediengefangener" seinerselbst...

- im einstigen gekachelten WC links stehen nun die toten Männer, teils als blutige Leichen...
= es sind ihre "Lebensgespenster", die Lulu nun begleiten,

- hier wird sie auch den gefesselten Alwa mit dem Beil erschlagen
= realer Vollzug der Tatsache, dass sie sein Leben ruiniert hat,
= das Alptraumhafte der Szene wird gesteigert noch durch gierige Männerhände, die durch die Wände und eingeschlagenen Fenster greifen... 
= Magrittes und Cocteaus Surrealismen grüßen herein...

- Jack the Ripper sitzt wartend im Stuhl:
= trägt einen verschmutzten Kamelhaarmantel mit den blutgeröteten Einschusslöchern aus dem 2. Akt...
= ein immer dichter wirkender Alptraum, wie geboren aus einer zerstörten Psyche, am Ende eines gescheiterten Lebens...

- doch Alden gelingt aus meiner Sicht etwas noch Bannenderes: als Lulu Jack the Ripper, der bereits seit Szenenbeginn in der Ecke sitzt, also in ihrem Bewusstsein schon immer da war!
= wie ganz am Anfang Schigolch schon dasitzt!

- als sie ihn zum Liebesakt fast bettelt...

- da fährt die Rückwand hoch,

- die Szene des Prologs mit dem düster ausgeleuchteten Kleinstadt-Ambiente der Kindermörder von Littleton oder um Dutroux oder Lurup...

- das Auto steht wieder da = kein aufgesetzter Regie-Einfall:

- Berg schreibt 1926 an seine große Liebe Hanna Fuchs: "Welch eine Nacht! Dieser Abschied heute im Auto!..."...

- und zum Auto zieht Lulu im dreckigen Mädchenkleid nun Jack, dort ermordet er sie und erschlägt anschließend Geschwitz mit dem Beil...
=== das ist nicht nur die perfekte Rundung der Inszenierung parallel zur Komposition,
=== es ist auch eine faszinierende Umsetzung der von Todeserlebnissen überlieferten (etwa von Kübler-Ross) und in der Literatur vielfach ausgestalteten Erfahrung, dass im Moment des Sterbens das ganze Leben noch einmal Vorbeizieht...
=== also: aus meiner Sicht zeigen die ganzen Illusionsbrüche mit hereingereichten Requisiten, offenen Umbauten und Wiederauftritten von "Lebenden Toten" am Ende in einer sonst realistischen Inszenierung, dass wir keinen chronologischen Handlungsablauf inszeniert bekommen haben,
= sondern gleichsam Lulus Todeserlebnis von Anfang an miterleben, das nun in den Schlusstakten zu Ende geht...
= ein beeindruckender dramaturgischer Wurf... eine Bestätigung, dass der Bayerische Theaterpreisträger David Alden eben nicht ein oberflächlicher US-Freak ist, der sozusagen an europäischem Kulturgut herumbastelt oder sich eitel selbstverwirklicht...

 

Interview mit David Alden: Wer ist Lulu? Versuch einer Bestimmung des Nichtbestimmbaren

Lulu, dieses geheimnisvoll zwischen Kindfrau und Femme fatale oszillierende Wesen, ist nicht nur ein "Findelkind des 20. Jahrhunderts" (Silvia Bovenschen), sie erscheint auch heute immer noch als eine Provokation, die vor allem  darin besteht, dass sie sich einer eindeutigen Bestimmung entzieht. Alban Bergs Oper hat Konjunktur und auch Wedekinds Lulu-Dramen sind nach vielen Jahren der Abstinenz gleich auf zwei prominente Schauspielbühnen im Hamburg und Berlin zurückgekehrt und stellen immer die gleiche Frage: Wer ist Lulu?

Die Interpretationen, die dieser Ikone der Weiblichkeit zuteil wurden, sind endlos und verstellen den neugierigen Blick auf das Stück und die Figur eher, als dass sie ihn weiterführen. Jetzt inszeniert David Alden  Bergs dreiaktige, durch Friedrich Cerha vervollständigte Oper.

Hella Bartnig sprach mit dem Regisseur und stellte auch ihm zuerst die Frage:

Wer ist Lulu?

Lulu hat viele Seiten, die sich im Verlauf des Stückes entwickeln und stetig verändern. Deshalb kann man eigentlich nicht sagen, was für eine Frau Lulu ist. Am Beginn des Stücks begegnet sie uns fast autistisch in Reaktion auf  die Kindheitserfahrungen des Missbrauchs und der Abhängigkeit. Dann entwickelt sie Szene für Szene ihre Individualität, obgleich sie von der Vergangenheit immer wieder eingeholt wird. Sie versucht dagegen anzukämpfen, die Vergangenheit abzuwerfen, und es ist überraschend, wie sie dabei in fast jeder Szene zu einer anderen Person wird.

Ist dieser Wechsel des Images ein Überlebensprinzip, oder anders gefragt, gibt sich Lulu nicht immer so, wie die Männer sie sehen wollen?

Bei der Interpretation dieser Figur und des Stückes gibt es sehr viele Klischees: die Frau als Projektionsfläche für Männerphantasien, als Pandora, als Vamp, als Erdgeist. Das alles interessiert mich nicht. Ich glaube, es geht um etwas anderes in diesem Stück oder zumindest in meiner Inszenierung, was ich herausfinden möchte.

Aber dass Lulu immer wieder ihre Rollen wechselt, ist doch offensichtlich. Hat das nicht etwas Zwanghaftes?

Nein, wieso? Es sind die Situationen, die wechseln, und dementsprechend verhält sich Lulu. Im ersten Akt ist sie eine Schöpfung des Dr. Schön. Er hat sie als zwölfjähriges Mädchen entdeckt, hat sie von der Straße in ein "besseres" Leben geholt, wo sie eigentlich sein Spielzeug war. Sie lebte mit in seinem Haus, bei seiner Familie, seiner Frau, seinem Sohn. Sie war Kind, Schwester, Geliebte. Man kann nur ahnen, was das für ein Arrangement war. Später behauptet sie, sie habe Schöns Frau, also die Mutter von Alwa, vergiftet. Vielleicht ist das sogar wahr; ich weiß es noch nicht. Jedenfalls ist sie Dr. Schön noch ganz hörig und meint, dass er der einzige sei, der sie wirklich geliebt habe. Sie ist von ihm besessen und er von ihr. Er versucht, sich von ihr zu trennen. Deshalb verheiratet er sie zuerst mit dem Medizinalrat und nach dessen Tod mit dem Maler und möchte sich dabei noch ein "Hintertürchen" offen lassen. Erst später will er sie wirklich loswerden, was ihm aus verschiedenen Gründen nicht gelingt.

Umgekehrt kommt auch Lulu von Dr. Schön nicht los.

Ja, Lulu ist ganz fixiert auf ihn: Sie liebt ihn und hasst ihn zugleich. Er ist für sie Vater, Liebhaber, Zerstörer, und sie ist von ihm abhängig. Von ihm sind alle ihre "Rollenwechsel" im ersten Akt organisiert: Er sucht die Ehemänner aus, er vermittelt sie ans Theater, wo sie in dem Stück seines Sohnes auftreten soll. Lulu ist eigentlich passiv, wie ich schon sagte, fast autistisch. Sie lebt in ihrer eignen Wirklichkeit und übernimmt die ihr zugedachten Rolle, ohne sie wirklich zu spielen. Sie bleibt nur sie selbst. Erst zum Schluss des ersten Akts wird sie aktiver, als sie spürt, dass Schön nicht in der Lage ist, sie zu verlassen. Sie zwingt ihn, seine Verlobung mit einem jungen Mädchen aus der Gesellschaft zu lösen, wodurch er einen Totalzusammenbruch erleidet und sich Lulu widerstandslos fügt. Damit hat sie erreicht, was sie wollte.

Ist es wirklich das, was sie wollte?

Ja, es ist das, was sie wollte, und wiederum auch nicht. Im zweiten Akt ist sie zwar die Frau des Dr. Schön, aber es ist keine Ehe. Schön ist inzwischen pensioniert, und alle sagen, er leide unter Verfolgungswahn. Aber es ist kein Wahn: Lulu hat mehrer Liebhaber, die sich in Schöns Haus versteckt halten. Deshalb kommt es zu dem großen Eklat, infolgedessen Lulu Dr. Schön tötet. Es ist genau der Punkt, an dem sie ihm zum ersten mal die Wahrheit sagt, aber er akzeptiert sie nicht. Deshalb bringt Lulu Schön um. Und das ist der Drehpunkt des Stückes. Danach muss Lulu um ihr Überleben kämpfen als Kriminelle, als Flüchtling, als Prostituierte. Aber man spürt, dass sie auch im zweiten Teil des Stückes immer noch von Dr. Schön begleitet wird. Sie muss ihren Weg jetzt selbst weitergehen und ist anders als früher. Sie ist im dritten Akt Geschäftsfrau in einem suspekten Aktienunternehmen, scheitert, fällt immer tiefer, wird zur Prostituierten. Man fühlt, dass ihr Leben eigentlich beendet ist, nur noch Reflex ist. Und dennoch hat sie eine enorme Lebenskraft, wodurch sie fast außerirdisch erscheint.

Kann es nicht auch sein, dass Lulu den Tod sucht?

Am Ende des Stückes: ja. Und er kommt in Gestalt des Dr. Schön - als Lustmörder, als Rache der Männer, als Erlöser. Das Ende hat viele Bedeutungen.

Aber die Musik steigert sich zu einer großen tragischen Emphase, einem Trauergesang ... 

... zu einem Liebestod, denn dieses große Adagio, bevor Jack the Ripper Lulu tötet, ist Dr. Schöns Musik.

Ist Lulu unmoralisch?

Nicht unmoralisch, sondern amoralisch. Sie verstößt nicht gegen die Moral, sie steht außerhalb dieser Moral. Das ganze Stück ist ein satirischer Blick auf die Gesellschaft, auf Männern und Frauen, auf die Beziehungen, die sie miteinander eingehen oder nicht eingehen. Lulu spielt nicht verschiedene Rollen, sie lebt durch die Rollen, die andere in dieser Gesellschaft spielen.

Aber sie hat auch etwas kindlich Naives an sich.

Es ist mehr als das, es ist fast schon psychotisch. Ein Teil von ihr bleibt immer dieses zwölfjährige Mädchen, das am Anfang noch sehr zerbrechlich ist, hilflos, ohne Schutz, und das erst allmählich lernt, sich zu wehren. Lulu hat etwas Naives, aber sie ist zugleich intuitiv und sehr intelligent. Sie reagiert immer unerwartet. Das ist Wedekinds Technik in diesem Stück, eine Technik des Absurden. Lulu sagt etwas "Falsches" und trifft zugleich den eigentlich Kern der Dinge.

Sie reagiert instinktiv?

... nicht instinktiv - das ist auch so ein Lulu-Klischee. Natürlich: Jeder lebt durch Instinkte, lernt Instinkte zu beherrschen. Lulu lebt, ohne darüber zu reflektieren. Für mich ist sie kein Kind, keine Lolita, keine Femme fatale oder all das, was man in sie hineininterpretiert hat. Für mich erzählt das Stück etwas anderes. Es ist eine verrückte, satirische, auch tragische und morbide Geschichte über ein Frau in der Gesellschaft. Und es passiert immer etwas anderes, Unerwartetes, das man vorher nicht beschreiben kann. Das muss man herausfinden in der Arbeit an diesem Stück.

Das heißt, für Sie ist die Arbeit an diesem Stück auch ein ganz persönlicher Erfahrungsprozess?

Ja! Ich habe keinen vorgefertigten Blick auf ein Stück. Ich habe Ideen und Bilder dafür, aber ich bin immer gespannt, worauf der Prozess des Inszenierens hinausläuft, besonders bei Lulu.
Das Stück ist sehr rätselhaft und überraschend wie die Musik: In jedem Moment wirft sie gleichzeitig mehrere Blicke auf die Situation und man entdeckt immer etwas Neues. Darauf muss man sich einlassen.


© Bayerische Staatsoper