Falstaff - Further information

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Falstaff
Giuseppe Verdi
Arrigo Boito

World Première on 9th February 1893 at the Teatro alla Scala, Mailand

 

Muß ein Intendant in einer Spielzeit-Vorschau objektiv bleiben? Wenn nicht, dann möchte ich zu Verdis letzter Oper Falstaff eine persönliche Meinung äußern. Ich halte dieses Werk für den Höhepunkt des gesamten Opernschaffens im 19. Jahrhundert. Zugleich darf Falstaff, auch wenn die Uraufführung noch im 19. Jahrhundert, nämlich 1893, stattgefunden hat, als das Werk des Musiktheaters gesehen werden, das am stärksten von allen auf das 20. Jahrhundert vorausgewiesen hat - durch die Art, wie Musik und Text zu einem Amalgam weltklugen emotionalen Ausdrucks verschmolzen wurden.

Arrigo Boito hat das Libretto aus den Shakespeare-Stücken Die lustigen Weiber von Windsor sowie den beiden Teilen von Heinrich IV. zusammengestellt und dabei die zweifellos brillanteste Opernadaption des großen englischen Dramatikers geschaffen. Er brachte Klarheit in die Handlung, verlieh der Figur des Sir John Falstaff noch mehr Persönlichkeit und verband Shakespeares klassisch englisches Windsor mit italienischer Wärme und einem renaissancehaften Gespür für die Satire, die ein nicht unerhebliches Element in dieser Geschichte darstellt.

Nie zuvor konnte man so klar wie im Falle des Falstaff nachvollziehen, welch kreativer Prozeß der Entstehung einer Oper zugrunde liegen kann. Die Worte entzündeten die Phantasie des Komponisten und entfachten die Flammen seines Genies. Verdi hatte zuvor schon oft heitere Elemente in seinen Werken eingesetzt, doch Falstaff wurde seine erste wirklich komische Oper seit dem glücklosen Un giorno di regno. Die Geburt dieses Meisterwerks gestaltete sich keineswegs leicht. In den vier Jahren, in denen Verdi und Boito daran arbeiteten, wechselten sporadische Ausbrüche von frenetischer Aktivität mit deprimierenden Ereignissen (wie dem Tod mehrerer Freunde Verdis). Vielleicht trug dies dazu bei, daß der scharfe Witz des Sujets eine Verbindung mit herbstlicher Melancholie und Resignation eingegangen ist; eine Verbindung, die Verdi durch mehrfaches Überarbeiten jeder Szene bis in die kleinsten Details feingeschliffen hat. Sir John Falstaff war immer eine von Verdis Lieblingsfiguren. Nicht zuletzt ist sie auch ein herausragendes Beispiel für Shakespeares Vermögen, mit den Mitteln der Kunst Wahrheit zu erfinden.

Dank Verdis Berühmtheit wurde die Uraufführung am 9. Februar 1893 an der Mailänder Scala ein Opern-Großereignis, aber nur ein Achtungserfolg: Das Publikum, abgesehen von Kennern, konnte sich für das Werk nicht erwärmen. Seine offensichtliche Verwirrung ist zu verstehen. Falstaff ist genial, brillant, schnell, furios und angefüllt mit musikalischen Formen, komplizierten Ensemblesätzen und fließenden Melodien, die schon verklungen sind, noch ehe sie ihren Zauber vor unserem schwerfälligen Empfindungsvermögen ganz entfaltet haben. Man muß als Zuschauer alle Sinne schärfen, um die Früchte von Verdis großem Werk genießen zu können. Dann erst läßt sich auch nachvollziehen, wie der Schlußakt zunehmend zu einem Plädoyer für die Akzeptierung der Fehlbarkeit menschlicher Natur wird. Entsprechend wichtig ist die Aufgabe der Sängerdarsteller. Hier vermag stimmliche Eitelkeit nichts, wie schon Verdi betont hat: "In Falstaff ist kein Platz für Künstler, die zu viel singen wollen und auf den Noten einschlafen." Mehr als jede andere Oper profitiert Falstaff davon, wenn sich der Zuschauer schon vor dem Theaterbesuch mit dem Werk auseinandersetzt. Wenn man dann mit dem schwindelerregenden Tempo der Oper konfrontiert wird, erkennt man, daß sich diese Mühe gelohnt hat. Erst dann kann man die Virtuosität, die Weisheit und die Zartheit dieses Meisterwerks voll genießen.

Sir Peter Jonas
März 2000