Moses und Aron - Weitere Infos

Arnold Schönberg: Moses und Aron Arnold Schönberg: Moses und Aron Arnold Schönberg: Moses und Aron
Moses und Aron
Arnold Schönberg

Konzertante Uraufführung am 12. März 1954, Musikhalle, Hamburg
Szenische Uraufführung am 6. Juni 1957, Stadttheater, Zürich

 

Es ist das wohl außergewöhnlichste Fragment des Musiktheaters im 20. Jahrhundert: Arnold Schönbergs monumentales Bekenntniswerk, der
zweiaktige Torso Moses und Aron, mit dem am 28. Juni 2006 die Münchner
Opern-Festspiele eröffnet werden. Schönbergs Auseinandersetzung mit der biblischen Geschichte über die Brüder Moses und Aron reicht bis in die 1920er Jahre zurück, als er sich erstmals während eines Urlaubs am österreichischen Mattsee persönlich mit dem unaufhaltsam sich ausbreitenden Antisemitismus konfrontiert sah. Unter diesem Druck begann er, der zum Protestantismus konvertiert war, erneut religiösen, philosophischen und gesellschaftlichen Grundfragen nachzugehen.

Über verschiedene Stufen, darunter das von ihm konzipierte Drama Der biblische Weg, die Kantate Moses am brennenden Dornbusch und das Chorstück Du sollst nicht, du musst näherte er sich dem Thema an, das er zunächst als Oratorium vertonen wollte. Schönberg schuf eine dreiteilige Textfassung, die auf dem 2. Buch Moses beruht, dem Buch Exodus, das den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft und ihre Heilserwartung schildert. 1930 begann er
mit der Komposition und schloss zwei Jahre später die Partitur am Ende des zweiten Aktes ab. Bis kurz vor seinem Tod hat er immer wieder die Absicht erklärt, den dritten Akt, der als vollständiger Text vorliegt, noch zu vertonen. Doch das Werk ist ein Torso geblieben.

Es handelt von dem ungleichen Brüderpaar Moses und Aron, die die Dualität von Gedanken und Wort personifizieren: Moses, der den wahren Gott erkannt hat und sich in der Pflicht sieht, dem Volk Israel eine neue Bestimmung zu geben, kann seine Botschaft nicht vermitteln. Er braucht seinen charismatischen Bruder Aron, durch den er als Sprachrohr Gottes zu wirken vermag. Doch als Moses mit den versprochenen göttlichen Gesetzen zu lange ausbleibt und die Israeliten das Gefühl haben, von Moses und Gott im Stich gelassen worden zu sein, sieht sich Aron gezwungen, ihnen das zu geben, wonach sie verlangen: einen sichtbaren Gott, das goldene Kalb. Er begeht dadurch den größt-erdenklichen Bruch mit Jahwe. Der Tanz um das goldene Kalb entgleist zu einer wilden Orgie der Zerstörung und des Mordens. Als Moses das Desaster bei seiner Rückkehr erkennt, zerschlägt er die eben erhaltenen Gesetzestafeln. Das Volk zieht, geführt von einer Feuersäule, weiter in das gelobte Land. Moses bleibt verzweifelt zurück mit der Erkenntnis: "O Wort, du Wort, das mir fehlt!"

Selten in der 400-jährigen Gattungsgeschichte der Oper hat sich ein Werk direkter als Brennpunkt religiöser, philosophischer und zeitgeschichtlicher Fragen erwiesen und damit den gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst manifestiert. Dass es Fragment geblieben ist, erscheint nur folgerichtig, da das beständige Ringen um Sinn und Sinnhaftigkeit des Lebens Wesensmerkmal der menschlichen Existenz ist.

Schönberg hat einer Aufführung der ersten beiden Akte zugestimmt, selbst aber keine Aufführung von Moses und Aron mehr erleben können. Die szenische
Uraufführung fand 1957, sechs Jahre nach seinem Tod, in Zürich statt.

David Pountney, der zuletzt im Jahre 2000 Gounods Faust an der Bayerischen
Staatsoper inszenierte, wird Schönbergs Opus magnum in Szene setzen. John
Daszak
wird nach seinen Auftritten als Alwa in Lulu und Vere in Billy Budd nun als Aron zu sehen sein. Und John Tomlinson, uns vor allem als stimmgewaltiger Wotan, aber auch als finsterer John Claggart in Billy Budd in Erinnerung, wird die Rolle des Moses verkörpern, dem Schönberg in deutlicher Unterscheidung von seinem singenden Komplementär Aron einen differenzierten Sprechgesang abverlangt. Der dritte Protagonist dieses Stückes ist das Volk. In der musikalischen Einstudierung von Andrés Máspero wird der Chor der Bayerischen Staatsoper die gewaltige Herausforderung annehmen.

Zubin Mehta ist der ideale musikalische Sachverwalter dieser Produktion. Er hat in Wien unter Hans Swarowsky studiert, der noch selbst bei Schönberg studiert hatte. Eine geschlossenere Traditionslinie zur zweiten Wiener Schule ist kaum vorstellbar. Dass Schönbergs Oper Moses und Aron meine und seine Amtszeit an der Bayerischen Staatsoper beschließen wird, ist auch unsererseits ein „Adieu“ an diese Institution und ein Bekenntnis zur Kunstgattung Oper; damit reflektieren wir die 350-jährige Geschichte der Oper in München, 350 Jahre Oper als Ausdruck unserer Gedanken, über die Gesellschaft und über 350 Jahre einer Kunstform, die für uns ebenso wichtig ist wie die Luft, die wir atmen.

Sir Peter Jonas
Staatsintendant
März 2005