Die Tragödie des Teufels - Weitere Infos

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Die Tragödie des Teufels
Peter Eötvös (Musik), Albert Ostermaier (Text)


 

Wo Gesang ist, ist auch Leben

Ein Gespräch mit Albert Ostermaier über gestürzte Engel, Herztonhörer und das größte Geschenk seines Lebens.

Die Tragödie des Teufels klingt nach großem Weltendrama. Tatsächlich heißt das erste Bild „Prolog im Himmel“, die Hauptfiguren sind Adam und Eva, Lucifer und Lucy. Haben Sie einen neuen Faust für die Oper geschrieben?

Albert Ostermaier: Das wäre dann doch ein zu großes Faustpfand, wenn ich das behaupten wurde. Auch wenn es mit dem Teufel zugeht, die Tragödie und das Lachen im Fallen der Engel zielen auf uns. Und natürlich hoffe ich, dass das Drama Welt hat, wenn es von dem Verlust einer Welt erzählt, wie wir sie kennen und immer mehr unkenntlich machen. Und eine bessere Erzählstimme für diese Apokalypse und Teufelsdämmerung als die Oper kann man sich nicht wünschen. Es ist wie mit dem Wasser: wo Gesang ist, ist auch Leben.

Als Inspirationsquelle stand am Anfang Imre Madáchs Drama Die Tragödie des Menschen, das in Ungarn den Stellenwert des Faust bei uns hat. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Vorlage?

Den wunderbaren und subtilen Hinweis auf Madachs Stück verdanke ich Nikolaus Bachler. Ich kannte Die Tragödie des Menschen vom Namen, von der Geschichte, aber mehr aus der Erzählung und einem szenischen Versuch als der Lektüre. Aber mich haben schon immer diese radikalen, kompromisslosen, unverschämten Welt- und Höllenerklärungsstücke fasziniert, wenn etwa Dante sich Vergil an die Seite schreibt und die Strafmasse in der Hölle festsetzt und die Geschichte mit seinen Geschichten zu seiner macht. Madachs Stück ist ein eigener Kosmos und ein Genrekaleidoskop, es ist ein Science-Fiction, ein Römerdrama, eine Revolutionsfarce. Mit allen Mitteln und Perspektivwechseln versucht er, das zu greifen, was uns so unbegreifbar bleibt und immer wieder wie Sisyphos den Stein rollen lasst, der uns dann überrollen wird.

In Ihrem Stück schickt Lucifer Adam und Eva auf eine Reise durch verschiedene Welten zwischen Realität, Virtualität und Science-Fiction. Worin besteht die Tragödie des Teufels?

Das schon jetzt zu verraten, wäre zu viel verraten. Es hat unter anderem damit zu tun, dass es nicht nur einen Teufel, sondern auch eine Teufelin gibt, dass das Böse nicht mehr vertikal, sondern horizontal und letztlich nicht mehr einfach identifizierbar und personalisierbar ist. Der Teufel kommt nicht mehr auf den Pudel, sondern auf ein Rudel Bluthunde.

Aus der Operngeschichte kennen wir heftige Diskussionen zwischen Komponist und Librettist, zum Beispiel bei Giuseppe Verdi oder Richard Strauss. Den Librettisten als Beruf wie im 19. Jahrhundert gibt es heute nicht mehr. Sie sind ein erfolgreicher Autor, dessen Stücke häufig im Schauspiel zu sehen sind. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen Peter Eötvös und Ihnen?

Peter Eötvös begegnet zu sein, ist eines der größten Geschenke meines Lebens als Autor – ein derart seismographischer Leser und Herztonhörer, eine solche feinfühlige Bestimmtheit, eine solche Professionalität im Grenzüberschreiten, eine so poetische Präzision und präzise Poesie, alles so scharf gedacht, sinnlich, politisch. Und neben all dem, was ich durch ihn gelernt habe über Musik und Komposition, ist er ein wundervoller Mensch mit einem traumhaften Tiefenschärfenhumor. Die Arbeit war so intensiv wie lustvoll, so ernst in der Suche wie heiter im Finden. Er ist jemand, der will, dass man auf Augenhöhe miteinander arbeitet, und kennt keine Eitelkeit, obwohl er allen Grund dazu haben dürfte. Kurzum: ich bin unendlich dankbar für diese Arbeit und vor allem auch für die Freundschaft, die aus ihr entstand.

Ihre Sprache trägt in sich eine große Musikalität durch eine offene Versstruktur, verspielte Rhythmen, Wiederholungen und Variationen. Hat sich Ihr Stil verändert durch das Bewusstsein, den Text für eine Oper zu schreiben?

Peter Eötvös war mein Bewusstsein, für die Oper zu schreiben, und seine Stimme wurde zu einem unbewussten Singen in meinem Kopf. Sonst sehe ich Filme beim Schreiben, nun hörte ich. Mein Stil hat sich verändert, wo wir ihn änderten. Es war nie ein einsames Schreiben, sondern wir waren in einem permanenten Austausch, und so hat sich eine Atmosphäre aus Vertrauen und Inspiration geschaffen, die mir alle Freiheit gab, die nötig war in den Grenzen, um sie gemeinsam hinter uns zu lassen.

Das Gespräch führte Olaf A. Schmitt