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Benjamin Britten: Billy Budd Benjamin Britten: Billy Budd
Billy Budd
Benjamin Britten
E. M. Forster und Eric Crozier nach der Erzählung von Herman Melville

Uraufführung am 1. Dezember 1951, Covent Garden, London

 

Das Festival of Britain im Jahre 1951 galt als die erste Gelegenheit der britischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg zur öffentlichen Zurschaustellung ihres ehrgeizigen Bestrebens, einem kriegsverheerten Europa zu demonstrieren, dass Regeneration, Initiative und Wiederaufbau auch ohne Kompromisse gegenüber dem kollektiven sozialen Gewissen in die Hand genommen werden konnten. Das erst kurz zuvor formierte "Arts Council of Great Britain" (eine von der Regierung bestellte Körperschaft zur Weiterleitung von Subventionen an die künstlerischen Institutionen ohne direkte Einmischungsmöglichkeit für Politiker) beauftragte Benjamin Britten mit der Komposition einer abendfüllenden Oper für dieses Festival, die von der jüngst gegründeten Covent Garden Opera Company im Royal Opera House aufgeführt werden sollte. Die Premiere von Billy Budd fand am 1.
Dezember 1951 statt.

Schon vor diesem Kompositionsauftrag hatte Britten Herman Melvilles gleichnamige Erzählung als mögliche Opernvorlage in Betracht gezogen. Die von ihm selbst dirigierte Uraufführung der originalen vieraktigen Fassung wurde jedoch keineswegs der allgemein vorausgesagte Erfolg. Britten war von jeher überempfindlich gegenüber Zeitungskritiken, und die vernichtenden Kommentare über Teile des Librettos und deren musikalische Umsetzung in der Sonntagszeitung The Observer veranlassten ihn zu einer Überarbeitung von Billy Budd. 1960 erstellte der Komponist eine revidierte zweiaktige Version, in der besonders die Kürzung einer von der Kritik besonders attackierten Szene auffällt: des von der Schiffsbesatzung herzlich – ja fast überherzlich bejubelten Auftritts des Captain Vere vor seiner Mannschaft angesichts der Konfrontation mit dem Feind. Die Meinungen der Kritiker schwenkten um 180 Grad herum, und selbst der Observer ruderte zurück. Die zweite Premiere am 9. Januar 1964 wurde ein glänzender Erfolg und öffnete Billy Budd weltweit den Weg in das Opernrepertoire, auch wenn das Werk international nie ganz an die Popularität von Peter Grimes heran kam.

Dennoch zählt Billy Budd ohne Frage zu den zugänglichsten Opern Brittens, nicht zuletzt aufgrund ihrer bestrickend direkten musikalischen Sprache, ihrer fesselnden Handlung und ihrer Neigung zur Tradition der Grand Opéra – es gibt große Ensembleszenen für die gesamte Besetzung, durchschlagende Orchestereffekte, bewegende Chöre, ungehemmte Gefühlsausbrüche der beiden
Hauptfiguren und insgesamt eine reiche musikalische Struktur. Dazu kommen
noch die faszinierende dramatische Darstellung der sozialen Probleme in der
britischen Marine des 18. Jahrhunderts sowie die Art, in der das Thema Homosexualität (immerhin in Großbritannien damals noch eine Straftat!) hier auf der Opernbühne behandelt wurde: sowohl verdeckt als auch offen, sowohl in Form von Heldenverehrung als auch von sadistischer Misshandlung Untergebener. Am Anfang und am Ende des Dramas stehen Szenen, in denen sich der alt gewordene Captain Vere zurückerinnert an die Zeit der Napoleonischen Kriege 1797, als er als Kapitän an Bord des königlichen Schiffs „Indomitable” durch feindliche Gewässer segelte. In seinem Epilog legt Vere das erschütternde Geständnis ab, dass er damals Billy durchaus hätte retten können, und ohne zu erklären, warum er es nicht getan hat, enthüllt er uns, dass Billy, durch seine Hinrichtung nach dem Kriegsgesetz, ihn gerettet hat.

Die musikalischen Gedanken in Billy Budd sind, verglichen mit The Rape of Lucretia oder The Turn of the Screw, relativ einfach, doch entwickeln sie sich durch die Handlung und durch Brittens Orchestrierungskünste zu immer größerem Reichtum und machen so das Werk zu einer spannenden Tour de Force, an deren Ende das Publikum sehnlichst nach Gerechtigkeit für den jungen Billy verlangt und zugleich gefühlvoll an Captain Veres privatem und öffentlichem moralischen Dilemma Anteil nimmt.

Als Intendant der Bayerischen Staatsoper habe ich für die erste Neuproduktion von Billy Budd im Nationaltheater bewusst einen Regisseur gewählt, der nicht Teil der diesem Werk so nahe stehenden britischen Tradition ist: Peter Mussbach. Im Bühnenbild von Erich Wonder singen Nathan Gunn in der Titelpartie, John Daszak als Captain Edward Fairfax Vere und John Tomlinson als der Schiffsprofos John Claggart. Wir spielen die vieraktige Version, die nunmehr endlich als die den Intentionen des Komponisten näher stehende Fassung anerkannt worden ist. Die Premiere am 15. Januar 2005 dirigiert der designierte Bayerische Generalmusikdirektor Kent Nagano.

Sir Peter Jonas
Staatsintendant
März 2004