Pique Dame - Further information

Katarina Dalayman, Robert Dean Smith Pique Dame
Pique Dame
Peter I. Tschaikowsky
Modest Tschaikowsky based on the novel of Alexander Puschkin

World Première on 19th December 1890 at the Mariinsky Theater, St. Petersburg

 

"Was ist das Leben? Ein Spiel! Ob gut oder böse: alles Phantasien!" Diese lakonische Erkenntnis, die Tschaikowskys Hauptfigur Hermann im letzten Bild von Pique Dame ausgibt, fängt als ein beinahe surrealistisches Motto die Stimmung des ganzen Werkes ein. Peter I. Tschaikowskys letzte Oper, 1890 am St. Petersburger Marinskij-Theater uraufgeführt, setzt die triebhaften Obsessionen der Protagonisten geradezu physisch spürbar um in Musik, zeichnet den Schrecken und die Tragik der Ereignisse in seltener Plastizität. Als Vorlage diente Alexander Puschkins gleichnamige Meisternovelle, die von Tschaikowskys Bruder Modest zu einem Libretto mit theaterwirksam pointiertem Ende geformt wurde.

Hermann wird von zwei Leidenschaften beherrscht: Er liebt Lisa, die bereits dem Fürsten Jelezkij versprochen ist, und er ist ein passionierter Spieler. Lisa lebt bei ihrer Großmutter, einer geheimnisumwitterten Gräfin, die in ihrer Jugend ganz Paris als "russische Venus" verzauberte und das Geheimnis dreier Karten kennt, mit denen man immer gewinnt. Lisa erwidert Hermanns Liebe und verschafft ihm Zutritt zum Haus. Als er nachts in das Zimmer der alten Gräfin eindringt, um deren Geheimnis an sich zu bringen, stirbt diese vor Schreck. Erst im Traum verrät ihr Geist später Hermann die Karten. Doch das tragische Schicksal nimmt seinen Lauf. Entsetzt und verzweifelt über Hermanns zügellosen Spieltrieb begeht Lisa Selbstmord, und als Hermann im Spiel nach einer unerhörten Glückssträhne schließlich die letzte Karte aufdeckt, grinst ihm statt des erwarteten As die Pique Dame mit den Zügen der alten Gräfin entgegen.

Tschaikowsky komponierte diese überreizte und beklemmende Handlung in Florenz Anfang des Jahres 1890 auf dem Höhepunkt seiner Karriere innerhalb von 44 Tagen - ein ungeheuerliches Tempo, das in der höchst expressiven Partitur seinen Niederschlag fand. Zugleich beschwört Pique Dame besonders in den Szenen der Gräfin den Atem einer düster-nostalgischen Vergangenheit. Diese Paraderolle zahlreicher großer Sängerdarstellerinnen verkörpert nicht nur eine untergegangene Welt feudalen Glanzes. Als Mittlerin des Unbewußten, Übersinnlichen zieht sie schließlich Hermann selbst ins Verderben. Wie Modest berichtet, war Tschaikowsky bei der Arbeit am zentralen vierten Bild der Oper, der großen Soloszene der Gräfin und ihrer nächtlichen Begegnung mit Hermann, von bis dahin ganz unbekannter "Furcht und Erschütterung" ergriffen.

In unmittelbarer Nachbarschaft seiner beiden letzten Symphonien entstanden, wird Tschaikowskys Pique Dame immer wieder von einer bedrohlichen - allerdings anders als bei Verdi nicht göttlich sanktionierten - Macht des Schicksals durchdrungen. Das hemmungslose Ausleben der eigenen Bedürfnisse, wie es sowohl Hermann als auch die alte Gräfin in ihrer Jugend propagieren, ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Vielleicht war auch dies ein verlockender und zugleich abstoßender Gedanke für den hochsensiblen Komponisten, der sich in seinem Wunsch nach künstlerischer Anerkennung und Akzeptanz nie gehen ließ, sondern höchst bemüht war, ganz den gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit Rechnung zu tragen. Die spannungsvolle, innere Zerrissenheit seiner Opernfiguren ist nicht zuletzt von ihm selbst in seinen Tagebüchern in direkten Bezug zu seiner Biografie gesetzt worden.

Regisseur David Alden und Bühnenbildner Paul Steinberg setzen nach ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit in L’incoronazione di Poppea und Rinaldo Tschaikowskys dramatisches Werk in Szene. Neben Robert Dean Smith als Hermann sind Katarina Dalayman als Lisa und Elena Zaremba als Polina zu hören. Für die Partie der Gräfin konnte die große belgische Mezzosopranistin Rita Gorr gewonnen werden. Die musikalische Leitung hat Jun Märkl; Premiere ist am 21. Mai 2001.

Sir Peter Jonas
März 2000