Orlando - Weitere Infos

Georg Friedrich Händel: Orlando. David Daniels Orlando: David Daniels Georg Friedrich Händel: Orlando. David Daniels
Orlando
Georg Friedrich Händel
Unbekannter Librettist, basierend auf einem Text von Carlo Sigismondo Capece nach Ludovico Ariost

Uraufführung am 27. Januar 1733 im King's Theatre Haymarket, London

 

Nur etwa einen Monat brauchte Georg Friedrich Händel zu Beginn der Spielzeit 1732/1733, die am 4. November im Londoner King's Theatre eröffnet wurde, um seinen Orlando zu komponieren. Uraufgeführt wurde das Werk am 27. Januar 1733. Etwa fünf Jahre zuvor hatte Händel die britische Staatsbürgerschaft erhalten, er lebte komfortabel in seinem Londoner Haus, befand sich der allgemeinen Überzeugung nach ganz oben auf dem Totempfahl kulturellen Ruhmes
und auf dem Gipfel seines künstlerischen Könnens, und er war hoch angesehen bei der für ihre Kultiviertheit wohlbekannten Londoner Gesellschaft. Indes, ein Sturm braute sich zusammen. London, schon immer eine Stadt tödlicher Intrigen, konnte nicht zulassen, dass ein Komponist allein der Herr im Haus war, auch wenn sein Ensemble die King's Opera war. Händels Rivalen, die "Opera of the Nobility", waren im Kommen mit Porpora als festem Komponisten und mit dem großen und ungemein populären Farinelli als Starsänger. Sie lockten immer mehr von Händels altbewährten Zuschauern und Abonnenten zu sich.

So wurde Orlando Händels letzte Premiere am King's Theatre; die sechs danach geplanten Werke sollten anschließend im neuen, jedoch weit weniger prestigeträchtigen Covent Garden Theatre produziert werden. Orlando repräsentiert daher das Ende einer Ära. Zugleich jedoch stellt diese Oper einen Neubeginn dar, da sie sich musikalisch und dramatisch von den etablierten künstlerischen Traditionen abkehrt. Zum Beispiel gibt es in diesem Werk weniger Da-Capo-Arien, und die wenigen vorhandenen weichen oft von der strengen Form ab. Außerdem wird eine Neuheit eingeführt: eine ernsthafte Wahnsinnsszene, "Ah, stigie larve!", ein Vorläufer der großen Wahnsinnsszenen Donizettis in Lucia di Lammermoor oder Anna Bolena. Ausgiebiger Gebrauch von Magie und Beschäftigung mit Philosophie verkörpern sich in der Figur des Zoroastro, und man realisiert in diesem Werk eine wichtige Entwicklung der Art, in der Statisten eingesetzt werden, nämlich als Handlungsträger in Gestalt von Zoroastros Genien. Zudem markiert diese Oper den Beginn eines größeren Projekts: Das Libretto nach Capeces L'Orlando ovvero La gelosa pazzia basiert auf dem epischen Gedicht Orlando furioso von Ludovico Ariost, ebenso wie die beiden 1735 folgenden Opern Ariodante und Alcina, so dass Orlando zum ersten Teil einer Art Ariost-Trilogie des Komponisten wurde, die wir nun komplett in unserem Münchner Repertoire haben werden.

In Orlando erleben wir den Konflikt im Geist, in der Psyche und in den Gefühlen des Helden: Er steht vor der Entscheidung, entweder den Pfad des Ruhmes und Erfolges zu wählen oder den der selbstlosen Liebe – Themen, die für jeden von uns heute immer noch relevant sind. Die verschlungenen Wege zur Vereinigung von Liebe und Ehrgeiz verleihen der Dramaturgie von Orlando eine reiche Emotionsstruktur, die mit durchgehend schöner und zugänglicher Musik verwoben ist. Da die Handlung in einer Fantasiewelt spielt, die absolut keine Ansprüche auf historische Bezüge erhebt, appelliert sie mit ihrer geballten Konzentration auf die psychologische Situation der Figuren ganz besonders an unser heutiges Empfindungsvermögen.

Die Uraufführung von Orlando rief bei Kennern große Bewunderung hervor. Der vermögende Musiker und Landbesitzer Sir John Clerk schrieb: "Nie im Leben habe ich bessere Musik oder besser aufgeführte Musik gehört!" Doch die Intrigen gegen Händel hatten die Oberhand bekommen; das King's Theatre war bei der Premiere nicht voll besetzt. Nach der ersten Vorstellungsserie wurde das Werk von Händel niemals wieder aufgenommen und verblieb ungehört bis zur ersten Neuproduktion 1992 in Halle. In München wurde das Werk noch niemals aufgeführt.

Die Monteverdi-Cavalli-Händel-Serie hier an der Bayerischen Staatsoper hat die Fantasie des Münchner Publikums für sich eingenommen und in den vergangenen zwölf Jahren eine Wiederbelebung der Barockoper in Europa und den USA ausgelöst. Wir sind stolz, ja enthusiastisch darüber, Ihnen am 19. Mai 2006 im Nationaltheater die Münchner Erstaufführung von Orlando als unsere letzte barocke Wiederentdeckung während meiner Intendanz zu präsentieren. Ivor Bolton wird das Werk dirigieren, und David Alden wird es inszenieren. In der Titelpartie, die Händel für den großen Senesino geschrieben hat, erleben Sie David Daniels. Rosemary Joshua singt die Angelica, und Alastair Miles übernimmt die Partie des Zoroastro.

Sir Peter Jonas
Staatsintendant
März 2005