Don Carlo - Weitere Infos

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Don Carlo
Giuseppe Verdi
Joseph Méry und Camille du Locle

Uraufführung am 11. März 1867, Théâtre Impérial de L'Opéra in Paris

 

Verdis Don Carlo, eine der größten künstlerischen Herausforderungen in der Opernliteratur, steht im Zentrum der Eröffnungsfeierlichkeiten für die Münchner Opern-Festspiele 2000. Die erste Fassung dieser Oper – in fünf Akten, in französischer Sprache und mit dem Titel Don Carlos – schrieb Verdi 1867 für die Pariser Opéra. 1884 überarbeitete er das Werk für die Aufführung an der Mailänder Scala; die nunmehr vieraktige Version in italienischer Sprache hieß Don Carlo. Zur Eröffnung der ersten Münchner Opern-Festspiele des neuen Jahrhunderts präsentieren wir eine Fassung, die größtenteils auf Verdis späterer Revision der italienischen Version für Modena basiert: Dort war Don Carlo am 29. Dezember 1886 als nun wieder fünfaktige Oper erstmals aufgeführt worden.

Verdi hatte großen Respekt vor Shakespeare und Victor Hugo, vor allem aber verehrte er Schiller. Die Adaption von dessen ideologisch vielschichtigen Werken für Opernlibretti war jedoch ein heikler Vorgang. Erst in Don Carlo vermochte Verdi die politische und menschliche Welt des großen deutschen Dramatikers wirklich zu reflektieren, was ihm bei Luisa Miller und I masnadieri noch nicht ganz gelungen war.

Die Uraufführung in Paris warf viele Probleme auf. Die Proben wollten kein Ende nehmen. Die erste Version dauerte zeitlich lang und war von noch nie dagewesenen Ausmaßen. Außerdem hatte Verdi mit der Mittelmäßigkeit des ihm zur Verfügung stehenden Personals zu kämpfen. Dem Ensemble fehlte Spontaneität; die Bürokratie des Hauses verbreitete eine Atmosphäre, die jeden Enthusiasmus im Keim erstickte; und überhebliche Wichtigtuer intrigierten an allen Ecken, verbreiteten Kritik und Vorurteile, ohne das Werk überhaupt richtig zu kennen. Verdis Pariser Erfahrungen im Vorfeld der Don Carlos-Uraufführung bedeuteten eine Lektion für alle Opernhäuser über die Gefahren von Vorurteilen und Überbürokratisierung in der Kunst und gaben ihm – und uns heute auch – viele Denkanstöße, wie man ein Opernhaus leiten sollte, damit es eine Arena für blühende Kreativität werden kann.

Schillers Schauspiel Don Carlos, eine bewegende Schilderung des Konflikts zwischen Freiheitskampf und Dogmatismus, sprach Verdis innerste Überzeugungen an. In der Oper ist die Handlung durchdrungen von einer leidenschaftlichen, hohen Gesinnung, die sie für alle, die ihre Ausmaße und ihre Länge akzeptieren, zum inspirierendsten aller Werke Verdis werden läßt. Die Verwundbarkeit der Macht und die Möglichkeit der katastrophalen Zerstörung einer persönlichen Integrität und der Freiheit der Gesellschaft durch ungezügelten religiösen Fundamentalismus werden kraftvoll porträtiert, so daß die Welt dieser Oper – trotz ihrer Verwurzelung im Spanien Philipps II. 1560 – auch auf die Umwälzungen und inneren religiösen Spannungen in der heutigen Gesellschaft anzuwenden ist. In Don Carlo herrscht die Welt der Politik, individuell und öffentlich, geistlich und weltlich.

Aufgrund der Kontroversen und Streitigkeiten über die verschiedenen Fassungen von Don Carlos beziehungsweise Don Carlo dauerte es fast ein Jahrhundert, bis diese Oper als Verdis ehrgeizigstes Werk und als eine seiner größten Leistungen anerkannt wurde. Ihre mitreißenden Qualitäten konnten weder durch ihr strenges Formgerüst noch dadurch, daß sie dem Schema der Grand opéra folgt, herabgesetzt werden.

Sir Peter Jonas
März 1999