La Calisto - Weitere Infos

La Calisto: Danielle de Niese La Calisto: Luca Tittoto, Karina Gauvin, Nikolay Borchev, Statisterie La Calisto: Nikolay Borchev, Danielle de Niese
La Calisto
Francesco Cavalli
Giovanni Faustini

Uraufführung am 28. November 1651, Teatro St Apollinare, Venedig

 

Harry-Potter-Fans wissen es spätestens seit der Lektüre des fünften  Bandes der Erfolgsreihe von J. K. Rowling: Kallisto ist der zweitgrößte Mond des Jupiter. Und da die Trabanten, die diesen größten Planeten unseres Sonnensystems umkreisen, bevorzugt nach Lustobjekten des antiken Göttervaters benannt wurden – wie Ganymed, Europa, Io, Leda u.a. –, braucht man nicht einmal ein intimer Kenner der griechischen Mythologie zu sein, um (mit Recht) zu vermuten, dass es in Francesco Cavallis Oper La Calisto um eines der zahllosen Techtelmechtel Jupiters geht. In der Tat war Kallisto (ital. Calisto) die arkadische Lieblingsjagdgefährtin der Diana und hatte als solche ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Jupiter jedoch, um gute Einfälle nie verlegen, wenn ihm ein weibliches Wesen gefiel, nahm kurzerhand Dianas Gestalt an und verführte Kallisto. Das arme Mädchen wurde dafür gleich doppelt bestraft: Diana verstieß sie aus ihrer Schar, und Jupiters eifersüchtige Göttergattin Juno verwandelte sie zudem in eine Bärin. Ob ihre schließliche Versetzung als Sternbild des Großen Bären an den Himmel durch Jupiter ein Trost für Kallisto war, sei dahingestellt.

Francesco Cavalli war einer der ersten Meister der Oper und stand dennoch
bereits an einem Wendepunkt in der Geschichte dieser Kunstform. Noch gut zehn Jahre vor der Uraufführung von La Calisto (1651) war die Oper eine rein höfische Gattung gewesen; seit der Eröffnung des ersten öffentlichen Opernhauses in Venedig 1637 jedoch wandelten sich Gesicht und Form der Oper. An die Stelle der arkadischen Erhabenheit der ersten Opernsujets traten mehr und mehr Leidenschaft, Intrigen und Frivolität. Die alten Götter wurden in den Hintergrund gedrängt zugunsten komischer Diener- und Ammenfiguren, die zusammen mit den antiken Heroen für eine ausgewogene Mischung von ernsten und heiteren Szenen innerhalb eines Werkes sorgten. La Calisto vereint in sich alle Zeichen dieses Übergangs: Noch einmal stellt das mythische Arkadien den Ort der Handlung dar, noch einmal stehen neben gerade mal zwei Sterblichen (Calisto und Endimione) ausschließlich Götter und Naturgeister auf der Bühne. Doch Cavalli ist nicht umsonst ein Schüler Monteverdis gewesen, dessen beiden Spätwerke Il ritorno d'Ulisse in patria und L'incoronazione di Poppea bereits neue Möglichkeiten der noch jungen Kunstform ausgelotet hatten, darunter die mehr oder weniger offene Gesellschaftskritik. In La Calisto haben die Götter durch ihre unkontrollierten Leidenschaften ihre Vorbildfunktion für die Menschen verloren, während es gerade diese einfachen Menschen sind, die als einzige noch zu echten Gefühlen fähig sind. Auch musikalisch steht La Calisto sozusagen an der Schwelle von der höfischen zur volkstümlichen Gattung: Die expressiven Rezitative, die Cavalli noch von seinem Lehrmeister gelernt hat, sorgen in dieser Partitur zusammen mit den immer beliebter werdenden geschlossenen Formen, den Arien (die schon bald, durch einfache Rezitative miteinander verbunden, die musikalische Deklamation der frühen Opern verdrängen sollten), für eine vokale Vielfalt, die damals sicher ihresgleichen suchte.

354 Jahre nach ihrer Uraufführung in Venedig wird Cavallis La Calisto nunmehr im Barockrepertoire der Bayerischen Staatsoper eine wichtige Funktion übernehmen: als chronologisches und stilistisches Bindeglied zwischen den Werken von Monteverdi und Händel. Ivor Bolton dirigiert ein großartiges Sängerensemble mit Sally Matthews in der Titelpartie sowie Monica Bacelli (Diana), Veronique Gens (Giunone), Umberto Chiummo (Giove), Martin Gantner (Mercurio), Lawrence Zazzo (Endimione), Guy de Mey (Linfea), Dominique Visse (Satirino), Kobie van Rensburg (Pane) und Clive Bayley (Silvano). Die Premiere der Inszenierung von David Alden (Bühne: Paul Steinberg, Kostüme: Buki Shiff) im Nationaltheater ist am 9. Mai 2005.

Sir Peter Jonas
Staatsintendant
März 2004