Lucrezia Borgia - Pressestimmen
Lucrezia Borgia
Gaetano Donizetti
Felice Romani nach Victor Hugo
Premiere am 23. Februar 2009 im Nationaltheater
„Entsetzliches Geschehen!“, raunt noch der Chor am Ende dieser Scena ultima, dann senkt sich der Vorhang, und als er sich wieder hebt, steht Edita Gruberova sehr allein auf der Bühne, ohne angemalte Jugendlichkeit, und in Nationaltheater bricht für zwei Minuten der komplette Wahnsinn aus. (…)
Franco Vassallo zeichnet ihn [Fürst Alfonso] mit großer Lust und singt erstklassig. Der junge Slowake Pavol Breslik ist Gennaro, der Junge ohne Herkunft, ein Außenseiter in der testosterongesättigten und dauernd gewaltbereiten Welt der großen Jungs in kurzen Hosen. Breslik ist nicht nur tatsächlich ziemlich „bello“, seiner betörenden Tenorstimme gelingen, intelligent geführt, auch höchst anrührende Farben des Träumerischen, bald Tragischen. Er klang ebenso wenig indisponiert wie die ebenfalls als erkältet gemeldete, aber perfekt fokussierte Stimme von Alice Coote, die Gennaros Blutsbruder Orsini nicht als Kumpel, sondern eher als mephistophelischen Widerpart markant verkörpert. (…)
Wie hier in einem Doppelspiel mit dem Mythos Borgia und dem Mythos Gruberova Wahrheitsfindung unternommen wird, das gerät, eben weil es Donizettis Balcantokunst tödlich ernst nimmt, zu einem Triumph des Musiktheaters.
Holger Noltze, FAZ, 26.02.2009Den [Gennaro] singt der junge Tenor Pavol Breslik mit imponierender Risikofreude, heldisch zugespitztem Timbre und elegant belcantesker Stimmführung – besonders eindrucksvoll in der Sterbeszene mit dieser desolat einsamen Frau, die er als Mutter zu spät erkennt. Neben ihr, die im zweiten Akt der politischen Machtproben im eleganten Businessanzug erscheint, gibt es keine zweite Frauenrolle in dieser Oper, nur die Altstimme des Gennaro-Freundes Maffio Orsini, den die kämpferische Alice Coote in mitreißender Bravour gestaltet. (…) [M]it einem Regisseur wie Christof Loy erreicht die Gruberova mittlerweile eine Dichte der Menschendarstellung, deren Geheimnis in der Reduktion der Mittel besteht. Edita Gruberova spielt nicht nach vorn an die Rampe, sondern nach innen in die Seele der Figur.
Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung, 25.02.2009Auch diesmal hat Loy die Rolle und die Interpretin auf einzigartige Weise zusammengeführt, und Edita Gruberova setzt sich der in jeder Hinsicht schwierigen Partie rückhaltlos aus. Im Vertrauen auf ihre phänomenale Technik, die Strahlkraft ihrer Höhe, die Fülle ihrer Mittellage, ihren endlosen Atem, ihre raffinierten Koloraturen, ihre unnachahmlichen Crescendi aus einem gehauchten Pianissimo heraus kann sie selbst härtere, fahle Töne als Ausdrucksmittel in ihr vielschichtiges Rollenporträt integrieren (…). Mit seiner elaborierten Personenführung macht Loy auch die Gruppenszenen spannungsvoll lebendig – stark schon die Eröffnung mit den lässig gelangweilt herumstehenden jungen Venezianern, die bei den Hasstriaden gegen die Borgia ihre Männlichkeit demonstrieren, indem sie die Kniehosen zu voller Länge ausrollen, erst recht eindrücklich aber, wie Loy im Schlussakt allein aus den Körperhaltungen und Bewegungen der Festbesucher Todesstimmung verbreitet. (…) So wurde dieser bejubelte Belcanto-Abend zum Plädoyer für eine Operngattung, die, richtig verstanden, weit mehr bietet als melodiöse Musik und die durchaus nicht so historisch ist, wie es ihr respektables Alter vermuten lässt.
Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2009 Loy gelingt – wieder einmal – eine Aufführung von schier beängstigend genauer und kluger gestischer Intensität. Jeder auf der Bühne bis zum Chorsänger in hinterster Reihe weiß, wer er ist, was seine Figur bedeutet und was folglich zu tun ist. Ergebnis ist eine Spannung, die von jedem Mitwirkenden getragen wird in einer Oper, die ohnehin mehr als alle anderen Donizettis das Ensemble um die Heldin emanzipiert. (…) Da die Partie wenig Zierrat bietet, sucht sich die Gruberova eben ihre Glanz-Momente: zart gewirkter Pianissimi, wie ansatzlos entstehende Töne, aber auch Intervallkaskaden und breit angesetzte Triller, die aber stets eine dramatische Funktion erfüllen, nie Egomanie sind. (…) Jubel auch für Alice Coote, deren herber, androgyner Mezzo so gut zur Idealverkörperung des Orsini passt. (…) Jede Nebenrolle, auch das ist ein Merkmal der Ära Bachler, wartet mit einem starken Rollenvertreter auf. (…)
Ein Abend, der beim wiederholten Hinsehen noch viel von seinen intelligenten Details und Bezügen offenbaren dürfte. Und der mit überlegener Regie-Qualität vorführt, was auf der Opernbühne möglich ist – nur leider so selten passiert.
Markus Thiel, Münchner Merkur, 25.02.2009 Wie es Michelangelo machte, nämlich so viel von der bloßen Materie wegzuschlagen, bis der David dastand, geht [Christof Loy]einer Partitur und einer Geschichte behutsam und energisch auf den Grund, bis ganz pur und klar der Mensch in seinem Widerspruch herausgeschält ist. Das nützt der Musik. In dieser Soßen- und Beilagen-freien Inszenierung der
Lucrezia Borgia nimmt man jeden Ton, jede Farbschattierung von Donizettis Musik wahr, als habe er sie auf Loy zugeschrieben. Natürlich ist es umgekehrt: Loy hat in sie hineingehört und sie durch die Art, wie er sein Ensemble führt, triumphal ins Recht gesetzt. (…) So witzig wie beklemmend geführt ist die Gesellschaft junger Männer (Bravo dem Chor) mit Gennaros Freund Orsini im Mittelpunkt (der würzige Velvet-Mezzo Alice Coote). Überall muss man Spitzel vermuten. Hier amüsiert und beobachtet sich eine Gesellschaft in unsicheren Zeiten, sehr viel näher an der Realität von 2009 als drei „Echo“-Verleihungen.
Beate Kayser, tz, 25.02.2009