Da nun unternahm Nel etwas Glänzendes und Originelles. Er führte nämlich den Triumphmarsch als albtraumhafte Situation der Aida vor, die zu den geschlagenen Äthiopiern gehört – aber den Sieger Radamès liebt.
Während des größten Tableaus, das Verdi je komponiert hat, (zwei Orchester, vier Chöre, Solisten und Ballett sind mit von der Partie) rast also die junge Frau verzweifelt vor den begeistert Feiernden herum. Leidend unter Jubelklängen. Darauf Nels allerungewöhnlichster Einfall: Ertönen die grellen, von Verdi eigens für diesen Marsch aufgehobenen (Aida)-Trompeten, dann hält sich Aida gequält die Ohren zu! Alles ist logisch rational verständlich.
Joachim Kaiser, Süddeutsche Zeitung, 10. Juni 2009
Auf dem Heimweg bleibt jedoch eines in Erinnerung: das anrührende Schlussbild(…). Aida hat zu Radames, der lebendig in der Gruft des Tempels eingeschlossen ist, geschlichen, um gemeinsam mit ihm zu sterben. Nie wurden Enge und Einsamkeit weiter dargestellt als auf der offenen Bühne des Nationaltheaters. Nie wurde Dunkelheit schwärzer ausgedrückt als durch die düster gekleideten Tempelwächter, die das Paar umrahmen und zeigen: Der Kreis schuldiger Mitmenschen ist die unbezwingbarste Mauer, die es gibt. Das war der Triumph der Aufführung.
Lisa Sonnabend, www.sueddeutsche.de, 9. Juni 2009
Der Klang ist wie gewohnt klar und präzise, gut abgestimmt auf die Solisten um den ägyptischen Heeresführer Radames und die nubische Prinzessin Aida. Das Bühnenbild (Jens Kilian) zeigt ein modernes Festungsgebäude im Bauhaus-Stil, indem sich auf einer Drehbühne immer neue Räume öffnen. Die Kostüme (Ilse Welter-Fuchs), weiß-schwarz gehalten, unterstreichen den ästhetisierenden Ansatz von Nel, der auf ägyptospezifische Accessoires wie Pyramiden oder Palmen verzichtet. Die für Verdi typischen Chor-Massenszenen sind in ihrer oft sakralen Ausrichtung beeindruckend. In der Inszenierung von Christof Nel präsentiert sich eine durchaus moderne, der Ästhetik verpflichtete Aida-Interpretation. Das zeigt eindrucksvoll das Schlussbild: Die Bühne ist leer, der Chor steh im Halbkreis um das sterbende Paar Aida/Radames“ in einem Lichtgefängnis. Radames hält die blutverschmierte Aida im Schoß - das berühmte Pieta-Motiv. „Lebwohl, o Erde! Leb wohl, Tal der Tränen“.
dpa, 9. Juni 2009
Dass Verdis Aida trotz des Triumph-Aktes ein Kammerspiel ist und kein pompöses Opernspektakel, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dirigent Daniele Gatti hielt sich daran – selten wurde die zarte Innigkeit der Musik so empfindsam nachempfunden. Schon im Vorspiel riskierte er zusammen mit dem sensibel reagierende Staatsorchester zarteste Stille, ohne die erforderlichen Akzente zu vernachlässigen. Wo er konnte, half der italienische Maestro seinen Akteuren auf der Bühne. Die mächtigen Ensemble-Steigerungen gelangen imponierend (…).
Volker Boser, Abendzeitung, 10. Juni 2009