Die Entführung aus dem Serail - Pressestimmen
Die Entführung aus dem Serail
Wolfgang Amadeus Mozart
Johann Gottlieb Stephanie d.J.
Premiere am 15. Januar 2003 im Nationaltheater
... so reizvoll exotisch und auch herausfordernd fremd beginnt ein scheinbar altbekanntes Werk: eine schwarz gewandete Scheherazade kommt auf die dunkle, leere Bühne und erzählt "eine alte Geschichte, die sich vor 300 Jahren ereignet haben könnte..." in reizvollem Tonfall. Die junge Deutsch-Türkin Fatma Genç trägt zwar den klassischen Konak, der zunächst nur die Augen freigibt, doch sie erinnert dann auch an heutige Fotos: denn sie setzt sich vorne links auch in eine Art Internet-Cafe und lässt von einer Freundin auf eine bühnengroße "Screen" im Hintergrund schreiben und malen - mal Textteile aus dem Koran, mal den Plan des Topkapi-Palastes mit seinen vier Höfen und Fluchtlinien aus dem bewachten Serail, mal islamische Dekorationsmuster. Passend reizvoll ist die Idee von Regisseur Martin Duncan und seinem Ausstatter Ultz, die ganze Handlung auf sechs grell regenbogen-farbige, auf gleichsam unsichtbaren fliegenden Teppichen quer durch Bühnenraum schwebende Diwans zu verlegen: herein- und hinausfahrend begegnen sich so Westen und Osten - und Goethes Diwan-Dichtung grüßt von ferne...
... Mit dem 27jährigen Daniel Harding dirigierte ein Feuerkopf, der keine Mozartkugel-Partitur zur Unterhaltung der Gelangweilten formte, sondern: furiose Gefühle, leise leidvolle Abgründe, dann wieder glutvolle Liebesemphase - der Eindruck des Abends. Doch am Ende zeigte die Konzeptionsidee deutlich ihre Grenzen: Gerade in unserer Terror- und womöglich Vorkriegszeit ragt doch die abschließende Verzeihens-Botschaft der großen Seele Bassa Selims wie ein Mahnmal auf. Doch durch Scheherazades Erzählung blieb Bassa eine stumme Rolle - damit wirkte am Ende die zentrale Botschaft nicht dramaturgisch entwickelt, sondern unmotiviert aufgesetzt und blieb damit letztlich blass: "Nichts ist so hässlich wie die Rache"...
Wolf-Dieter Peter, Deutsche Welle "Klassik und mehr"
... "Türkenoper" war im 18. Jahrhundert ein reizvolles Klischee - Mode, Staffage von Sehnsucht nach Fremdem. Kaum ist anzunehmen, dass der junge Mozart mit seinem "Deutschen Singspiel" um die Entführung und Befreiung zweier Europäerinnen im Orient, auf Darstellung der islamischen Welt abzielte. Martin Duncan und sein Ko-Regisseur und Bühnenausstatter Ultz wollten dennoch (inmitten einer weltpolitischen Verwerfung!) dieser Versuchung nicht widerstehen. Zeigen - etwa mit einer auf die Bühne projizierten Architekturskizze des Bassa-Palastes, mit Blick in eine sanfte Frauenkultur des Harems, mit Koran-Zitaten und blutig verstümmelten Eunuchen als Haremswärtern - , dass man der Mozart- Oper heute die orientalisierenden Reize einer Anmutung von Ferne, Lust, Gefahr als Spiel andichten kann.
Es kommen im Laufe der Aufführung, die charmant mit Anspielungen des Exotischen beginnt, aber doch Zweifel an der Triftigkeit dieser Sicht auf, und sie verstärken sich noch. Duncan und Ultz suchen, was kaum verwerflich ist, unbedingt den anderen Blick auf die "Entführung" als den mitteleuropäisch tradierten. Und so bedienen sie sich für die Handlungsführung eines epischen Kunstgriffs: der in den Tschador gehüllten Erzählerin, einer muslimischen Fremdenführerin (Fatma Genc mit würdevoller Leichtigkeit), deren eingestreute, mal ernste, mal augenzwinkernde Zwischentexte alle gesprochenen Dialoge des Singspiels ersetzen müssen. Eingeführt wird man von ihr zudem in Elemente der Kultur und Religion ihres Landes, der Türkei. Ohne Zweifel eine schöne Art und Weise, Völkerverständigung auf der Bühne zu betreiben, da weltweit die Kulturen
zusammenstoßen. Nur wird dabei der Charakter der Oper, nicht ohne zeitweilige Anmut, grundlegend verändert. ...
...wo der junge Dirigent Daniel Harding musikalisch mit größter Intensität gegensteuert. Etwa wenn er bei der "Martern"-Arie das "Ad libitum" in der Partitur, wo Mozart die Gemütsbewegung der Konstanze lokalisiert, deutlich rallentando ausformt. Harding, zu Unrecht angebuht, bietet Können und Enthusiasmus auf, Mozarts Ungestüm hörbar zu machen. Im Orchester gibt es Hammerklavier, alte Trompeten und Pauken, der Klang ist kontrastreich-hell. Mit
Ganzkörpereinsatz steigt Harding fulminant durch die Partitur, bringt das
Staatsorchester in Dauerschwung. ...
Süddeutsche Zeitung, Wolfgang Schreiber, 17.1.2003