Falstaff - Pressestimmen

Giuseppe Verdi: Falstaff. Ambrogio Maestri Giuseppe Verdi: Falstaff. Anthony Mee, Simon Keenlyside, Anatoli Kotscherga Giuseppe Verdi: Falstaff. Anja Harteros, Marjana Lipovsek, Chen Reiss, Ann-Katrin Naidu
Falstaff
Giuseppe Verdi
Arrigo Boito

Premiere am 17. Januar 2001 im Nationaltheater

 

Statt bedeutungsschwerer Weltparabel gibt es hier eine hintersinnige Komödie zum Schmunzeln, die mit leichter Hand Shakespeares deftigen Hohn und Spott über eine Gesellschaft, in der die Betrüger zugleich die Betrogenen sind und umgekehrt, mit Verdis altersweisem Humor in Einklang zu bringen versteht.
Doch dieses Windsor kennt weder Fachwerk noch Butzenscheiben und erst recht nicht falsche Romantik. Ein Rundhorizont aus Tüchern, die schräg gestellte und drehbare Kochscheibe sowie eine transparente Brecht-Gardine – das ist alles, was sich Gramss von Gottfried Pilz als Szenerie hat auf die Bühne des Nationaltheaters stellen lassen. Windsor ist also überall – und das Vereinigte Königreich dennoch in Form großflächiger Schottenkaros und Schottenröcken (vielleicht ein wenig zu penetrant) allgegenwärtig.
Am Ende ist für Gramss diese Welt denn auch nicht ein allgemeines Irrenhaus (was alles erklären und vieles entschuldigen würde), sondern die Heimstatt ganz normal sich betrügender, hintergehender, austricksender Menschen – Überlebenskünstler sie alle. Ein Rundumvergnügen.
An dem natürlich die Bayerische Staatskapelle und Zubin Mehta auch ihren enormen Anteil haben. Musik und Szene sind eine Einheit. Denn die musikalische Wiedergabe verlängert das optische Vergnügen ins Intellektuell-Sinnliche. Mehta läßt die Musik funkeln, poltern und feixen, dann wieder rumort es abgründig in den Bässen, schäumt im quirligen Wechsel der exquisiten Holzbläser die Erregung hoch. Aber Mehta spürt auch den Lyrismen der Partitur sensibel nach, läßt Kantilenen und Melodien aufblühen, schafft farbensatte Stimmungen. Die Solisten fühlen sich hörbar wohl und gut aufgehoben, denn trotz kraftvoller Zeichnung bleibt das Klangbild transparent. Eine Verdi-Wiedergabe vom Feinsten.
Dieter Kölmel, Stuttgarter Nachrichten, 19.01.01

Es ist die Verbindung von präziser Rhythmik und federndem Brio, von Verdi-Kenntnis und Verdi-Enthusiasmus, die der Aufführung unter dem mit seinem Temperament nicht geizenden, doch auch klug haushaltenden Zubin Mehta die Prägung gibt. Die Turbulenzen der Partitur dürfen dem realen Leben nachlauschen. Und Mehta läßt seine Musiker im Orchestergraben, auch die Sänger, bei allem Tempo und allem Drive doch atmen, die Streicher können in den knappen lyrischen Aufschwüngen, etwa der kürzelhaften Liebesseligkeit von Nanetta und Fenton, noch immer genügend Glanz zum Leuchten geben, den Holzbläsern des Staatsorchesters gelingt die Farbbeimischung von trockenem Witz. Kontraste werden ausgemessen: Hier die huschend eleganten Passagen wie von der Hand Scarlattis, da die kurz und rabiat polternden Aktschlüsse.
Alles wird von der Musik in Gang gesetzt und gehalten, sie ist der Motor aller tönenden Kapriolen. Wenn sich die Bühne von Gottfried Pilz öffnet, dann scheint es, daß er und Regisseur Eike Gramss etwas der monumentalen Verdischen Altersweisheit Entsprechendes, etwas Umfassendes, Welthaltiges vermitteln wollen – als Rahmen, Abbild und Zusammenfassung des Universums der Heiterkeit.
Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung, 19.01.01

Vielleicht ist das der schönste Moment dieser oft sehr komödiantischen, kostümbunten, manchmal kargen, manchmal prall vervielfachenden Inszenierung: Wenn am Ende die Portale zur Seite und nach oben schweben, sich die alles beherrschende hölzerne Wagner/Shakespeare-Scheibe nach hinten dreht, Verdis geniales Vexierspiel mit der italienischen Oper in den Weltraum abdriftet und nur noch die Kerzen der Licht-Königinnen auf der Erde und die Sterne am Bühnenhimmel leuchten. Oder waren's doch bloß Lampions?
Klaus Kalchschmid, Opernwelt, 03/01

Das Sängerensemble präsentierte prächtige Typen wie das Dienerpaar Bardolfo und Pistola von (dem nahezu zwergwüchsigen gedrungenen) Anthony Mee und Anatoli Kotscherga. Falstaffs erotische Wunschobjekte Alice und Meg waren nicht miteinander zu verwechseln: diese (Patricia Risley) langbeinig im Schotten-Minirock und mit zielgenau dunkel sonorer Stimme, jene (Adrianne Pieczonka) mit etwas mehr Stoff und einer großen, schmiegsamen, wunderbar eloquenten Soprandiktion. Auch das jugendliche Paar war aufs ansprechendste verkörpert (Elisabeth Futral, Rainer Trost).
Und die verschmitzte Botengängerin Mrs. Quickley (keine geringere als Marjana Lipovsek) rückte dem Ritter mit Pelzjäckchen auf die Pelle. Als fashionabler torerohafter Highlander brillierte der eifersüchtige Mr. Ford von Lucio Gallo körpersprachlich ebenso sicher wie mit seinem mächtigen, kultiviert geführten Organ. Gerade mit den Kostümen markierte Pilz treffsicher humoristisch.
Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau, 19.01.01

Diesmal aber könnte die Neuinszenierung der Münchner Verdi-Festwoche größere Breitenwirkung entfalten – und das mehrfache Gelächter signalisiert dies: zum einen verbreitern die Übertitel das Verständnis des ungemein witzigen Textes – und die Inszenierung durch das Bühnenteam Eike Gramss (Regie) und Gottfried Pilz (Ausstattung) trägt mit ihrer luziden Klarheit deutlich dazu bei.
Da hängt ein dünner, verwaschen grauer Leinenvorhang vor der Szene – und deren Zentrum ist eine blanke, kreisrunde, gekippte Holzdrehscheibe: anfangs ein überdimensionaler Wirtshaustisch für ein überdimensioniertes Saufgelage; dann ein Wäscheplatz, wo sich alles buchstäblich um die Liebe dreht und hinter Tüchern versteckt; eine moralische Schräge für Männer- und Frauen-Intrigen; ein Marktplatz für die Verabredung von Plänen; schließlich ist die Scheibe ein vom durchsichtigen Vorhang und einer romantisch blau gestimmten Lichtregie zunächst verzauberter Ort des Stelldicheins, dann entlarvender Richtplatz für den "Sünder Falstaff" und klärt sich zuletzt zur Tanzfläche eines städtischen Maskenballs. Gekonnt sind das arme Theater der Shakespeare-Zeit und Brechts "Glotzt nicht so romantisch!" verzahnt. Die sich zusätzlich drehende Scheibe beschleunigt den Komödienwirbel. Auch die quirlige, pointierte Personenregie verlangt den Sängerdarstellern einiges ab. Die grell-bunte, ironisch schräge Mischung aus schottischen und englischen Kostümteilen mit heutigem Szene- und Jeans-Look nahm die Englischlastigkeit der Direktion auf die Schippe und brach nochmals alle mögliche Vorgestrigkeit.
Wolf-Dieter Peter, Sendemanuskript für NDR Radio 3 und OR Berlin-Brandenburg, 18.01.01