Otello - Pressestimmen
Otello
Giuseppe Verdi
Arrigo Boito
Premiere am 1. Juli 1999 im Nationaltheater
Es sind die lebenden Bilder der Grand Opera des 19. Jahrhunderts – und sie sind gut gemacht, sie verbinden sich mit der feurigen Klangregie des Dirigenten Zubin Mehta zu starken Theatermomenten, die Spaß machen. Nun sind effektvolle Massenszenen an und für sich ja nichts Verwerfliches, vor allem, wenn sie so exzellent gesungen sind wie vom Bayerischen Staatsopernchor.
Überhaupt war Zubin Mehta der Motor des Abends, ein Starkstromgenerator, der seine Musiker unter Dauerspannung setzte, immer wieder zu elektrisierenden Ausbrüchen animierte und selbst in den lyrischen Passagen die perfekt reagierende Orchester-"Maschine" nur soweit drosselte, daß immer ein latenter Vorwärtsdrang spürbar blieb – von dem sich Vladimir Bogachov als Otello allerdings allzu häufig zu tenoralen Kavalierstarts verleiten ließ. Daß er seine Heldenstimme durchaus differenziert einsetzen kann, bewies er erst in der Finalszene im vokalen Zweikampf mit sich selbst: vor Eifersucht ebenso glühend wie vor Liebe.
Frederik Hanssen, Der Tagesspiegel, 03.07.99
Jedes instrumentale Detail ist in einen spannungsvollen Bogen eingebunden, der sich von den ersten Takten bis hin zum großen Chortableau des Finales wölbt. Im vierten Akt wird die musikalische Konzeption einer klar strukturierten, sehnig-gespannten Verdi-Interpretation deutlich, die Pausen, scheinbar vibratolos im Raum stehende Akkorde und eine nie vordergründige kühle Dramatik bestimmen.
Klaus Kalchschmid, Opernwelt, 08/99
Daß letztlich doch das Psychodrama die Oberhand gewinnt, ist den von Zambello präzis geführten, primär aber mit vokalen Mitteln gestaltenden Protagonisten zu verdanken, allen voran dem russischen Tenor Vladimir Bogachov in der Titelrolle. Seinem unförmig massigen Körper entströmt eine Stimme von ungeahnter Subtilität, und aus diesem Kontrast wird die Figur entwickelt: der glorreiche Türkenbezwinger ist als häßlicher Mohr, als Fremder unter den Venezianern, als Mann einer schwangeren Frau schwach, unsicher und verwundbar, und Bogachovs Stimme verfügt über das Potential, diesem Charakter klanglichen Ausdruck zu geben: ein sicheres, baritonales Fundament, eine mühelose, strahlkräftige Höhe, vor allem aber ein Piano, wie man es in dieser Zartheit und Nuanciertheit kaum je von einem Otello gehört hat. So werden denn die Szenen Otello/Desdemona zu den intensivsten, packendsten der Aufführung, auch wenn Amanda Roocrofts klangschöner, beseelter, in der obersten Lage jedoch leicht forcierter Sopran weniger Facetten aufweist.
Vor allem Zubin Mehtas oft extreme Tempi zeugen von dem ausgeprägten musikalischen Gestaltungswillen, der das musikalische Erscheinungsbild dieses Münchner
Otello kennzeichnet – auch in den hochkarätig besetzten Nebenrollen (Cassio: Raymond Very, Emilia: Hana Minutillo), vor allem aber im Spiel des hörbar motivierten Orchesters, das unter seinem neuen Chefdirigenten ein Höchstmaß nicht nur an Plastizität, sondern auch an Transparenz des Klanges erreicht. Die Fortissismo-Ausbrüche allerdings, in denen Mehta Urgewalten freizusetzen scheint, gehen zulasten der Gesangssolisten. – Hätte Francesca Zambello vom großen Opernspektakel ganz Abstand genommen, es wäre ein wirklich festspielwürdiger
Otello geworden.
Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung, 03.07.99
Nicht der Mohr von Venedig, sondern der Mann am Pult ist der Star des Abends.
In seiner mit großem Atem durchkomponierten Ausdrucksintensität, seiner farbenreichen Instrumentierung und hochdramamtischen Zuspitzung birgt dieses 1887 uraufgeführte Spätwerk reiche Schätze. Mehta hebt sie souverän ans Licht. Da stiften rhythmische Feinheiten Unruhe, klingen Nebenstimmen charakterisierend auf, schaffen Motive Verbindungen. Mehta führt das blendend disponierte Staatsorchester unter einem großen dramatischen Spannungsbogen zu einer ebenso klangschönen wie ausdrucksstarken Interpretation.
Gabriele Luster, General-Anzeiger, 03./04.07.99