Chowanschtschina - CD-Tipp

Chowanschtschina
Modest Mussorgsky

Modest Mussorgsky: Chowanschtschina

Die Popularität eines Kunstwerks kann eng mit seiner Qualität zusammenhängen – der Glücksfall, für den es bekanntlich viele Beispiele gibt. Sie muss es aber nicht: Bei Bachs<


 


Das erste der beiden Probleme hat sich heute erledigt. Dmitri Schostakowitsch nahm sich in den 1950-er Jahren des unvollendeten Werks an, überarbeitete und instrumentierte es kongenial und vor allem im Inneren wesensverwandt. Seit der Leningrader Erstaufführung (1960) hat sich seine Fassung durchgesetzt und „Chowanschtschina“ zwar nicht gerade zur Repertoireoper, doch immerhin zum trotz des immensen Aufwands gern gespielten interessanten Außenseiter werden lassen. Dass auch der zweite Grund für die Unterschätzung von Mussorgskys Meisterwerk heute nur noch eine marginale Rolle spielt, erklärt sich aus unserem Zeitgeist. Natürlich „rühren“ uns auch heute Figuren wie Rigoletto oder Cio-Cio-San mehr als die machtversessenen Anführer des Strelitzenaufstands, natürlich sind die großen „Fragwürdigen“ der Opernliteratur von Poppea bis zu Aribert Reimanns Lear – vor allem in überragender Besetzung – „interessanter“ als sie. Von existenzieller Wichtigkeit für den Erfolg eines Opernerlebnisses ist ihr Vorhandensein in unserer der Objektivität und Authentizität verpflichteten Epoche nicht mehr. Die großen Zusammenhänge, das „Politische“ eines Stoffes – und „Chowanschtschina“ (was übrigens etwa soviel wie„Chowanskerei“ oder – härter – „Chowansky-Schweinerei“ heißt) ist so politisch wie nur wenige andere Bühnenwerke –, seine Aktualität, die Möglichkeit, Analogien zur Welt von heute zu finden (Massenselbstmord!), all dies steht jetzt im Mittelpunkt. Wie weit muss Mussorgsky wohl in die Zukunft gesehen haben, als er die russische Vergangenheit beschwor – erst in den vergangenen drei Jahrzehnten war seine Zeit gekommen.

Es war und ist einer der ganz großen Dirigenten unserer Zeit, der daran entscheidenden Anteil hat – Claudio Abbado. Auch er ein Phänomen der Objektivität, erkennt er wie nur wenige sonst das Zukunftweisende, das im besten Sinne Moderne an Komponisten der Vor-Moderne. Kein Zufall, dass der „ganze“ Mussorgsky zu seinen besonderen Lieblingen zählt. Seit seiner ersten Mussorgsky-LP von 1980, als er bis heute gültige Ersteinspielungen seltener Orchesterwerke aufnahm, und dem triumphalen „Boris Godunow“ (in der Regie von Juri Ljubimow) in der Mailänder Scala vom Dezember des selben Jahres setzt er sich intensiv mit dem Gesamtwerk des großen Unvollendeten auseinander. Die beiden bedeutendsten Früchte dieser Arbeit waren sicher der Salzburger „Boris“ (Regie: Herbert Wernicke, 1994) und die triumphale Wiener „Chowanschtschina“ (Regie: Alfred Kirchner, 1989). Beide sind dokumentiert.

In der „Chowanschtschina“, natürlich in der Schostakowitsch-Fassung (DG, 3 CD in phänomenaler Klangqualität, hier werden alle Register der Tontechnik gezogen!), wird Abbado dabei von einem beispiellosen Sängerensemble unterstützt, was bei einem Werk, das so eindeutig das Kollektiv über das Individuum stellt, natürlich besonders wichtig ist: Aage Haugland (Fürst Iwan Chowansky), Wladimir Atlantow (Fürst Andreij Chowansky), Wladimir Popow (Fürst Wassilij Golizyn), Anatolij Kotscherga (Schaklowity), Paata Burchuladze (Dossifej) Marjana Lipovšek (Marfa) in den Hauptrollen und Heinz Zednik, wie immer eine Luxusbesetzung für Charakter-Comprimari, als Schreiber. Die Wiener Philharmoniker finden auch für dieses durchwegs dunkel timbrierte Werk den richtigen (!) Ton, der bei Mussorgsky so eminent wichtige Chorpart ist bei der Professionalität des Wiener Staatsopernchors idiomatisch und sängerisch bestens aufgehoben. Abbado selbst schafft es wie immer in seinen Mussorgsky-Aufnahmen, Wucht und Filigranität, das Gleissende und das Dumpfe, Ekstase und Meditation in idealer Weise zu verbinden. Hochspannend und aktuell, ja brisant. Die großartige Referenzeinspielung eines großartigen Werks.

Ludwig Robeller