Luisa Miller - CD-Tipp

Luisa Miller
Giuseppe Verdi
Salvatore Cammarano nach Friedrich Schillers Kabale und Liebe

Giuseppe Verdi
"Luisa Miller"
Cleva/Moffo/Bergonzi
Sony/BMG 1964
2 CD


 
 


Nirgendwo zeigt sich die Ambivalenz des Mediums Tonträger so signifikant wie im Bereich der Oper, nirgendwo sonst präsentieren sich seine Vorzüge und Nachteile so deutlich wie hier. Natürlich ist es dokumentarisch und ästhetisch großartig, die exemplarischen Leistungen der Vergangenheit nachprüfen und nach-genießen zu können. Auf der anderen Seite wird jemand, der jede Tosca an Maria Callas, jeden „Tristan“-Dirigenten an Furtwängler, jeden Tamino an Fritz Wunderlich misst, in seiner Voreingenommenheit kaum wirklich befriedigende Opernstunden erleben. So falsch diese Vergleiche auch sind, zumindest im Unterbewusstsein ist kaum einer von uns dagegen gefeit. So nimmt es auch nicht wunder, dass sich (nicht nur auf dem Gebiet der Oper) in den vergangenen fünfzig Jahren, in denen sich die Schallplatte einen gleichberechtigten Platz neben dem Live-Erleben erobert hat, auch das Repertoire veränderte und erweiterte. Um dem (un-)„sportlichen“ Kräftemessen aus dem Weg zu gehen, begann man bisher Vernachlässigtes, als zweitrangig oder veraltet Abqualifiziertes wieder zu entdecken – die von Anfang an von der Schallplatte begleitete und geförderte „Renaissance“ der so genannten Alten Musik ist dafür ein besonders augenfälliges Beispiel. Auch für spätere Epochen gilt selbst bei den zentralsten Komponisten Ähnliches: So war noch zu Beginn der 70-er Jahre Wagners Frühwerk nahezu unbekannt, gab es kaum Janáček-Aufnahmen, klafften gewaltige Lücken bei Mozart und Verdi, vom Œuvre eines Donizetti oder Meyerbeer ganz zu schweigen. Dass sich dies grundlegend verändert hat und dass viel mehr Werke heute in das aktive Bewusstsein gerückt sind, verdanken wir neben der Experimentierlust einzelner wagemutiger Regisseure oder Dirigenten vor allem der Schallplatte. Insbesondere bei Werken, die trotz ihrer Stärken aufgrund eben auch innewohnender Defizite lange Zeit auf der Bühne – wenn überhaupt – ein Schattendasein fristeten, hat sich viel getan. Die „konzertierte Aktion“ veränderter, die Essenz unter Nichtachtung lange Zeit üblicher Äußerlichkeiten suchender Inszenierungsformen und exemplarischer Einspielungen der Musik ermöglicht uns heute andere und bessere Einsichten in großartige Werke, deren „Brüche“ sie gerade interessant machen.

Giuseppe Verdis „Luisa Miller“ ist dafür ein ganz typisches Beispiel. Die Oper, als eine der letzten seiner „Galeerenjahre“ nur wenige Monate vor dem „Rigoletto“ entstanden, enthält eine Fülle nicht nur schöner, sondern bereits ganz großartiger Musik, die der seiner berühmtesten Werke in nichts nachsteht. Auf der anderen Seite dürfte aber außer Frage stehen, dass dieses Werk heute in „traditioneller“ Form nicht mehr spielbar ist. Der von Verdi sehr geschätzte Librettist Salvatore Cammarano musste den Stoff des genial-wütenden Jugenddramas „Kabale und Liebe“ Friedrich Schillers durch die restriktive Zensur des neapolitanischen Vormärz von 1849 (!) bringen und verballhornte es zu einer grotesken Tiroler Klamotte im Bermudadreieck zwischen „Fille du Régiment“, Geierwally und Ganghofer. Was passiert, wenn man dies heute ungefiltert übernimmt, zeigt sich in der soeben von der Deutschen Grammophon als DVD wieder veröffentlichten Met-Produktion von 1979, die trotz wundervoller musikalischer Leistungen (Scotto/Domingo/Milnes/Levine) optisch nur ein Panoptikum unfreiwilliger Komik bietet.

Ein ganz anderes Erlebnis vermittelt eine (Audio-)Aufnahme, die 1964 in Rom unter der Leitung von Fausto Cleva entstand (Sony/BMG, 2 CD): Man hört Verdi und imaginiert Schillers Drama als Meta-Ebene. Wie anderen Verdi-Gesamtaufnahmen der RCA Italiana aus den 60-er Jahren („Macbeth“, „Ernani“, „Ballo“, „Forza“ etc.) muss man auch dieser musikalischen, vor allem aber sängerischen Referenzstatus zuerkennen: Anna Moffo in der Titelpartie, Shirley Verrett (Federica), Giorgio Tozzi (Walter), Ezio Flagello (Wurm) und Cornell MacNeil (Miller), alle im Zenit ihrer Laufbahn, verhelfen unter Clevas straffer, feuriger Leitung der für den mittleren Verdi so typischen Hitzigkeit ebenso zu ihrem Recht wie dem Melos des Lyrischen. Über allen aber steht sicherlich noch Carlo Bergonzi als Rodolfo – und dies nicht nur, weil Verdis wohl schönste Tenorarie Quando le sere al placido anmutet, als hätte er sie für ihn geschrieben. Bergonzi ist kein Belcantist im Sinne Donizettis oder Bellinis, er ist der Verdi-Belcantist; nicht ohne Grund zeichnet ihn das führende CD-Magazin Gramophone im Jahre 2000 mit dem Lifetime Achievement Award aus – simple Begründung: The Greatest Verdi Tenor of the Century.

Ludwig Robeller