Eugen Onegin - CD-Tipp
Peter I. Tschaikowsky
Peter I. Tschaikowsky und Konstantin S. Schilowsky nach dem Versroman von Alexander Puschkin
Peter Iljitsch Tschaikowsky: „Eugen Onegin“
Levine/Allen/Freni/Shicoff
Deutsche Grammophon
2CD
Könnten nur Russen Tschaikowsky musizieren, nur Wiener Schubert, nur Italiener Rossini oder Franzosen Debussy, wären alle diese Komponisten nicht Schöpfer großer Weltkunst, sondern Protagonisten jämmerlicher Provinzialität. Besonders im Falle Tschaikowskys muss man sich nur viele grotesk heruntergedroschene Aufnahmen etwa der 4. oder 5. Symphonie zumuten, um vom nicht auszurottenden Vorurteil über die „Authentizität russischen Musizierens“ endgültig geheilt zu werden. Bei seinen Opern ist dies nicht viel anders: „Eugen Onegin“-Aufnahmen etwa aus dem Bolschoi-Theater oder dm Leningrad der Vor-Gergiev-Zeit zeugen von liebloser Routine, von der für die Sowjet-Zeit typischen Friedhofsruhe der „Bewahrung des kulturellen Erbes“. Es geht auch anders, am besten mit Künstlern, denen das spezifische Werk fernab des Selbstverständlichen wirklich am Herzen liegt. Eine ganze Anzahl derartiger Menschen sammelte James Levine um sich, um mit ihnen im Dresden der Vor-Wende-Zeit (1987) Tschaikowsky zu musizieren: Mirella Freni als Tatjana, von ihrem Ehemann Nicolai Ghiaurov wunderbar auf das Russische präpariert, sängerisch immer noch eine Offenbarung, und Neil Shicoff als Lenski, kein zarter Träumer, sondern ein junger Mann, der nur glücklich leben möchte und in der Todesbewusstheit der Duellszene die ganze Tragik der unseligen Situation offenbart, sollen besonders herausgehoben sein. Schöner als Paate Burchuladze kann man die Gremin-Arie nicht singen, eine anmutigere Olga als Anne Sofie von Otter lässt sich ebenfalls schwerlich vorstellen. Schließlich Thomas Allen in der Titelrolle: eine wunderbare Stimme, dabei genauso snobbish und äußerlich unbeteiligt, wie es sich Tschaikowsky im Sinne seiner Rollenkonzeption wohl vorstellte. Die Dresdner Comprimari und der hervorragende Leipziger Rundfunkchor runden eine sängerisch beeindruckende Gesamtleistung ab. Levine am Pult der Dresdner Staatskapelle beweist einmal mehr, was ihn als Opern-Dirigent auszeichnet: er kann die Sänger tragen, die Musik natürlich fließen lassen, er stellt die Ursache immer über die Wirkung. Die insgesamt überzeugendste Aufnahme des Werks (Deutsche Grammophon, 2 CD) – ohne einen einzigen Russen (außer Tschaikowsky, und der steht wahrhaft im Mittelpunkt!)
Ludwig Robeller
