Nabucco - CD-Tipp

Nabucco
Giuseppe Verdi
Temistocle Solera

„Seit Nabucco habe ich, kann man sagen, nicht eine Stunde Ruhe gehabt. Sechzehn Galeerenjahre!“ Dieses berühmte Zitat aus einem Brief Giuseppe Verdis an die Gräfin Clara Maffei von 1858, dem Jahr des „Ballo in maschera“,
 
 


Zu den größten Triumphen dieser Schaffensperiode Verdis gehört gleich die erste Oper aus dieser langen Reihe: „Nabucco“. Womit wir beim nächsten Missverständnis wären: Es geht natürlich um „Va pensiero“, die heimliche „Nationalhymne“ des italienischen Risorgimento. Immer wieder stößt man auf die Behauptung, der Erfolg des „Nabucco“ hinge essentiell mit der politischen Bedeutung des berühmten Sklavenchors für das um Freiheit und Einheit kämpfende Italien der Jahrhundertmitte zusammen. Natürlich mag dies einen Teil dazu beigetragen haben, mehr jedoch nicht (die Oper wurde in den drei Jahren nach ihrer Uraufführung nicht weniger als 58mal neuinszeniert, und dies keineswegs nur in Italien!). Vielmehr sind es doch die typischen Qualitäten des Opernkomponisten Verdi, die in „Nabucco“, seiner dritten Oper nach dem noch ganz traditionellen „Oberto“ und dem missglückten Komödienversuch „Un giorno di regno“ erstmals klar ersichtlich zum Vorschein kamen: die starken Tableaus, die einfache, unverzärtelte und prägnante musikalische Diktion, der melodische Erfindungsreichtum (natürlich gipfelnd in „Va pensiero“, das ja nicht zufällig zu einem der berühmtesten Stücke der ganzen Opernliteratur wurde), vor allem aber die eruptive, mitreißende Kraft des 28-jährigen Komponisten.
Anders als die übrigen früheren Werke Verdis vor dem „Rigoletto“- Durchbruch bedurfte „Nabucco“, diese großartige, kraftstrotzende Oper, nie einer ehrenrettenden Wiederentdeckung, sie blieb als einzige stets auf den Spielplänen, war trotz ihres „Rohdiamanten“-Status nie mit dem Hautgout des Grobschlächtig-Unfertigen behaftet, ist auch heute noch im Gegensatz etwa zu „Luisa Miller“ „integral“ spielbar. Einen stimmmächtigen, als Persönlichkeit überzeugenden Bariton für Nabucco fand man eigentlich immer, die grausam schwierige Partie der Abigaille, von den Anforderungen her Sieglinde, Tosca und Lucia in einem, blieb allerdings problematisch und konnte nur selten erstklassig besetzt werden. 1949 brillierte die erst 26-jährige Maria Callas mit ihr in Neapel. Ein Mitschnitt der Premiere hat sich erhalten. Trotz ihres Kultstatus unter Callas-Aficionados kann sie aufgrund ihrer desolaten Klangqualität leider nur Hardcore-Fans historischer Aufnahmen empfohlen werden. Schade, denn wie der junge Komponist mit seinem Werk, stürzte sich auch die junge Sängerin in dieser Mörderpartie radikal, mit Einsatz aller reich vorhandenen Mittel ins Rampenlicht, selbstsicher und triumphal.
Im Studio entstand nur eine einzige rundum empfehlenswerte Aufnahme des „Nabucco“: Lamberto Gardelli, der sich später so verdienstvoll um die Waisenkinder unter den frühern Verdi-Opern kümmern sollte, spielte das Werk im Oktober 1965 in den Wiener Sophiensälen mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper für die englische Firma Decca ein (2 CD im unvergleichlichen Decca-Sound). Mit dem einzigartigen Tito Gobbi hatte er natürlich den stimmmächtigen und als Persönlichkeit überzeugenden Bariton für die Titelpartie zur Verfügung, den sie erfordert. Carlo Cava, Bruno Prevedi und Dora Carral sind sehr gute Besetzungen für die eher unproblematischen Rollen von Zaccaria, Ismaele und Fenena. Für Elena Souliotis (1943 – 2004), die sich mit 22 Jahren den Herausforderungen der Abigaille-Partie stellte, wurde diese Rolle zum Schicksal. Natürlich sang sie sie zu früh, nach triumphalem Erfolg und der unvermeidlichen Callas-Nachfolge-Diskussion leider auch zu oft und zerstörte ihre unvergleichliche Stimme schon in jungen Jahren. Für Gardellis Aufnahme war sie ein Glücksfall, genau die richtige Sängerin für die richtige Rolle zur richtigen Zeit.

Ludwig Robeller